Nideggen: Der Alltag nach Kriegsende: Fünf Damen erzählen

Nideggen: Der Alltag nach Kriegsende: Fünf Damen erzählen

„Es gab kein Wasser, kein Licht. Um am Brunnen an der Burg Wasser zu holen, mussten wir an den Bombentrichtern vorbei“, erinnert sich die heute 80-jährige Rita Faust an die Zeit unmittelbar nach Kriegsende in Nideggen. „Meine Mutter musste damals beim Entschutten helfen.“ An ein großes, riesiges Loch hinter dem Zülpicher Tor kann sich Rita Faust noch erinnern.

„Wer beim Schutt wegräumen nicht geholfen hat, bekam keine Lebensmittelkarten.“ Für Rita Faust hat sich das Erlebte fest ins Gedächtnis eingebrannt: „Als Kriegskind war man nur aufs Organisieren bedacht. Wir hatten damals kein einziges Möbelstück mehr, keine Decken und haben im Haus auf der Erde geschlafen und mit Mänteln und Jacken zugedeckt. Lia Henn (88), Leane Goyvaerts (83), Elli Baum (82) und Margrit Jungherz (87) können bei der Frage, wie sie als Mädchen und junge Frauen die Kriegs- und Nachkriegszeit erlebt haben, über ähnliche Vorfälle berichten.

Die Eltern von Elli Braun lebten damals in Muldenau. „Als die Amerikaner kamen, mussten wir unser Haus verlassen und wurden in Thuir in einer Scheune untergebracht. Später konnten wir dann wieder zurück ins Dorf. Ich erinnere mich noch, dass da in den Straßen immer noch viele tote Soldaten Lagen“, erzählt Elli Braun.

Leane Goyvaerts hat damals schon als Kind arbeiten müssen. „Mein Vater war nicht im Krieg, er war Bäcker und musste natürlich das Brot backen. Als die Familie nach dem Krieg wieder nach Nideggen zurück kam, stand die Backstube noch. „Da musste ich dann sofort mithelfen“, erinnert sie sich.

Die Kriegserlebnisse als Kinder haben die fünf Damen geprägt. Und sie haben teilweise erlebt, was Millionen Deutsche damals auch erlebt haben. Rita Faust zum Beispiel. Ihr Vater kam 1947 aus Sibirien zurück. „Mein Vater wog damals nur noch 50 Kilo, den mussten wir erstmal aufpäppeln. Meine jüngere Schwester kannte ihren Vater noch gar nicht“, erinnert sie sich. Und auch daran, was für ein komisches Gefühl es war, dass nach acht Jahren plötzlich wieder ein Mann im Haus war. Oder Margrit Jungherz, die nach dem Krieg im Alter von 18 Jahren vom damaligen Nideggener Bürgermeister dazu verpflichtet wurde, in der Zerkaller Papierfabrik Briefumschläge zu kleben, damit dort überhaupt wieder produziert werden konnte.

„Die Frauen haben das Land nach dem Krieg wieder aufgebaut“, sagt Elli Baum. Ergänzen muss man es vielleicht um die Aussage: Und die Kinder und Jugendlichen haben dabei geholfen. Für Ausbildung und Schule blieb da nicht immer die nötige Zeit. „Ich hatte keine Gelegenheit, einen Beruf zu erlernen“, erinnert sich Elli Baum — arbeiten musste sie natürlich trotzdem.

Natürlich verklären sich rückblickend die Ereignisse. Der Mangel von damals wird heute nicht mehr als so schlimm empfunden. „Trotz der widrigen Umstände waren wir dennoch meist zufrieden. Es war eben so wie es war. Wir waren schon froh, wenn wir satt wurden“, beschreibt Rita Faust heute, was sie als Kind empfunden hat.

Und wenn ihr Vater aus einem alten Lkw-Reifen mit einem Messer Sohlen fertigte, mit Lederriemen versah und zu Sandalen umfunktionierte, dann war man als Kind über das neue Schuhwerk mehr als zufrieden. Und wehe, man passte nicht darauf auf! Rita Faust: „Mein Bruder zog die Sandalen beim Klettern auf einen Baum einmal aus. Das nutzte jemand aus und nahm sie ihm weg. Das war ein richtiges Drama!“

In guter Erinnerung geblieben ist den fünf Damen aus Nideggen ein ganz anderes Ereignis: das erste Schützenfest nach dem Krieg im Jahr 1947. Rita Faust: „Das war damals das erste große Fest, zu dem wir unsere Verwandtschaft einluden. Meine Mutter war vorher nach Düren gefahren, um mir Stoff für ein Ballkleid zu kaufen. Als es fertig war, hing es im Schlafzimmer am Schrank und ich sah es mir jeden Abend voller Stolz an.“ Das Schützenfest roch nach Aufbruch. Rita Faust: „Wir haben richtig gefeiert. Endlich gab es mal keine Befehle. Endlich hörten wir nicht das übliche ‚Du musst dies, Du musst das‘.“ Es war ein Neuanfang.