Kreis Düren: „Autorität ist gut, autoritär zu lehren aber nicht“: Fortbildung für Lehrer

Kreis Düren : „Autorität ist gut, autoritär zu lehren aber nicht“: Fortbildung für Lehrer

Geht es nach einer Studie des Verbands Bildung und Erziehung, sind Grundschullehrer nach Lehrern an Förderschulen am zweithäufigsten von körperlichen Angriffen seitens der Schüler betroffen. 33 Prozent der rund 2000 befragten Lehrer einer Forsa-Untersuchung sagen, dass es zwischen 2011 und 2016 derartige Vorfälle an ihrer Grundschule gegeben hat.

Jemand, der Lehrer für diese brenzligen Situationen sensibilisieren und fortbilden möchte, ist Lars Mechler vom Jugendhilfeträger „Wellenbrecher“. Das Zauberwort des 36-Jährigen heißt Deeskalation. Das Gegenteil der Bestrafung also, wenn Kinder in der Schule weit über die Stränge schlagen. Im Gespräch mit unserem Redakteur Carsten Rose erklärt der Obermaubacher, warum das wichtig ist.

Herr Mechler, wenn jeder Lehrer bei Ihnen ein Deeskalationstraining absolviert: Sind Schulklassen danach ein konfliktfreier Raum?

Lars Mechler: Nein. Nach einer erfolgreichen Fortbildung kriegen Lehrer etwa 30 Prozent der Situationen, in denen Schüler Grenzen überschreiten oder gar gewalttätig werden, schneller und nachhaltiger in den Griff. Alle Probleme nach einer Fortbildung zu lösen, ist unmöglich.

Warum?

Mechler: Wir von der Jugendhilfe wissen schon nicht immer, was ein Kind oder Jugendlicher durchgemacht hat — wie soll ein Lehrer das wissen, der sich ja mit viel mehr Kindern und Jugendlichen beschäftigen muss, als wir es in der Jugendhilfe tun? Jeder Mensch hat immer mehrere Gründe, warum er sich verhält, wie er sich verhält. Deeskalation heißt auch nicht, eine direkte Lösung zu finden, sondern sie bildet die Voraussetzung, danach zu suchen.

Was genau bedeutet Deeskalation?

Mechler: Für eine Rebellion gibt es in der Regel mehrere Gründe, unabhängig vom Auslöser. Deswegen gilt es, den Grund für die sogenannte Hochanspannung der Kinder zu erfahren. Das heißt: Lehrer müssen ihnen das Gefühl vermitteln, dass sie gehört und verstanden werden. Die Person muss im Vordergrund stehen, nicht das Verhalten beziehungsweise dessen Folgen. Beruhigung vor Sanktionierung ist unser Konzept. Aber Sätze wie ,Beruhige_SSRq Dich erst einmal‘ bagatellisieren das Verhalten der Kinder und entschärfen die Situation nicht. Andere Trainer sehen das anders und setzen auf autoritäre Reaktionen — ich halte das aber für nicht zeitgemäß. Autorität ist gut, autoritär zu lehren nicht. Denn die Sanktionswerkzeuge haben sich in der Gesellschaft geändert. Wenn ein Lehrer unangemessen stark droht, weiß das Kind, dass da nichts kommt — dann leidet auch seine Autorität.

Was erklären Sie Lehrern?

Mechler: Die Fortbildungen sind quasi ein Erste-Hilfe-Kurs für die ersten Schritte in einer akuten Situation, in denen es immer um Emotionen und Bedürfnisse der Kinder geht. Lehrer sind keine Vollprofis in Sachen Deeskalation — nach der Ersten Hilfe übernimmt ja auch ein Arzt. Ziel unserer Konzepte ist, die Differenzierungs- und Bewertungskompetenz in Stress- situationen zu stärken und die verschiedenen Formen von Aggression zu erkennen sowie den Lehrern einen funktionierenden Handlungsplan für die weitere Interaktion mit den hochangespannten Schülern mitzugeben.

Wieso sind die Fortbildungen so wichtig für Lehrer? Wie entstehen die Konfliktsituationen überhaupt?

Mechler: Zunächst einmal: Manche Kinder stören im Unterricht, weil sie nicht anders können, nicht weil sie schlecht erzogen sind. Bei mehreren „solcher“ Kinder in einer großen Klasse wird das zu einem Problem, es entstehen mehr Stresssituationen für Lehrer. Und unter Stress reagieren Menschen nicht wie gewohnt, denken nicht mehr rational und verfallen in Muster, die nicht immer strategisch sinnvoll sind. Ein Beispiel: Einen Schüler, der sich unter großer Lautstärke und Anspannung störend verhält, sollte man nicht anfassen, damit dieser in Kontakt mit dem Lehrer geht. Das wird unter Hochanspannung oft als Angriff und nicht als Kontaktaufnahmen gewertet. Die Gefahr besteht, dass es zu unnötigen Abwehrreaktionen der Kinder kommt.

Und dieses Verfallen in andere Muster wollen Sie verhindern?

Mechler: Genau. Lehrer haben bereits gut funktionierende Strategien, sonst würden sie ihren Job nicht machen. Diese Basis wollen wir verstärken. Man darf auch nicht vergessen, dass es kaum eine andere Berufsgruppe wie Grundschullehrer gibt, die mit so vielen verschiedenen Persönlichkeiten auf einmal zu tun hat. Kind zu sein bedeutet, Grenzen auszutesten — das ist Teil der Selbstfindung.

Ist es einfach, Muster zu ändern?

Mechler: Nun ja, jeder kann sich selbst fragen, wann er zuletzt ein Muster geändert hat. Nehmen wir das Joggen: Sie laufen so lange mit einer neuen Technik, bis Sie erschöpft sind und die Konzentration nachlässt — danach laufen Sie wieder in ihrem alten Stil. In der Schule fallen Schüler unter Stress in sozial unerwünschte Verhaltensweisen zurück, und auch Lehrern kann es unter Stress und Anspannung passieren, dass sie nicht strategisch sinnvoll reagieren.

Fehlt Lehrern eine gewisse Grundausbildung in der Deeskalation?

Mechler: Ja. Angehenden Lehrern fehlt diese Ausbildung in der Breite. Ich unterstütze Lehramtsanwärter am Lehrerseminar in Vettweiß. Viele sagen mir, sie hätten dieses Training gerne im Studium gehabt.

Entschuldigen Emotionen ein bestimmtes Verhalten?

Mechler: Emotionen sind nicht falsch, denn wer will das beurteilen? Das kann nur derjenige, der die Emotionen hat. Aber: Trotz Solidarität mit den Gefühlen kann ich ein Verhalten, das daraus resultiert, konsequent ablehnen.

Wie kann ablehnendes Verhalten auf Kinder wirken?

Mechler: Kinder fühlen sich oft als Person abgelehnt, obwohl ihr Verhalten gemeint sein soll. Und wer sich abgelehnt fühlt, ist irgendwann nicht mehr fähig, menschliche Beziehungen aufzubauen. Die Aufgabe von pädagogischen Profis ist es also, Kindern in Hochanspannung diese Differenzierung zwischen Verhalten und Persönlichkeit deutlich zu vermitteln.

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