Ausstellung im Kreishaus thematisiert Dürener NS-Opfer

Ausstellung im Kreishaus : Von der Dürener Heilanstalt ins KZ

83 Rechtecke, 13 davon mit einem Schwarzweißbild gefüllt. Jedes Rechteck steht für einen Mann, der am 14. Januar 1944 von der Rheinischen Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt (PHP) in Düren in das KZ Buchenwald deportiert wurde.

Die meisten von ihnen starben dort. Auf ihre Geschichte – und die der vielen anderen Menschen, die die Nazis von Düren aus in den Tod geschickt haben, weist ein Teil einer Ausstellung hin, die noch bis zum 20. Dezember im Kreishaus gezeigt wird.

Grundsätzlich beschäftigt sich die Wanderausstellung der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora mit der Geschichte der Zwangsarbeit und der unterirdischen Rüstungsfabrikation im Konzentrationslager in Nordhausen. Ergänzt wurde sie von Ehrenamtlichen des Dürener Bertram-Wieland-Archivs. Dessen Vorsitzender Dominik Clemens und seine Kollegen haben viele Stunden Arbeit investiert, in Akten gegraben, Archive durchforstet, um die Informationen zu beschaffen.

Ursprung ihrer Recherche war die Frage, wer aus Düren in Buchenwald inhaftiert und ermordet worden ist. Gerechnet haben die historisch Interessierten mit Einzelschicksalen von politisch Verfolgten. Gestoßen sind sie auf eine große Gruppe an Menschen, die kollektiv deportiert wurden. „Das ging weit über das hinaus, was wir erwartet haben“, sagt Clemens. Dieser Aspekt sei so dramatisch gewesen, dass die Vereinsmitglieder darauf den Fokus gelegt haben. Insgesamt sind in den Jahren 1940 bis 1944 in 22 Transporten von Düren aus 1911 Menschen aus der PHP deportiert worden. Einer der letzten Transporte, am 14. Januar 1944, sticht aber besonders deutlich hevor.

Diagnose „angeborener Schwachsinn“

Im „Verwahrungshaus“, dem Haus 5 der heutigen LVR-Klinik, seien damals Männer eingesperrt worden, die ihre Haft schon abgesessen hatten. „Viele der 83 Männer waren wegen kleinerer Delikte verhaftet worden – Diebstahl, Betrug“, erzählt Clemens. Einige von ihnen hatten Diagnosen wie „angeborenen Schwachsinn“, andere seien eingesperrt worden, weil sie bei den Nationalsozialisten angeeckt waren. „Da war sicher auch viel Willkür im Spiel“, ist Clemens überzeugt. Das Reichsjustizministerium und die SS sprachen von „verbrecherischen Geisteskranken“. Die arbeitsfähigen Patienten unter ihnen sollten in Konzentrationslager abtransportiert werden, wofür die Dürener Ärzte Listen zusammenstellten. 83 Männer wurden also von Düren zunächst nach Buchenwald verfrachtet, von dort wenige Tage später ins Außenlager Mittelbau-Dora, wo sie unter katastrophalen Bedingungen Zwangsarbeit leisten mussten. Nach sehr kurzer Zeit war die Hälfte von ihnen tot.

Ein Schicksal hat Dominik Clemens dabei besonders berührt: das von Wilhelm Hackenbroich, geboren 1897 in Köln-Mühlheim. „Er war einer der ältesten Patienten, die von Düren nach Mittelbau-Dora gebracht wurden“, sagt Clemens. Hackenbroich war wegen Betruges zu 18 Monaten Zuchthaus verurteilt und anschließend eingewiesen worden. Seit August 1943 war er in der Heil- und Pflegeanstalt Düren. In Mittelbau-Dora überlebte er nur einige Tage und starb am 29. Januar 1944. Binnen weniger Wochen sollten viele andere folgen.

Sterbedatum und Sterbeort

Von den 83 aus Düren kommenden Häftlingen haben die Mitarbeiter des Betram-Wieland-Archivs für 42 das Sterbedatum und den Sterbeort herausfinden können. Clemens: „Manche wurden von Mittelbau-Dora in das Konzentrationslager Bergen-Belsen gebracht und fanden dort den Tod. Von 20 Menschen verliert sich die Spur im Vernichtungslager Majdanek. Wir können daher mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass die meisten der 83 nicht überlebt haben.“

Neben den Opfern benennen die Ehrenamtlichen deutlich die Täter. „Auch wenn Ärzte und Pfleger der PHP Düren vermutlich nicht unmittelbar an der Tötung der Patienten beteiligt waren, so haben sich nicht wenige der Beihilfe zu NS-Verbrechen schuldig gemacht“, heißt es in der Ausstellung. Zur Verantwortung gezogen wurde jedoch niemand, alle konnten ihre Karrieren nach 1945 bis zur Pensionierung nahtlos fortsetzen.

Für 2019 plant das Bertram-Wieland-Archiv eine ausführlichere Ausstellung zum Thema mit zusätzlichen Inhalten.

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