Düren: „Das geht aber nicht im Schlafwagen!”

Düren : „Das geht aber nicht im Schlafwagen!”

Als Siemens-Chef Heinrich von Pierer vergangene Woche in der Münchener Konzernzentrale das vorläufige Ende im Streit mit den Gewerkschaften verkündete, stand ihm die Genugtuung ins Gesicht geschrieben.

Hart und kompromisslos wie nie hatte er sich mit der IG Metall angelegt und für zunächst zwei von der Verlagerung nach Ungarn bedrohte Werke das Ende der 35-Stunden-Woche eingeläutet. Weitere 100 Unternehmen verhandeln derzeit nach dem Vorbild von Siemens über eine 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich.

Das ist der Stand der Dinge. Doch wie sieht es in der Region aus? Sind ähnliche Szenarien wie bei Siemens zu erwarten? Unser Redaktionsmitglied Marlon Gego stellte fünf Fragen, die, quasi für die Arbeitgeberseite, der Geschäftsführer der Vereinigten Industrieverbände von Düren, Jülich, Euskirchen und Umgebung beantwortete, ebenso wie - für die Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsseite - Paul Zimmermann beantwortete, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Düren.

1. Welche konkreten Chancen bietet die Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche und welche Gefahren sind mit ihr verbunden?

Zimmermann: Wir sehen keine Notwendigkeit für eine Wiedereinführung. Allerdings bleibt festzuhalten, dass es nach §6 und §2 des Beschäftigungssicherungstarifvertrages etwa bei Sanierungsbedarf möglich ist, zeitweise die Arbeitszeit zu erhöhen. Natürlich bedarf dies im Einzelfall der genauen Überprüfung.

Sowka: Weder fordern noch erwarten wir die flächendeckende Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche. Wir möchten allerdings, dass den Unternehmen der Freiraum gegeben wird, mit dem Betriebsrat zu entscheiden, ob im jeweiligen Fall 35, 36, 37 oder 40 Wochenarbeitsstunden erforderlich sind. Auf der Betriebsebene sollte auch autonom entschieden werden können, ob dies mit oder ohne Lohnausgleich geschehen sollte - ohne, dass es einer Zustimmung der Tarifvertragsparteien bedürfte.

2. Wenn jeder Arbeitnehmer künftig mehr arbeiten würde, wäre nicht die Gefahr groß, dass auf mittlere Sicht eher Arbeitsplätze vernichtet als gehalten bzw. hinzukommen werden?

Zimmermann: Das sehen wir so, ja. Eine Arbeitszeiterhöhung bedeutet auf Sicht immer, dass weniger Arbeitsplätze benötigt werden.

Sowka: Ich sehe mich in guter Gesellschaft, wenn ich glaube, dass Deutschland in Europa und auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähiger würde, wenn seine Menschen mehr arbeiteten - ohne oder mit geringem Lohnausgleich.

3. Wie realistisch ist eine flächendeckende Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche auch in der Region?

Zimmermann: Das betrachte ich als vollkommen unrealistisches Szenario.

Sowka: Wie gesagt, wir haben uns das nicht auf die Fahnen geschrieben. Dennoch glaube ich, dass wir es uns nicht künftig leisten können werden, nur 35 Stunden in der Woche zu arbeiten. Der Kostendruck für die Unternehmen ist einfach zu groß.

4. Sind Kompromisse wie der mit Siemens ausgehandelte nicht nur ein zeitlich begrenzter? Wird, bei realistischer Betrachtung, die Produktion vieler Betriebe nicht früher oder später ohnedies nach Osteuropa verlagert?

Zimmermann: In einem globalisierten Kapitalismus gibt es grundsätzlich keine Arbeitsplatzsicherheit mehr. Es wird für Deutschland darauf ankommen, für die Forschung und Entwicklung etwas zu tun, ebenso wie für die diesbezügliche Qualifikation von Arbeitnehmern. Nur so ist der Vorsprung des Landes aufrecht zu erhalten.

Sowka: Wenn wir nichts tun und nur versuchen, den Status Quo aufrecht zu erhalten, den Unternehmen keinen Raum für individuelle Lösungen lassen, wird die Arbeitsmarktentwicklung forciert weitergehen wie derzeit. Die Folgen wären dramatisch. Es stimmt zwar, dass wir nach wie vor viel exportieren, aber viele Zulieferbetriebe sind eben keine deutschen. Bei vielen in Deutschland produzierten Produkten ist die deutsche Wertschöpfung nur noch gering; das sind eigentlich eher Produkte aus Osteuropa. Beispiel: Der VW-Golf wäre doppelt so teuer, wenn er ausschließlich in Deutschland produziert würde.

5. Welcher politischen Signale oder Maßnahmen bedürfte es zur Sicherung von Arbeitsplätzen im produzierenden Gewerbe in der Region?

Zimmermann: Ich weiß nicht, ob es in der Tat weiterer politischer Signale oder Veränderungen bedarf. Vielmehr ist es an den Unternehmen selbst , dessen Führungen und an den Tarifvertragsparteien, etwaige Sicherheiten zu schaffen. Die Unternehmen fordern lautstark, die Politik solle sich mehr zurücknehmen; also bedarf es zur Sicherung von Arbeitsplätzen doch wohl eher unternehmerischer Veränderungen, eines anderen unternehmerischen Denkens.

Sowka: Die Unternehmen brauchen mehr Freiheiten für interne Arbeitszeitlösungen, ohne den Konsens der Tarifvertragsparteien. Die Betriebsautonomie muss auch insgesamt im Verhältnis zur Tarifautonomie wesentlich gestärkt werden. Was die politische Seite angeht, so kann man nur sagen, dass wir in Deutschland verrammelt und verriestert sind. Wir stecken so tief in der Bürokratie, im Regelungsdickicht, dass einzelne Maßnahmen gar nichts mehr bewirken. Wir bräuchten ein unendlich großes Maßnahmenbündel, ansetzend etwa beim Sozial-, Steuer- und Arbeitsrecht. Wir brauchen Visionen. Deutschland wird vor großen Wohlstandsverlusten stehen, wenn wir weiter so tun, als hätte sich die Welt nicht verändert. Wir alle müssen besser werden, wenn wir wieder dahin wollen, wo wir eigentlich hingehören: an die Weltspitze. Das geht aber nicht im Schlafwagen!

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