Außergewöhnlicher portugiesischer Abend in Düren

Großer Andrang in Christuskirche : Außergewöhnlicher portugiesischer Abend in Düren

Für Vasco Dantas, der einer der ganz großen Nachwuchs-Pianisten seines Heimatlandes Portugal ist, war die gemischte Präsentation von portugiesischer Musik und Literatur eine Premiere. Zu erleben war sie in Form eines „Portugiesischen Abends“ im Rahmen der Reihe „Musik in der Christuskirche“ der Evangelischen Gemeinde.

Rund 300 Gäste waren gekommen und damit viel mehr als erwartet. „Eigentlich dachten wir, dass wir mehr als genug Pastéis de Nata (portugiesische Pudding-Törtchen) bei einem portugiesischen Konditor in Köln gekauft haben“, eröffnete Kantor Stefan Iseke. Doch waren so viele Dürener der Einladung zur musikalisch-poetischen Entdeckungsreise mit landesüblichem Pausenhappen gefolgt, dass Iseke zum Teilen einlud. Er sei sich sicher, dass die Anwesenden mit „vielen neuen Farben“ im Kopf nach Hause gingen.

Der 1992 geborene Vasco Dantas führte durch den Abend und erklärte beispielsweise, wie der Komponist Fernando Lopes-Graça, dessen Werke während der Diktatur in Portugal zwischen Anfang der 1930er Jahre und 1974, verboten wurden, eine neue kulturelle Identät begründete. Der Musikwissenschaftler und Regimegegner habe bekannte folkloristische Musikthemen aufgenommen und sie mit eigenen Interpretationen versehen, habe Dissonanzen und mehr Komplexität eingebaut.

Gemeinsam mit der portugiesischen Musikerin Isabel Vaz am Violoncello interpretierte Dantas die Werke Lopes-Graças, ebenso wie Arbeiten von Frederico de Freitas, David de Sousa, Joly Braga Santos, Luíz Costa und Luís de Freitas Branco und bewegte sich damit überwiegend in der Musikszene des 20. Jahrhunderts – zwischen der Melancholie von nationalen folkloristischen Einflüssen wie dem Fado und der Heiterkeit zitierter Musikstile aus dem Ausland wie der Wiener Kaffeehausmusik.

Vasco Dantas stammt aus Porto und hatte dort bereits mit sechs Jahren seinen ersten öffentlichen Auftritt als Pianist. Er studierte Klavier am Musikkonservatorium in Porto und am „Royal College of Music“ in London, wo er seinen Bachelorabschluss mit Auszeichnung bestand. Seine dortige Dozentin machte ihn auf den Dürener Pianisten Heribert Koch aufmerksam und empfahl ihm, bei Koch einen Meisterkurs zu besuchen. Das tat er vor etwa fünf Jahren und bereitet sich nun auf sein Konzertexamen als Hauptfachstudent von Koch an der Musikhochschule Münster vor. Der Studiengang Konzertexamen ist wenigen Studenten mit besonderer künstlerischer Befähigung und einem mit „sehr gut“ abgeschlossenen künstlerischen Studium vorbehalten.

Isabel Vaz studierte Cello und Kammermusik in Lissabon, Amsterdam, Prag, New York und Hannover. Sie spielt im „Noord Nederlands Orkest“ und arbeitet als Solistin mit verschiedenen europäischen Orchestern zusammen. Gemeinsam mit Vasco Dantas ist sie Teil der künstlerischen Direktion des Kammermusik-Festivals „The Algarve Music Series“.

Die beiden jungen portugiesischen Künstler lieferten in ihrem Zusammenspiel Perfektion, Gefühl und eigene Nuancen. Ihre Klangwelten
sorgten für einen idealen Ausgangspunkt, um sich auf die von Klaus Kenke vorgetragene Lyrik portugiesischer Dichterinnen und Dichter einlassen zu können.

Klaus Kenke, der 32 Jahre lang Pfarrer der Evangelischen Gemeinde in Düren war und eine professionelle Sprechausbildung bei Theo Strauch (Hochschule für Musik und Tanz Köln), Lutz Göhnermeier (WDR-Sprecherensemble) und seit 2013 bei Andreas Durban (Hochschule für Musik und Tanz Köln) absolvierte, rezitierte Werke aus der portugiesischen Lyrik und bewegte sich mit seiner Darbietung der Dichtkunst von Sebastião da Gama, Manuel Alegre, Florbela Espanca und Sophia de Mello Breyner Andresen – korrespondierend zur dargebotenen Musik – in der zeitgenössischen Literatur.

Darüber hinaus erklärte Kenke den Einfluss portugiesischer Dichter wie Luís Vaz de Camões, aus dessen lyrischem Werk er rezitierte und der im 16. Jahrhundert lebte, auf die Dichter der deutschen Romantik. So habe sich beispielsweise Ludwig Tieck in seiner Novelle „Der Tod des Dichters“ mit dem Leben des portugiesischen Nationaldichters auseinander gesetzt.

Auf die Idee zu diesem Mix aus Konzert, Lyrik und Kulinarik seien Vasco Dantas und Klaus Kenke aus ihrer persönlichen Geschichte heraus gekommen, berichtet Heribert Koch am Rande des Konzertes auf Nachfrage. Die beiden hätten sich kennengelernt, als Dantas für seine Zeit in Kochs Meisterkurs eine Gastfamilie gesucht habe. „Das Ehepaar Kenke erklärte sich gerne bereit, ihn aufzunehmen. Und ich glaube, sie haben ihn quasi adoptiert“, sagt Koch lachend.

Herausgekommen aus dieser persönlichen Verbindung ist ein außergewönlicher Abend, der in Düren erstaunlich große Resonanz fand.

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