Beichten als eine Art Generalüberholung

Zu Ostern : Beichten als eine Art Generalüberholung

Im Rahmen des Osterfestes steht mit dem Tod Christi für viele Gläubige auch die Frage nach Schuld und Vergebung im Mittelpunkt.

Besonders vor großen Feiertagen wie diesem steigt die Zahl derer, die Geistliche um ein Beichtgespräch bitten, weiß Pfarrer Toni Straeten. „Da ist es vielen wichtig, mit sich, mit anderen, aber auch mit Gott ins Reine zu kommen“, erklärt er. Aber ist dieses Bedürfnis eines, das Jung und Alt gleichermaßen verspüren oder können junge Menschen mit der Beichte weniger anfangen? Warum gehen Christen überhaupt beichten? Und welche Form wird heutzutage bevorzugt?

Fest im Glauben verankert

Drei Personen, die Antworten geben können, nicht weil sie Theologie studiert haben, sondern weil der Glaube einen festen Platz in ihrem Leben hat, sind Elvira Croé (55) aus Düren, Traudel Maas (68) aus Arnoldsweiler und deren Enkelin Johanna Schuster (11). Die beiden Erwachsenen sind Ehrenamtliche in der Pfarre St. Lukas und bekamen am Donnerstag beim Vorbereiten des Letzten Abendmahls in der Marienkirche tatkräftige Unterstützung von der Schülerin. Die Elfjährige hat im Rahmen der Kommunion ihr bisher erstes und einziges Mal gebeichtet. „Zum ersten Mal zu beichten war komisch, da ist man ein bisschen aufgeregt“, sagt sie ehrlich. „Ich hab alles erzählt, was ich beichten wollte und dann hat mir Gott verziehen.“ Nach dem Vier-Augen-Gespräch mit dem Pfarrer habe sie deshalb weniger Sorgen gehabt.

Johannas Oma Traudel kommt aus einer sehr katholischen Familie und erinnert sich an einen großen Druck, der in ihrer Kindheit mit dem Beichten verbunden war. „Wir durften nicht am Abendmahl teilnehmen, wenn wir nicht vorher gebeichtet hatten, weil die Seele rein sein sollte.“

Bei ihrer ersten Beichte haben sie dem Pfarrer gestanden, dass sie genascht hatte und ungehorsam war. Als das raus war, fühlte sie sich wie befreit. Noch heute erinnert sich die 68-Jährige an die beschwingte Radfahrt nach Hause. „Ich habe gejubelt, weil ich keine Sünden mehr auf der Seele hatte“, erzählt sie schmunzelnd.

Einmal im Monat ist Traudel Maas damals in den Beichtstuhl gegangen. „Dann haben wir abhängig von der Schwere der Sünde aufbekommen, zum Beispiel zwei ‚Vater Unser’ und drei ‚Gegrüßet seist du Maria’ zu beten und dann bekam man die Absolution“, sagt Maas. Als Kind und Jugendliche habe sie das schön gefunden, als Erwachsene verspürte sie weniger das Bedürfnis danach. Ihr haben die Bußgottesdienste vor den Feiertagen mehr zugesagt.

Bei Traudel Maas liegt die letzte Beichte also in der Jugendzeit, ihre Kollegin Elvira Croé hingegen beichtet gern. „Nicht zu bestimmten Zeiten, einfach nach Bedarf, wenn mir die Seele schwer wird.“ Dem Beichtstuhl kann sie dabei nichts abgewinnen, Croé bevorzugt ein lockeres Gespräch – sei es in der Kirche, der Sakristei oder beim Priester zu Hause. „Nach einem Beichtgespräch habe ich immer das Gefühl, neu loslegen zu können“, erklärt sie.

Der nächste Neustart dieser Art wird für sie in der kommenden Woche in Taizé sein. In dem französischen Ort lädt ein Männerorden zu ökumenischen Jugendtreffen ein, zu denen jährlich 100.000 Besucher kommen – darunter eine Jugendgruppe von St. Lukas, die Croé mit einigen anderen Helfern betreut. Dort wird sie das Gespräch mit einem Bruder suchen, genau wie es jeden Abend viele Hunderte junge Menschen tun. „Die stehen wirklich Schlange bei den Brüdern“, sagt die Dürenerin

Taizé ist aber weit weg und irgendwie auch eine andere Welt, meint Traudel Maas. Hier sei das Beichten eher kein Thema für Jugendliche, ist ihre Einschätzung. Die teilt der Dürener Schulseelsorger und Pastoralreferent Michael Kruse: „Ich denke, die Beichte ist ein Sakrament, das für die Generation U40 oder sogar U50 gar nicht existiert. Es mag einige Menschen geben, die das weiterhin nutzen, aber für den allergrößten Teil gibt es das Sakrament gar nicht.“

Das liegt seiner Ansicht nach an einem gesellschaftlichen Prozess. „Der Umgang mit Schuld hat sich verändert. Einerseits sind die Menschen konfliktfähiger als früher. Wenn jemand etwas Falsches tut oder schuldig wird, steht die direkte Klärung im Vordergrund. Andererseits gibt es aber auch die Tendenz, Fehler möglichst schnell zu vergessen und so zu tun, als wäre nichts gewesen.“

Außerdem hat seiner Ansicht nach das Beichten in der katholischen Kirche für einige vielleicht ein Geschmäckle: „Vor dem Hintergrund des Missbrauchskandals wirkt die Beichte für manche auch scheinheilig – man geht zu denen, die vertuscht haben, um selbst etwas zu beichten.“ Kruse sieht eine gute Möglichkeit darin, dass die Kirche sich beim Thema Beichte weniger auf das Vergeben von Schuld als vielmehr auf das Lösen von Konflikten fokussiert.

Kruse sagt: „Der ursprüngliche Gedanke der Beichte ist ein wunderschöner: Gott nimmt mir ja nicht nur die Schuld ab, sondern verwandelt mich in einen besseren Menschen.“ Genau so betrachtet auch Pfarrer Straeten die Beichten. Wenn er selbst beichtet, dann reflektiert er, wo er steht, wie es weitergehen soll und was er besser machen kann. „Ich beichte einmal im Jahr. Das ist für mich eine Art Generalüberholung.“

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