Birkesdorf: Bombenfund: Aus dem Leben eines Kampfmittelräumers

Birkesdorf : Bombenfund: Aus dem Leben eines Kampfmittelräumers

Einigen Häusern sei Dank, ist die Evakuierung nach dem Bombenfund neben der B56 nicht noch größer als ohnehin schon ausgefallen. Wohngebäude sorgten dafür, dass sowohl das Marien-Krankenhaus als auch die LVR-Klinik nicht in den Evakuierungsradius fielen.

„Bei einer Explosion hätten die Häuser die Druckwelle abgefangen, deswegen waren die beiden Einrichtungen nicht betroffen“, erklärt Wolfgang Wolf vom Kampfmittelräumdienst des Landes.

Er hat bei Entschärfungen das alleinige Sagen; am Mittwoch setzte er den Radius Richtung Birkesdorf auf 300 Meter fest. Eine der sieben 125-Kilo-Bomben lag 380 Meter vom Krankenhaus entfernt. Die einzige 250-Kilo-Bombe steckte im offenen, ungeschützten Feld Richtung B56 — deswegen war der Radius in diese Richtung 500 Meter weit. Daher mussten der angrenzende Baumarkt und Geschäfte schließen.

Gefahrenabwehr im Vordergrund

1100 Personen (Patienten, Mitarbeiter, Besucher) wären beim Krankenhaus von einer Evakuierung betroffen gewesen; bei der LVR-Klinik rund 140 Patienten und mehr als 50 Angestellte. Je nach Situation hätte das laut Wolfgang Wolf maximal zwei Tage in Anspruch genommen. 2500 Personen wohnen in dem Gebiet, das am Mittwochmorgen zur Gefahrenzone erklärt worden ist.

Es stellt sich im Nachhinein von Evakuierungen die Frage, ob solch eine großangelegte Aktion nicht auch früher angekündigt und beispielsweise einen Tag später hätte stattfinden können. Wolf ist in dem Zusammenhang rigoros und betont: „Die Fragen sind berechtigt, aber wir können keine Rücksicht nehmen. Ich drehe den Spieß einmal um: Was wäre, wenn wir den Bürgern Zeit eingeräumt hätten und dann wäre eine Bombe hochgegangen?“ Die sogenannte Gefahrenabwehr stehe im Vordergrund — und die müsse umgehend erfolgen. Jedoch nicht nach jedem einzelnen Fund (den die Kampfmittelräumer auch nicht direkt öffentlich machen), sondern dann, wenn der Kampfmittelräumdienst die Gesamtfläche abgesucht hat.

Anders als die Mehrheit der Bürger hatte die Kita „Krümelhof“ bereits am späten Dienstag von der Evakuierung erfahren, die Eltern wurden umgehend informiert, dass die Kita geschlossen bleibt. „Wir wollten den Kindern die Evakuierung nicht antun“, sagt Christine Käuffer, Rechtsdezernentin der Stadt Düren. Gegen 20 Uhr am Dienstag hatte die Stadt von der geplanten Entschärfung erfahren, der Radius stand zu der Zeit jedoch noch nicht fest. Ab 8 Uhr am Mittwoch hat sich der SAE zusammengesetzt, das steht für: Stab für außergewöhnliche Ereignisse. Den gibt es bei der Stadt seit August 2015, als die Aufnahme von einer Vielzahl von Flüchtlingen bevorgestanden hat. Im SAE sind alle Behörden und Einrichtungen vertreten, die von einer außergewöhnlichen Situation betroffen sind.

Aus Kritik von April 2017 gelernt

Käuffer betont, dass sie und die anderen Verantwortlichen zum Beispiel aus der Evakuierung von 4000 Personen in der Dürener Innenstadt im vergangenen April gelernt haben. Damals wurde etwa mangelnde Verpflegung kritisiert. „Das haben wir uns zu Herzen genommen, und Bewohner wie auch Helfer ausreichend versorgt.“ Die übliche Manöverkritik vom Mittwocheinsatz stehe noch aus. Käuffer: „Insgesamt lief alles planmäßig, und wir lernen weiter aus solchen Aktionen.“ Kosten der Evakuierung, die die Stadt trägt, kann Käuffer noch nicht beziffern; die Entschärfung zahlt das Land NRW, sofern das betroffene Grundstück vorher nicht dem Bund gehörte. 2016 zum Beispiel hat das Land 18 Millionen Euro für Kampfmittelbeseitigung ausgegeben.

Wenn man die Birkesdorfer Weltkriegsbomben in Gefahrenstufen einordnen will — was bei diesen Waffen beinahe absurd klingen mag —, stehen sie für Wolfgang Wolf nur hinter zwei weiteren Arten: hinter brennender Munition und Blindgängern mit Langzeitzündern — der höchsten Gefahr. „In solchen Fällen gibt es noch weniger Vorlaufzeit und Informationen. Dann wird im Vorfeld auch nicht geschaut, wo die Leute unterkommen.“

Der Dürener weiß, dass auch der Fall in Zukunft eintreten kann.

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