Düren: Ausnahme: Lehrer mit Migrationshintergrund

Düren: Ausnahme: Lehrer mit Migrationshintergrund

„Herr Zahirovic war als Typ für uns interessant. Man kann vielleicht sagen, er ist ein gewolltes Zufallsprodukt.“ Wilhelm Gödde ist Schulleiter am Gymnasium am Wirteltor in Düren, Haris Zahirovic gehört zu den 114 Lehrkräften der Schule. Der 34-Jährige unterrichtet Englisch, Pädagogik und Politik.

Und er ist einer von zwei Lehrern der Schule mit Migrationshintergrund. Diese Pädagogen sind an Dürener Schulen immer noch die Ausnahme. Das Landesschulministerium in Düsseldorf kann keine genauen Zahlen nennen. Pressesprecher Jörg Harm: „Alle verbeamteten Lehrerinnen und Lehrer haben natürlich die deutsche Staatsbürgerschaft. Und es wird auch bei der Einstellung nicht gefragt, ob Lehrerinnen und Lehrer einen Migrationshintergrund haben. Das wäre diskriminierend.“ Harm kennt aber Schätzungen, nach denen der Anteil von Lehrern mit Migrationshintergrund zwischen einem und zwei Prozent liegen soll. „Das scheint mir hoch gegriffen“, sagt Wilhelm Gödde. „Ich glaube, dass es weniger Lehrer sind.“

Vermutlich hat er Recht. An der Hauptschule Burgauer Allee arbeiten Lehrer mit türkischem, russischen, arabischen und polnischen Wurzeln. Sie bieten auch muttersprachlichen Unterricht für die Schüler an, die ebenfalls aus ihrem Heimatland kommen. An der Gesamtschule Niederzier-Merzenich gibt es unter anderem Lehrer mit türkischem, russischen und italienischen Migrationshintergrund. „Die Welt hört nicht hinter Merzenich und Niederzier auf“, sagt Hermann-Josef Gerhards. „Lehrer, aber auch Schüler mit Migrationshintergrund eröffnen ganz neue Sichtweisen, Kontakte, aber auch Vertrautheiten. Das ist eine Bereicherung für unsere Schule.“

An den meisten Dürener Gymnasien arbeiten ein, maximal zwei Lehrer mit Migrationshintergrund. Schulleiter Franz Holtz vom Rurtal-Gymnasium berichtet von einem Kollegen mit italienischen Wurzeln, am Burgau-Gymnasium arbeiten ein Mathematik-Lehrer mit arabischen Wurzeln und eine französische Lehrerin. „Es wäre gut“, sagt Schulleiter Andreas Grüderich, „wenn es mehr Lehrer mit Migrationshintergrund wären.“ Es gäbe an seiner Schule nicht wenige Schüler, deren Eltern aus der Türkei kämen. „Da gibt es ganz andere Erziehungsgrundsätze als in Deutschland. Ein Lehrer mit türkischem Migrationshintergrund könnte da sicherlich für ein besseres gegenseitiges Verständnis sorgen.“

„Es ist in der Tat manchmal eine Brücke“, sagt auch Wilhelm Gödde, „wenn Lehrer auch die Muttersprache von Eltern unserer Schüler sprechen. Das ist aber natürlich kein Anstellungskriterium.“ Haris Zahirovic hat sein Abitur an einem Gymnasium in Bosnien gemacht, 1995 ist er mit seinen Eltern nach Deutschland gekommen. In Bonn hat er sein Studium absolviert und sich dann in einem ganz normalen Ausschreibungsverfahren auf die Stelle am Wirteltor-Gymnasium beworben. „Es wurde ein Englischlehrer gesucht“, sagt er. „Und Ausschlag gebend war meine Qualifikation.“ Haris Zahirovic hat eine Zeit lang in England studiert, außerdem hat er 2005 den „Deutschen Pop-Rock-Preis“ gewonnen. „Es war ein Lehrer gesucht, der sich auch musisch einbringen konnte.“ Wenn die Schule Spiegel der Gesellschaft sein solle, so Zahirovic, brauche es auch mehr Lehrer mit Migrationshintergrund. „Aber“, und das ist dem Pädagogen ganz wichtig, „ich fühle mich überhaupt nicht als Exot. Ich halte mich für normal und werde auch normal behandelt.“ Integration sei an seiner Schule „kein seltenes Wesen, sondern ein Stück Normalität. Wir leben hier Multikulti.“ Das sieht Wilhelm Gödde ähnlich, er sagt aber auch gleich: „Das liegt sicher auch daran, dass wir ein Gymnasium sind. Ich habe vorher an einem großen Schulzentrum gearbeitet. Da war das ganz anders.“

Im Unterricht, sagt Haris Zahirovic, sei seine bosnische Herkunft kein besonderes Thema. „Ich erzähle bei gesellschaftspolitischen Themen von meinen Erfahrungen aus Bosnien und dem Krieg. Das ist für die Schüler sicher authentischer. “

Gleich bei seinem Vorstellungsgespräch hat Haris Zahirovic übrigens angeregt, einen Schüleraustausch mit Bosnien ins Leben zu rufen. Und das hat er auch getan. „Das ist für unsere Schüler eine große Bereicherung“, sagt Wilhelm Gödde. „Und die haben wir ganz klar Herrn Zahirovic zu verdanken.“ Gödde ist übrigens davon überzeugt, dass zu wenige Lehrer mit Migrationshintergrund bald kein Thema mehr sind. „Die Zahl der Schüler mit Migrationshintergrund an Gymnasien nimmt deutlich zu. Und ich gehe davon aus, dass auch immer mehr in akademische Berufe, auch in den des Lehrers, gehen.“

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