Brieden spricht über Rolle der Luftwaffe bei der Judenverfolgung

Vortrag über Rolle im Zweiten Weltkrieg : Dunkles Kapitel der Luftwaffe

Mit diesem Vortrag nahm das Stadtmuseum einmal nicht nur die Historie der Stadt, sondern vielmehr die Geschichte Deutschlands und des Nationalsozialismus in den Blick.

Referent Hubert Brieden vom Arbeitskreis Regionalgeschichte berichtete 80 Jahre nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939 über die Beteiligung der Luftwaffe an der gezielten Ermordung und Terrorisierung der Zivilbevölkerung mit besonderem Augenmerk auf die Auslösuchung möglichst vieler Juden.

Der Vortrag „Besonders stark brennt das Judenviertel“ wurde in Kooperation mit dem Bertram-Wieland-Archivs für die Geschichte der Arbeiterbewegung vom Stadtmuseum realisiert.

 Brieden betrete, so führte der Autor aus, mit seiner Forschung einen Bereich der Miltärgeschichte und -theorie, der in Deutschland nicht oder viel zu wenig thematisiert werde. Die Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht und der Luftwaffe seien praktisch bisher noch nicht untersucht worden. Am Beispiel des „Kampfgeschwaders 27 Boelcke“ beleuchtete er die systematische Vorbereitung und Durchführung eines ideologisch aufgeladenen Vernichtungskrieges gegen Völker, Rassen, Religionen und Weltanschauungen im Sinne eines „totalen Krieges“ gegen die Bevölkerung.

 Brieden hatte zu diesem Punkt die verbliebenen Quellen gesichtet: In den Miltärakten fand er Berichte über die Vernichtung polnischer Städte. Kalte Bestandsaufnahmen von Brandbomben, die mit Kartoffelschaufeln tonnenweise über der Stadt Warschau abgeworfen worden waren. Schulungsmaterial für Soldaten und militärische Führungskräfte, in denen Polen und Juden als minderwertig dargestellt wurden. Kartenmaterial, das  nicht nur Auskunft gab über die Lage der polnischen Städte, sondern auch darüber, wie viele Juden darin lebten,  in welchen Vierteln sie anzutreffen seien und welche Städte – wie Pinsk als Zentrum der jüdischen Aufklärung – ganz besonders wichtig für das jüdische Leben seien.

Einen solchen Überblick boten besonders die Karten und Schriften von Peter-Heinz Seraphim, dessen Arbeit „Das Judentum im osteuropäischen Raum“ während der Zeit des Nationalsozialismus zum antisemitischen Standardwerk avanciert war.

 Außerdem analysierte Brieden Aussagen von Zeitzeugen sowie das Kriegstagebuch von Wolfram von Richthofen, das dessen Ressentiments gegen Juden und Polen offenlegt, die wiederum seine besondere Kälte und Härte bei den von ihm geführten Luftangriffen gegen polnische Städte erklären.  Bis heute, so bedauert Brieden, seien diese Verbrechen nie aufgearbeitet oder juristisch bewertet worden. Geschweige denn sei gegenüber Polen jemals einen adäquater Schadenersatz geleistet worden.

 Die Inszenierung der Täter als Opfer finde bis heute auch in Düren statt. Darauf machte ein Zuhörer in der anschließenden Diskussion mit den rund 50 Gästen aufmerksam. Dass die Bombadierung Dürens am 16. November 1944 und die daraus resultierende fast totale Zerstörung der Stadt auch Konsequenz der verbrecherischen Politik im nationalsozialistischen Deutschland war, sei lange ignoriert worden.

(ah)
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