Düren: Beiläufigkeit zur Kunst erheben: Werkschau im Hoesch-Museum

Düren : Beiläufigkeit zur Kunst erheben: Werkschau im Hoesch-Museum

Es war ein Versprechen, das die Dürener Künstlerin Claudia Kallscheuer, die 2017 mit dem Kunstpreis des Kreises Düren geehrt wurde, seit Sonntag im Leopold-Hoesch-Museum einlöst: eine repräsentative Werkschau.

„Clear and cloudy“ lautet der Titel der Ausstellung, also klar und wolkig. Ein Widerspruch, der auf ein raumfüllendes Hauptwerk verweist, mit dem sich Claudia Kallscheuer unbeabsichtigt ebenfalls auf einen Widerspruch eingelassen hat. „Für sie ist es immer ein Kampf, eine Arbeit fertigzustellen“, erklärt ihr Berliner Galerist Andreas Herrmann. „Sie ringt mit sich, nimmt Arbeiten wieder auseinander. Also hat sie ein Format gesucht, täglich eine Arbeit zu beenden, um nicht immer vor einem Berg von Arbeit zu stehen.“

Kallscheuer, gelernte Damenschneiderin, hat die Malerei, die sie unter anderem in Berlin studiert hat, mit ihrer Affinität zu Stoffen verknüpft — meist im wahrsten Sinn des Wortes. Ihre zweite Leidenschaft: Sie interessiert sich für alltägliche Dinge, die man eher beiläufig betrachtet, aber einen hohen Wiedererkennungswert besitzen — Seidenpapiere aus Briefumschlägen, Papiere, in die Obst eingewickelt wird, die „Safety Card“, die man aus dem Flugzeug kennt, oder eben Teebeutel. Teebeutel aus Maisseide, umkettelt mit einem Baumwollstoff, sind zu ihrer Tagesarbeit geworden.

Versehen mit einem gestickten Gedanken, basierend auf dem Thema Wetter — egal ob es gerade klar oder wolkig ist — führt sie so eine Art Tagebuch, an dem sie die Betrachter teilhaben lässt. Seit Dezember 2013 arbeitet Kallscheuer an diesem Projekt. Ursprünglich für ein Jahr geplant, werden es nun fünf Jahre. Kurator Markus Mascher ist auch deshalb so begeistert von der Arbeit, weil parallel die Arbeitsweise der Künstlerin gezeigt werden kann — sie dokumentiert jeden der gestickten Texte auf der Schreibmaschine.

„Es ist ein immens großes Werk, das aber immer noch nicht fertig ist“, sagt Mascher und fügt hinzu: „Die Kunst rächt sich für diesen Ansatz“ — denn letztlich hat sich aus der Idee, jeden Tag eine Arbeit zu beenden, ein neuer Berg aufgetürmt. „Tu mehr von dem, was dich glücklich macht“, steht beispielsweise auf einem der Teebeutel — Claudia Kallscheuer würde diese Arbeit nicht fortsetzen, wenn es sie nicht glücklich machen würde. Und die Reaktionen der Besucher geben ihr Recht: In Berlin, berichtet ihr Galerist, kamen Besucher eigens, um bestimmte Monate Tag für Tag zu lesen, oder gezielt nach dem Motto an ihrem Geburtstag zu suchen.

Für Claudia Kallscheuer war diese Arbeit ein Lernprozess. Sie musste sich öffnen, Gedanken preisgeben. Das kennzeichnet auch ein anderes Werk: der von ihr bestickte Sessel der Oma, wieder zum Leben erweckt. Gedanken und Ereignisse verzieren den Sessel, Fäden greifen wie bei vielen Arbeiten der Künstlerin in den Raum. „Während wir immer nach den großen Sachen suchen, zeigt uns Claudia Kallscheuer, dass es die kleinen Dinge sind, die unser Leben bestimmen“, sagt Jeanine Bruno vom Hoesch-Museum.

Begleitet wird die Werkschau von der neuen Projektreihe „Apropos Papier“. In loser Folge will das Museum Künstler vorstellen, die vorrangig mit dem Werkstoff Papier arbeiten. Den Auftakt macht der Düsseldorfer Künstler Matthias Lahme, der groß- und mittelformatige Scherenschnitte präsentiert. Lahme nutzt stabiles Papier, dem er mit Tusche und Aquarellfarbe Struktur verleiht, bevor er das Schneidemesser ansetzt. Stehen bleiben Farbinseln, die sich zu einem neuen Bild zusammensetzen. Dieses „Wechselspiel von Substanz und Leere“ in Verbindung mit Licht und Schatten verleiht den Bildern fast schon einen skulpturalen Charakter.

Die Arbeiten von Matthias Lahme werden bis zum 13. Mai gezeigt. Die Werkschau von Claudia Kallscheuer bis zum 10. Juni. Kallscheuer ist auch am 26. April, 19 Uhr, beim Museumsdialog zu Gast. Zudem besteht die Möglichkeit einer Ausstellungsbegehung mit der Künstlerin.

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