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Blinde Sportschützin aus Düren wird Deutsche Meisterin

Blinde Sportschützin : Katharina Wersig gewinnt die Deutsche Meisterschaft

Katharina Wersig hat ein ungewöhnliches Hobby, für viele scheint es sogar auf den ersten Blick unmöglich zu sein. Die 27-Jährige ist blind – und begeisterte Sportschützin. Seit elf Jahren betreibt die leitende medizinische Schreibkraft in einer Rehaklinik dieses Hobby. Jetzt ist sie in München Deutsche Meisterin geworden.

Katharina Wersig, die mit einem Sehvermögen von weniger als einem Prozent auf die Welt gekommen ist und deswegen vor dem Gesetz als blind gilt, hat schon lange Kontakt zum Schützenwesen und zum Schießsport. Ihre Oma Hanni Kurth ist Bezirksbundesmeisterin im Bezirksverband Düren-Süd. „Irgendwann“, erzählt Wersig, „wollte ich diesen Sport auch einmal ausprobieren. Und als meine Oma in einer Fachzeitschrift gelesen hatte, dass die St.-Ewaldus-Gilde Schießen für Blinde anbietet, sind wir sofort hingegangen. Seitdem betreibe ich Schießsport.“

Hochkonzentriert

Wenn Katharina Wersig am vereinseigenen Schießstand an der Valencienner Straße steht, sieht das zunächst so aus, wie bei allen anderen Sportschützen auch: Die Haltung ist die gleiche, Wersig trägt Schuhe und eine Schießjacke, sie hat Kopfhörer auf. Wenn die junge Frau das Gewehr anlegt und die Zielscheibe anvisiert, ist sie hochkonzentriert. Mit ruhiger Hand zielt sie, wartet ab und schießt. Alles genau so wie bei sehenden Schützen auch. Und trotzdem ist eben doch Vieles ganz anders. Denn wenn die durchlöcherte Papierscheibe auf dem Schießstand zu ihr zurück getragen wird, weiß die Schützin nicht sofort, ob sie getroffen hat. Das erfährt sie erst, wenn sie mit den Fingerkuppen über die Pappe streicht.

Großmutter Hanni Kurth (links) begleitet Katharina Wersig bei ihren Wettkämpfen. Foto: ZVA/Sandra Kinkel

Möglich ist der Schießsport für blinde und sehbehinderte Menschen dank  einer besonderen Technik, so genannter Optronik-Aufsätze, die die Gilde 2007 angeschafft hat. Dieser Aufsatz sitzt dort, wo sonst das Zielfernrohr auf dem Gewehr platziert ist. Er misst die Helligkeit auf der Pappscheibe, dem Ziel. Diese Scheibe – von Leuchtern angestrahlt – ist in der Mitte weiß, nach außen wird sie dunkler. Die Licht-Messung des Gewehraufsatzes wird in akustische Signale umgewandelt: Zielt der Schütze auf den äußeren Rand der Scheibe, hört er im Kopfhörer ein tiefes Brummen. Je mehr er die Mitte anvisiert, desto höher wird der Ton. Wenn ein hohes Pfeifen erklingt, zeigt der Gewehrlauf exakt auf die Mitte. Dann darf der Schütze nicht mehr wackeln und muss schießen. Neben der Technik brauchen die blinden Schützen auch einen Betreuer, für  Katharina Wersig ist es seit einiger Zeit ihre Großmutter. Sie muss bei Wettkämpfen einen Meter Abstand zu ihrer Enkelin halten, darf nicht mit ihr sprechen, sondern sie nur antippen, um zu signalisieren, in welche Richtung Wersig sich möglichst optimal zur Zielscheibe ausrichten muss.

Um bei den Deutschen Meisterschaften in München starten zu dürfen, musste Wersig sich zuerst auf Kreis-, Bezirks- und Landesebene beweisen. „Natürlich gibt es da nicht wirklich viel Konkurrenz“, sagt sie. „Das Blinden-Schießen ist immer noch eine absolute Randsportart.  Aber das ist auch nicht entscheidend, weil ich bestimmte Ergebnisse erreichen muss, um mich zu qualifizieren.“

In München -  übrigens  schon Wersigs vierte Teilnahme an einer Deutschen Meisterschaft – hatte die Dürener Schützin sechs Konkurrenten. „Ich habe nur knapp gewonnen“, erzählt Wersig. „Zweite wurde eine Schützin aus dem Saarland, mit der ich bei der Gilde zusammen geschossen habe. Sie hat in Düren das Schießen gelernt.“ Warum das so ist, ist schnell erklärt: Dass die Ewaldus-Gilde überhaupt Schießen für Blinde anbietet und in die spezielle Technik investiert hat, liegt daran, dass ein Lehrer des Berufsförderungswerkes, in dem blinde und sehbehinderte Menschen ausgebildet werden, auch Gilde-Mitglied war. Herbert Ouollin von der Schützengilde erklärt: „Er hatte die Idee, dass wir das Blindenschießen anbieten, und wir waren sofort begeistert. Seitdem haben schon weit über 100 Menschen, die beim Berufsförderungswerk waren, bei uns das Schießen gelernt.“

Aber zurück zur Deutschen Meisterschaft. Für Katharina Wersig hat in diesem Jahr in München einfach alles gepasst. „Ich war sehr entspannt und sehr konzentriert. Für mich war das der nahezu perfekte Wettkampf.“ In der bayerischen Landeshauptstadt galt es für die Teilnehmer, 60 Schuss in 70 Minuten zu machen. Wersig: „Natürlich ist das machbar, aber es ist schon eine Herausforderung. Pro Schuss gilt es, verschiedene Handgriffe immer wieder neu anzusetzen, sich neu zu konzentrieren, neu zu zielen, neu zu hören. Das ist anstrengend, vor allem auch, weil das Gewehr ja ein paar Kilogramm wiegt.“

Gutes Gehör

Katharina Wersig ist davon überzeugt, dass der Schießsport ihr dabei hilft, ruhig und konzentriert zu sein. „Sicher ist mein Gehör aufgrund meiner Behinderung besser als bei vielen sehenden Menschen. Dank des Schießsportes hat es sich aber noch einmal verbessert. Ich habe gelernt, mich auf mein Gehör zu verlassen. Oder anders ausgedrückt: Beim Schießen sehe ich mit meinen Ohren. Und das ganz schön gut.“