Sehbehindertentag: Das alte und das aktuelle Düren ertasten

Sehbehindertentag : Das alte und das aktuelle Düren ertasten

„Nicht berühren!“ – dieses Museumsgrundgesetz gilt im Dürener Stadtmuseum für bestimmte Gäste nicht. Zum Beispiel für Mitglieder des örtlichen Blinden- und Sehbehindertenvereins. Einer von ihnen ist Lothar Schubert. So wie der 74-jährige Dürener sind auch alle anderen Menschen, die nicht oder nicht gut sehen können, eingeladen, die Ausstellung mit ihren anderen Sinnen zu erkunden.

Anlässlich des Sehbehindertentages erzählt Schubert, was in der Rurstadt für Sehbehinderte noch verbessert werden kann, und er lässt sich im Stadtmuseum im wahrsten Sinne des Wortes auf die Finger schauen.

Einfach reparieren

Schubert tastet sich durch die Stadtgeschichte, gleitet mit seinen Fingern über den Marktplatz aus dem Jahr 1930. Dort findet er die Marienstatue, die abbiegenden Spuren der Tram, das alte Rathaus. Der Erbauer des detailgetreuen Modells, Josef Winthagen, steht mit glänzenden Augen daneben und freut sich sichtlich, mit seiner Arbeit die Stadtgeschichte spürbar zu machen. Und wenn dabei eins der filigranen Teile kaputt geht? „Dann repariere ich es halt“, fegt er den Einwand weg.

Lothar Schubert ist begeistert von den Details, fährt mit den Händen über das Rathausdach und findet sogar die kleine Treppe, die hinauf zum Glockenturm führt. Mit einem Griff hat Josef Winthagen das gesamte Dach entfernt, fasst Schubert dann am Handgelenk und zeigt ihm so die Innenräume des Rathauses. So wie der Blinde durch die Flure des Nachbaus vom 1930er-Rathaus tastet, kann er es auch beim heutigen Rathaus tun. Treppen und Räume sind in Blindenschrift gekennzeichnet.

Für Menschen mit Restsehvermögen sind unterschiedliche Farben hilfreich. „Starker Kontrast hilft schwachen Augen“, zitiert Schubert das Thema eines Sehbehindertentages vor einigen Jahren. 2019 steht die Beleuchtung im Fokus, die genau wie der Kontrast eine wichtige Rolle für Sehbehinderte spielt. So ist beispielsweise warmes Licht mit höherem Gelbanteil besser, weil es weniger blendet als kälteres Licht mit Blauanteil. Tipps wie diese hat Schubert einige parat und mit Andrea Effing, Mitarbeiterin des Stadtmuseum, eine interessierte Zuhörerin. „Falls der Umzug des Stadtmuseums in die Schenkelstraße klappt, wollen wir von Anfang an mit dem Blindenverein zusammenarbeiten und nicht erst alles fertig renovieren und hinterher behindertengerechte Maßnahmen überstülpen“, erklärt sie. Deshalb auch gleich der Hinweis von Schubert: Beim Audioguide sollten nicht nur die Exponate sondern auch der Laufweg für Sehbehinderte beschrieben werden. „Einige mit Restsehvermögen würden sich damit schon zurechtfinden“, weiß er. In der Ausstellung sei außerdem eine große Beschriftung wichtig – auch für Senioren – und deutliche Kontraste zwischen Boden und Türen sowie zwischen Türen und Wänden.

So weit seine Vorschläge für das Stadtmuseum. Wie sieht es mit der Stadt oder gar dem Kreis Düren aus? „Wir sind schon seit längerem mit der Stadt im Gespräch, alle Ampeln mit akustischen Signalen auszustatten“, sagt Schubert. Früher habe es mehr davon gegeben, aber die Geräusche hätten die Anwohner gestört. Es gebe aber auch Geräte, die ihre Lautstärke der des Verkehrs anpassen, oder bei denen nur bei Bedarf Töne erklingen. Außerdem hofft Schubert, dass kreisweit die Bushaltestellen möglichst schnell barrierefrei umgebaut werden und die Hinweise des Blinden- und Sehbehindertenvereins bei der Umgestaltung des Kaiserplatzes beachtet werden. Wichtig sei dabei, einen kontrastreichen Leitstreifen entlang der Geschäftszeile auf der Wilhelmstraße gegenüber dem Rathaus zu haben. Zudem sollten die 16 Bushaltepunkte mit Orientierungsplatten auf dem Boden deutlich gekennzeichnet werden. Schubert weiß: „Man muss immer wieder kämpfen, damit solche Dinge nicht vergessen werden.“ www.bsv-dueren.de

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