Brexit: Kreuzauer nimmt die deutsche Staatsbürgerschaft an

Architekt aus Kreuzau : Paul Bunn ist wegen des Brexits Deutscher geworden

Am Ende hat der drohende Brexit den Ausschlag gegeben. „Ich habe schon früher immer wieder darüber nachgedacht, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen“, sagt Paul Bunn. „Zum Beispiel, weil ich mich häufig darüber geärgert habe, nicht wählen gehen zu dürfen. Der Brexit war für mich dann aber der letzte Kick, die Sache mit der Einbürgerung endlich anzugehen.“

Paul Bunn ist 52 Jahre alt, in Südengland geboren, von Beruf Architekt und seit knapp 25 Jahren in Deutschland. „Ich habe in England zuletzt in Manchester gelebt. Mitte der 90er Jahre war dort die Arbeitsmarktsituation für Architekten sehr schlecht.Viele meiner Kollegen sind nach Hongkong oder nach Berlin gegangen.“ Auch Bunn hat sich damals entschieden, England zu verlassen – in Richtung Berlin.

„Berlin galt damals als absolut moderne, hippe Stadt. Das hat mich gereizt. Und ich habe dort Arbeit in einem deutschen Architekturbüro gefunden. Das war mir wichtig, ich wollte nicht bei einem englischen Büro arbeiten. Ich wollte mich sofort in das neue Land und seine Gesellschaft integrieren.“ Paul Bunn hat versucht, so schnell und so gut wie möglich Deutsch zu lernen. „Irgendwann stand ich vor der Entscheidung, zurück nach England zu gehen.

Zum Glück habe ich aber dann die Frau meines Lebens kennengelernt. Und ich bin geblieben.“ 1994 haben Paul und Heike Bunn geheiratet, 2002 ist Tochter Charlotte auf die Welt gekommen. Seit 2003 wohnt die Familie in Kreuzau. „Heute sage ich wirklich aus Überzeugung, dass Deutschland meine Heimat ist. England ist für mich in erster Linie ein Ferienland, aber natürlich eins, zu dem ich eine tiefe Bindung habe. Schon allein deshalb, weil ich in England noch Familie und viele Freunde habe.“

An den 23. Juni 2016 kann Paul Bunn sich noch bestens erinnern, er war auf dem Weg zur Arbeit, als im Radio das Ergebnis des Referendums bekanntgegeben wurde. „Ich habe die Welt nicht mehr verstanden“, sagt er. „Ich war wirklich schockiert. Ich habe vorher nämlich nie geglaubt, dass es so weit kommen würde.“

„Verdrehte Wahrheit“

Natürlich sei in Großbritannien der Frust über die Europäische Gemeinschaft groß gewesen. „Die Engländer hatten immer das Gefühl, dass ihnen etwas weggenommen wird, dass sie bezahlen müssen, um anderen zu helfen, ohne, dass ihnen geholfen wird. Die Vorteile, die Europa bringt, haben viele nicht gesehen. Das war so etwas wie eine verdrehte Wahrheit.“ Paul Bunn versucht einen Vergleich zu finden. „Ein bisschen ist es so wie mit der AfD in Deutschland. Da denkt auch jeder, die werden nicht wirklich stark. Und dann bekommen sie eben doch viele Wählerstimmen.“

Für ihn sei die Unsicherheit nach dem Referendum und vor dem Brexit plötzlich so groß gewesen, dass die Entscheidung für einen deutschen Pass ihm nicht mehr schwer gefallen ist. „Ich hatte Sorge, plötzlich nicht mehr ohne Weiteres in Deutschland arbeiten zu können. Und ganz ehrlich habe ich mir auch Gedanken über meine Rente gemacht. Es ist mir auch deshalb nicht schwer gefallen, den deutschen Pass zu beantragen, weil ich meinen britischen Pass trotzdem behalten konnte.“ Wie alle Menschen, die eingebürgert werden wollen, musste Paul Bunn eine Sprachprüfung und den Einbürgerungstest absolvieren.

„Der Sprachtest war natürlich für mich überhaupt kein Problem, auf den Einbürgerungstest musste ich mich aber schon vorbereiten.“ 300 Fragen rund um die Bundesrepublik Deutschland gilt es beim Einbürgerungstest zu beantworten. „Manche sind richtig einfach“, sagt Bunn. „Aber die, in denen es um die Geschichte des Landes oder etwa um den Mauerfall geht, waren schon kniffelig. Am Ende habe ich mich geärgert, dass ich nur 98 Prozent richtig hatte.“

Einen Eid schwören

Bevor er endgültig seinen deutschen Pass bekommen hat, musste Bunn im Kreishaus einen Eid schwören. „Ich musste das Grundgesetz anerkennen“, sagt er. „Und ich fand das sehr schön, weil es mir noch einmal das Gefühl gegeben hat, dass es etwas besonderes ist, jetzt einen deutschen Pass zu haben. Abends haben wir das mit einem Gläschen Wein auch gefeiert.“

Paul Bunn ist froh, dass er die deutsche Staatsbürgerschaft hat – genau wie übrigens die meisten seiner Freunde und Verwandten in England auch. „Fast alle hatten Verständnis für meine Entscheidung“, sagt er. „Nur meine Großmutter war ein bisschen enttäuscht. Ich glaube, da sitzt der Krieg einfach noch sehr tief.“

Und was denkt Bunn über die Entscheidung am Dienstag, wenn das britische Unterhaus über das umstrittene Brexit-Abkommen zwischen Großbritannien und der EU abstimmt? „Ich habe keine Ahnung, wie es ausgeht“, sagt er. „Die Engländer sind immer für eine Überraschung gut. Aber ich wünsche mir natürlich, dass der ganze Brexit rückgängig gemacht wird, und Großbritannien in der EU bleibt.“

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