Dürener Stadtgespräch: Bierhoff macht Werbung an der Basis

Dürener Stadtgespräch : Bierhoff macht Werbung an der Basis

Der DFB-Direktor berichtet beim Dürener Stadtgespräch über das schwierige Jahr der deutschen Fußball-Nationalelf. Mit seiner Offenheit und Ehrlichkeit wirbt Bierhoff um die Gunst der Fans.

Dass Oliver Bierhoff einer ist, der weiß, was in einer Verlängerung zu tun ist, ist historisch belegt, er hat es am 30. Juni 1996 bewiesen, als er die deutsche Fußball-Nationalmannschaft im Finale gegen Tschechien mit seinem Golden Goal zum Europameister machte.

Und ein kleines bisschen so wie an diesem Tag im Londoner Wembley-Stadion war es auch Mittwochabend, nachdem das Dürener Stadtgespräch in der Aula des Stiftischen Gymnasiums zu Ende war. Nun, Bierhoff hat keinen Pokal bekommen, er hat auch kein Tor gemacht, Bierhoff hat aber immerhin wieder lauten Applaus bekommen, zahlreiche Hände geschüttelt, eine Menge Fotos von sich machen lassen. Und auch wenn es im Anschluss keine Sause wie nach dem EM-Titel gab, hat Bierhoff sich ein, zwei Bierchen gegönnt. Und die hatte er sich auch verdient, irgendwie.

Offen, ehrlich, locker

Bierhoff (50) hatte in den rund zwei Stunden zuvor zwar in einem ziemlich bequemen Ledersessel sitzen dürfen, ein bisschen von seiner erfolgreichen Karriere als Spieler und Funktionär und dem heutigen Fußballgeschäft erzählen können, aber vor allem eine Menge über das ziemlich ungemütliche Jahr für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) sprechen müssen: über das Vorrunden-Aus bei der Weltmeisterschaft, über Mesut Özil, über Rücktrittsforderungen, über den Abstieg aus der ersten Division der Nations League. Bierhoff kann ganz gut von diesen Dingen erzählen, er ist ja ziemlich nah dran als Direktor der Deutschen Fußball-Nationalmannschaften und der DFB-Akademie. Und so kompliziert wie sein Titel waren seine Ausführungen nicht.

Dieser Abend wurde zwar nicht zur Aufarbeitung, keine Neuigkeiten, keine Analyse, aber Bierhoff plauderte zumindest offen und ehrlich. Und wirkte dabei erstaunlich locker, er hatte sogar ein paar Witzchen mitgebracht. Was damit zu tun hat, dass Bierhoff sich in Düren wohlfühlt: Seine Großeltern und sein Vater – der am Mittwoch in der ersten Reihe saß – lebten lange dort, Bierhoff ist zwar in Essen aufgewachsen, war als Kind aber häufig in Düren. Er sagte: „Das ist schon ein bisschen Heimat.“ Und nicht nur durch solche Sätze wurde das Gespräch mit Moderator und Initiator Ulrich Stockheim zu einer kleinen Werbeveranstaltung für die Nationalelf. An der Basis. Damit das Team und der DFB wieder ein bisschen beliebter werden.

Ein „Mentalitätsproblem“

Bierhoff beschönigte nichts von dem, was in Russland vorgefallen ist. Ja, es habe ein „Mentalitätsproblem“ in der Mannschaft gegeben, und dieses sei sicher einer der entscheidenden Gründe für das frühe WM-Aus gewesen. „Jeder Spieler wollte erfolgreich sein, aber wir haben es nicht geschafft, die letzten Prozente herauszukitzeln.“ Bierhoff verglich die Gründe für das Ausscheiden mit einem schlechten Ergebnis bei einer Klausur: „Eigentlich weiß ich, dass ich noch eine Stunde lernen sollte, aber dann verlasse ich mich darauf, dass ich alles im Kopf habe.“ Natürlich habe auch er sich im Nachhinein gefragt, warum er auf diverse Anzeichen nicht reagiert hat.

Eine Fehleinschätzung gab Bierhoff auch in der Causa Özil-Gündogan-Erdogan zu: „Ich habe gedacht, der Fußball würde irgendwann wieder im Vordergrund stehen.“ So kam es nicht. Bierhoff sagte: „Am Ende tut es mir für alle leid, wie es gelaufen ist: für Mesut, die Mannschaft, den DFB, das Land.“ Er glaubt aber nicht, dass die umstrittenen Fotos der beiden türkischstämmigen Profis entscheidend zum Ausscheiden beigetragen haben. „Das Foto an sich hat keinen der anderen Spieler beschäftigt“, sagte Bierhoff. „Die Diskussion über die Bilder haben sie aber natürlich registriert.“

Nach der WM mit all den Störgeräuschen war auch der Rücktritt des Direktors gefordert worden. Ob er darüber nachgedacht hat? „Nach dem Turnier war ich enttäuscht und ausgelaugt“, sagte Bierhoff. „Ich habe mich auch gefragt: Habe ich die Kraft, Lust und Ideen, um weiterzumachen.“ Dass er diese Frage bejaht hat, hat vermutlich auch damit zu tun, dass die Verantwortlichen „Vertrauen in meine Arbeit“ haben. Trotz der öffentlichen Kritik an den Marketingmaßnahmen rund um die Mannschaft, für die Bierhoff verantwortlich ist. „Es gab rund um die WM 2018 nicht mehr Kommerzialisierung als 2014“, sagte er. „Wir haben sogar mehr Aktivitäten für die Fans gemacht.“ Und zudem sei es ja auch wichtig, mit der Nationalelf Geld zu erwirtschaften, mit dem die Basis unterstützt werden könne.

Die Sache mit dem Umbruch

Nun gehe es darum, aus den Fehlern zu lernen und nach vorne zu schauen. Der Umbruch sei eingeläutet, vollzogen sei er nicht. „Es hat sich schon etwas getan, aber wir sind bei 30, 40 Prozent“, sagte Bierhoff. Es habe bisher nicht viel Zeit gegeben, um etwas einzustudieren; natürlich wolle man „weitere interessante Talente“ einbauen. Klar sei aber, dass auch auf erfahrenere Spieler gesetzt wird. „Jede Mannschaft braucht ein Gerüst.“ Wann der Erfolg zurückkomme, wollte Stockheim dann noch wissen, 2020, 2022 oder 2024? „Das ist nicht so einfach zu beantworten“, sagte Bierhoff. „Andere Nationen wie zum Beispiel Frankreich haben lange gebraucht, um wieder einen Titel zu gewinnen.“ Auch das klang ein bisschen nach Verlängerung.

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