Das Junkerhaus war vor 100 Jahren ein Rückzugsort für Künstler

Simonskall inspiriert Querdenker : Workshops und Kunstaktionen erinnern an die Kalltalgemeinschaft

Das Junkerhaus in der 50-Seelen-Gemeinde Simonskall war vor 100 Jahren eine Art Rückzugsort für Künstler und Begründer eines neuen Sozialismus. Zahlreiche Veröffentlichungen von damals erinnern im Rahmen der Bauhüttenwoche an die Kalltalgemeinschaft.

Die schrecklichen Erlebnisse des Ersten Weltkrieges waren noch absolut präsent, die Menschen auf der Suche nach neuen Gesellschaftsformen, mehr Gerechtigkeit und einer neuen Ordnung. In Weimar hat Architekt Walter Gropius im Jahr 1919 das „Staatliche Bauhaus“ als Kunstschule gegründet und damit eine ganz eigene Bewegung geschaffen.

In Simonskall in der Gemeinde Hürtgenwald war es das Kölner Künstlerehepaar Carl Oskar Jatho und Käthe Jatho-Zimmermann, das in der Eifel, genauer gesagt im Junkerhaus, die Kalltalgemeinschaft gegründet und zwei Jahre dort gelebt hat. In dieser Woche wird an diese Gemeinschaft und die Kalltalpresse mit verschiedenen Workshops und Kunstaktionen erinnert.

„Es war 1919 ein Stück Zeitgeist, in der desolaten Nachkriegszeit neue Gestaltungsräume zu entwickeln“, sagt Kunshistorikerin Dr. Martina Padberg, die die Woche „Eine Bauhütte für Kathedralen des 21. Jahrhunderts“ in Simonskall organisiert – übrigens als Teil des Projektes „100 Jahre Bauhaus im Westen“ des NRW-Ministeriums für Kultur und Wissenschaften sowie der Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen-Lippe. Padberg: „Viele Künstler haben sich damals überlegt, was ihr Beitrag zu einer besseren Welt sein könnte. Und genau das war auch der Ansatz von Carl Oskar Jatho und Käthe Jatho-Zimmermann.“ Die beiden haben mit ihrem kleinen Sohn als Selbstversorger in Simonskall gelebt und sich dem einfachen, teils armen Leben der Dorfbewohner angeschlossen.

An den Zufluchtsort für Künstler erinnern zahlreiche Veröffentlichungen von damals, die im Rahmen der Bauhüttenwoche ausgestellt wurden. Foto: ZVA/Sandra Kinkel

„Carl Oscar Jatho“, erklärt Padberg, „war Publizist, seine Frau Schriftstellerin. Währen ihrer Zeit in der Eifel haben sie versucht, viele Künstlerfreunde nach Simonskall einzuladen und mit ihnen Utopien für eine bessere Welt zu entwickeln. Padberg: „Unter anderem waren die Künstler Franz W. Seiwert, Heinrich und Agathe Hoerle, Maler Otto Freundlich und Schriftsteller Ret Marut alias B. Traven in Simonskall.“ Für Marut war das Junkerhaus sogar ein Fluchtpunkt. Marut gehörte zu den Initiatoren der Münchener Räterepublik, also jenem etwa vier Wochen währenden Versuch, im fünf Monate zuvor gegründeten Freistaat Bayern eine sozialistische Räterepublik zu etablieren.

Und er sollte – wie viele seiner Genossen – nach deren Niederschlagung standrechtlich erschossen werden. Padberg: „Marut ist damals in Simonskall regelrecht untergetaucht.“ Von Simonskall aus haben die Künstler Texte publiziert und kleine Hefte veröffentlicht.“ Zu einigen der wohl bekanntesten Ausspüche von Carl Oscar Jatho gehört: „Wo Gemeinschaft beginnt, beginnt Menschheit. Gemeinschaftsbeginn ist Menschheitsbeginn.“ Die Künstler hätten sich seinerzeit, ergänzt Padberg, intensiv mit Religion, vor allem dem Leid Christi, beschäftigt, Hierarchien in Frage gestellt und sich mit Sozialismus auseinandergesetzt.

Projektmanagerin Dr. Martina Padberg. Foto: ZVA/Sandra Kinkel

Mit der Woche „Eine Bauhütte für Kathedralen des 21. Jahrhunderts. Europa. Utopisch. Denken.“ wollen die Verantwortlichen um Dr. Martina Padberg Simonskall erneut zu einem Ort machen, an dem Menschen über Utopien nachdenken. Es gibt verschiedene Workshops, zum Beispiel eine Literaturwerkstatt, Stimmimprovisationen mir einer ausgebildeten Sängerein und eine Denkschule. Rund 80 Schüler der Grundschule „Eifelfüchse“ mit Standorten in Bergstein und Vossenack sowie der Sekundarschulen Kreuzau/Nideggen und Nordeifel haben ein Theaterstück erarbeitet und aufgeführt „Auch heute“, sagt Martina Padberg, „geht es darum, Utopien zu entwickeln, nämlich Utopien für ein besseres Zusammenleben, eine bessere Welt.“

In Anlehnung an das Ehepaar Jatho haben die Schüler sich unter anderem auch mit Drucktechnik auseinandergesetzt und auf die Straße vor dem Junkerhaus Sprüche und Thesen geschrieben. „Mehr Natur, mehr Leben“ ist da beispielsweise zu lesen und „Essen nie schmeißen“ und „Kein Rassismus“. „Die Frage, die wir uns stellen“, sagt Padberg, „ist ob wir heute noch wirkliche Kathedral-Projekte haben, also Projekte, bei denen vor allem der Gemeinschaftsgedanke im Mittelpunkt steht. Dabei ist deutlich geworden, dass gerade die Jugendlichen sich vor allem mit klimapolitischen Themen und der Frage nach einem guten Miteinander beschäftigen.“

Grundsätzlich hätte sich die Projektmanagerin mehr Erwachsene als Workshopteilnehmer gewünscht. „Einfach weil ich glaube, dass diese Woche für alle Teilnehmer enorme Erfahrungen gebracht hat, die sie nie mehr vergessen weren.“ Darüber hinaus ist Padberg überzeugt, dass auch Simonskall mit seinen knapp 50 Einwohnern von der Künstlerwoche profitiert hat.

Gute Nachbarschaft

Damals wie heute, betont Padberg, seien die Künstler von den Menschen in Simonskall gut empfangen worden. 1919 haben die Simonskaller die Schriftsteller und Maler mit Lebensmitteln versorgt, heute hat ein örtliches Hotel, den Teilnehmern des Theaterworkshops für die gesamte Woche seinen Tagungsraum kostenlos zur Verfügung gestellt. Die Schreibwerkstatt findet sogar komplett in einem Privathaushalt statt. Padberg; „Simonskall hat für die Künstler in dieser Woche noch einmal einen ganz besonderen Charme entwickelt. Und vielleicht gelingt es ja in Folge dieser Woche, eine dauerhafte museale Präsentatin im Junkerhaus zu etablieren, die an die Kalltalgemeinde erinnert.“ Die Gemeinde Hürtgenwald als Eigentümerin des Junkerhauses wünscht sich schon lange eine intensivere Nutzung für das Gebäude.

„Das Junkerhaus wird zwar genutzt“, erklärt Bürgermeister Axel Buch, „aber eben nur sporadisch. Da ist sicherlich viel mehr möglich.“ Derzeit, ergänzt der Christdemokrat, gäbe es intensive Gespräch mit dem zuständigen Ministerium, auch vor dem Hintergrund, Fördermittel zu bekommen, um eventuell das Nachbarhaus noch zu erwerben.

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