Schrullige Westfalen-Biographie: „Der Fasan kommt öfter als du und dein Bruder“

Schrullige Westfalen-Biographie : „Der Fasan kommt öfter als du und dein Bruder“

Der Autor zeigt sich fit, tänzelt bei der ersten Lesung im Leseherbst der Stadtbücherei leichtfüßig, stellt sich seinen Hörern gut gelaunt vor. Bernd Gieseking, vielen bekannt als Kabarettist, hat seine Gäste schnell auf seiner Seite. Denn er hält sich für einen lustigen Westfalen.

Geboren in der Nähe von Minden, also mehr oder weniger am anderen Ende NRWs, hält er, so sein Statement, die Westfalen für witziger als die Rheinländer. Sein Beweis: Die Kölner seien nur zu Karneval witzig und lustig. Die tatsächlich Witzigen seien die Zugereisten in dieser Stadt.

Gieseking hatte eine Menge Sprüche drauf. So seien im Rheinland Küsse nichts wert. Diese Bützchen überall, die seien oberflächlich. „In Westfalen ist ein Kuss schon ein Eheversprechen“, behauptet er.

Wie humorvoll und witzig die Westfalen seien, zeige beispielhaft der Spruch, den seine Eltern für ihre Goldene Hochzeit gewählt hatten: 50 Jahre Krieg und Frieden.

Um diese Eltern geht es in Giesekings Buch „Früher hab‘ ich nur mein Motorrad gepflegt“. Beim Überholen von Wohnwagen auf der Autobahn kam dem Autor die Erleuchtung. Er wollte eine Zeitlang mit seinen alternden Eltern verbringen, ohne ihnen jedoch zu nahe zu sein.

In Haus und Hof seiner alten Mutter und seines mittlerweile gebrechlicher werdenden Vaters ist viel zu tun. Arbeiten, die die Beiden bald nicht mehr schaffen werden. Eines Tages teilt die Mutter Sohn Bernd mit, dass sein Vater gestürzt ist. „Dreieinhalb Rippen sind gebrochen“, sagte die Mutter am Telefon.“ Aber er, der Sohn, brauche sich nicht zu beeilen, denn „ein Rippenbruch ist kein Beinbruch.“

Ersten Hilferuf des Vaters

Eine Kellertür im elterlichen Haus muss ausgehängt und abgeschnitten werden, weil neue Rohre an der Decke verlegt worden sind. Bernd empfindet das als ersten Hilferuf seines Vaters mit dem stillen Eingeständnis, dass er eine solche Aktion nicht mehr allein bewerkstelligen könne. „Das war eine Art Erdbeben für mich“, gestand Bernd Gieseking.

Der Wohnwagen von Nachbarin Doris wird geliehen, damit Bernd für eine Weile in der Nähe seiner Eltern sein kann. Dass der Wohnwagen nicht im rechten Winkel und nicht in der Waage steht, wurmt seine Eltern aber sehr, sind sie doch darauf bedacht, dass alles korrekt abläuft.

Doch mit der Übersiedlung Bernds in den Wohnwagen geschieht Unerwartetes. Bernd, der in seiner Fantasie immer wieder die Frauen des Dorfes — und mit ihnen seine Mutter — nächtens auf Besen durch die Luft reiten sieht, erschrickt am frühen Morgen nach der ersten Nacht im Wohnwagen. Ein wunderschöner Fasan protestiert mit lauter Stimme gegen den Eindringling. Gieseking imitiert zur Freude seiner Hörer die Fasanenschreie zum Verwechseln. Der Fasan ist der Platzhirsch, für seine Eltern so eine Art Sohn, auf dessen pünktliches Erscheinen seine Erzeuger die Uhr stellen können. „Der Fasan kommt öfter als du und dein Bruder“, presst die Mutter durch ihre Zähne.

Das Buch „Früher hab ich nur mein Motorrad gepflegt“ ließ einzelne Gäste innehalten und sich fragen: „War ich für meine Eltern in der Not greifbar, für sie da?“

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