Nideggen: „Burg-Detektive“: Was sind eigentlich Fäustel und Knüpfel?

Nideggen: „Burg-Detektive“: Was sind eigentlich Fäustel und Knüpfel?

Wuselnde Kinder auf dem Burghof. Dort, wo im Mittelalter das Wasser aus dem Brunnen geschöpft wurde, wo der Burgherr sein Ross nach der Reise einem Knappen überantwortete, wo Knechte und Mägde den riesigen Rittersaal für das nächste Turnier vorbereiteten, liefen Grundschulkinder und Schüler weiterführender Schulen aus dem Nideggener Stadtgebiet mit Büchern und Schreibgerät unter dem Arm hin und her, hockten sich auf den nächstbesten Stein und arbeiteten intensiv an ihren Aufgaben.

Des Rätsels Lösung? Junge Burg-Detektive erkunden, bewaffnet mit einem „Detektiv-Buch“, im Rahmen von „ECHY“ (European Cultural Heritage Year) die Architektur der mittelalterlichen Burg, schauen nach, wo die Gäste im 12. Jahrhundert im zweitgrößten Festsaal des Reiches ihre Bedürfnisse befriedigten. Toilettenspülungen gab es noch nicht. Aber, so erfahren die jungen Menschen, man wusste sich zu helfen, sowohl sommers als auch winters.

Unter den kritischen Augen von Pressesprecherin Sabine Cornelius verfugt Bürgermeister Marco Schmunkamp ein Stück Mauer. Foto: Bruno Ebersfeld

Höchst interessant zu erfahren, dass der ursprüngliche Eingang zum Bergfried — auf Burg Nideggen auch Jenseitsturm genannt, weil seine Steine von der gegenüberliegenden Burg Berenstein (Bergstein) stammen sollen — mittig im Turm in imposanter Höhe gelegen hat. Die Tür war nur mit einer langen Leiter zu erreichen. „Das ist ja Wahnsinn!“, staunt ein Viertklässler.

Vor der Burg hat die „Burgbauhütte“ ihr Zelt aufgeschlagen. Unter Anleitung zweier Steinmetze und Restauratoren bearbeiten Neuntklässler fachmännisch und engagiert Buntsandsteine. Diese Sandsteine sind wegen ihres roten Farbtons typisch für die Burg Nideggen und den Burgberg. Fäustel, Knüpfel und Scharriereisen heißen die Werkzeuge. „Von Hammer spricht hier niemand“, verrät ein 15-Jähriger stolz.

Mörtel eigenhändig angemischt

In einer Ecke der Mauer, die den Parkplatz vor der Burg eingrenzt, hocken Jugendliche, meist Mädchen, und verfugen die Mauern. Der Mörtel ist eigenhändig angemischt.

Dr. Kristin Dohmen, Projektleiterin des laufenden Projekts „Stadt-Land-Burg. Die Mauern von Nideggen“ verweist auf eine Stelle in der Stadtmauer, wo Schüler verschiedene Mörtelsorten ausprobiert haben. Eine Mischung passt, auch farblich, die anderen werden wieder rausgekratzt.

In einer Ecke der „Burgbauhütte“ stehen Mikroskope. Hier untersuchen Teilnehmer alten Mörtel, den sie an verschiedenen Stellen der Stadtmauer entnommen haben. Die Untersuchungsergebnisse bestimmen die anschließenden Mischungen, die wie vor langer Zeit in Baueimern angerührt werden. Moderne Mischmaschinen sind in dieser Phase der neugierigen Annäherung an alte Bautechniken fehl am Platz.

Eine Gruppe Neuntklässler macht eine Burg-Rallye, rund um die Burg. „Sie glauben gar nicht“, berichtet Projektleiterin Kristin Dohmen, „wie viele Mauerreste die Kids im Laufe der Woche zutage gefördert haben.“ Auf vielen Steinen, von Betrachtern oft unbeachtet, sind Zeichen eingehauen, manchmal noch Rätsel, die zu lösen sind.

Minuziöser Stundenplan

Mitarbeiter des Amts für Denkmalpflege des Landschaftsverbands Rheinland (LVR), junge Frauen und Männer im Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ), gehen beratend umher, sitzen mit Schülergruppen zusammen und geben Anleitung.

Die jungen Erwachsenen (FSJler) arbeiten in den „JugendBauhütten“, einem Projekt der „Deutschen Stiftung Denkmalschutz“.

Teilgenommen an diesem Projekt vom 14. bis 18. Mai haben 400 Schüler aus dem Stadtgebiet von Nideggen. Eine kleine Gruppe der Europaschule Langerwehe war auch vor Ort.

„Wie kann man eine so große Anzahl von Kindern und Jugendlichen unter einen Hut kriegen?“, eine Frage, die Dr. Andrea Pufke, Amtsleiterin des LVR-Amts für Denkmalpflege im Rheinland, sich schon oft anhören musste. „Ganz einfach“, erklärte sie, „die Teilnehmer werden nach Alter in kleine Gruppen eingeteilt und bekommen von uns für die Woche einen minuziösen Stundenplan, worauf steht, wann und wo sie während der Projektwoche eingesetzt werden.“ Das funktioniert nach Aussage mehrerer Teilnehmer offenbar hervorragend.

„Das Projekt hier in Nideggen rund um Burg und Stadtmauer“, fasst Andrea Pufke — unterstützt von Sabine Cornelius, der Pressesprecherin des LVR-Amtes —, „hat für die ganze Bundesrepublik Vorbildcharakter.“ Ähnliche Projekte werden in Zukunft an anderen Standorten durchgeführt. Die Nachfrage sei riesig.

Plakate, Texte, Fotografien

Was die Teilnehmer geleistet und an einem außerschulischen Lernort erfahren und erlebt haben, wird am Freitag, 18. Mai, mit einem Fest in der Pfarrkirche St. Johannes Baptist dokumentiert. Plakate, Texte, Fotografien werden die Szene erzählen von dem Tun in der Projektwoche.

Lokale Politiker wie Landrat Wolfgang Spelthahn und Bürgermeister Marco Schmunkamp werden anwesend sein. Durch die Veranstaltung führt Landeskonservatorin Andrea Pufke. Das Projekt „Stadt-Land-Burg“ sei, so erklären alle Beteiligte, ein Segen für die Teilnehmer und eine Aufwertung für Burg und Stadt Nideggen. Die Anerkennung für die Teilnehmer: „Urkunden als Dokumente für eine aktive Teilnahme an einem außergewöhnlichen Projekt!“ So bezeichnet es Sabine Cornelius.

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