Düren: Auf der Annakirmes wird‘s im Krimi blutig

Düren : Auf der Annakirmes wird‘s im Krimi blutig

Wenn in genau drei Wochen die Fahrgeschäfte der Annakirmes in Düren öffnen, passiert etwas, was Olaf Müller so beschreibt: „Mit der Annakirmes bricht eine andere Welt über Düren herein, auch wenn man das aus der Sicht im Alter vielleicht verklärt. Aber in meiner Jugend war die Annakirmes ein Sozialisationsfaktor.“ Müller ist 58, ist Dürener, leitet in der Stadt Aachen den dortigen Kulturbetrieb, organisiert unter anderem jedes Jahr das Kulturprogramm zur Karlspreisverleihung.

In Düren wollte er mal für die SPD Bürgermeister werden und bewarb sich um die Kandidatur für den Posten des Landrates. Jetzt mordet er. Besser gesagt: Er hat seinen ersten Krimi geschrieben, in dem gemordet wird. Auf der Annakirmes.

Diese andere Welt der Annakirmes hat Müller schon mit 14 fasziniert. Es ist die Welt der Schausteller, der Reisenden, der Ausrufer, und natürlich ist es die Welt der „Mischung aus Mandelgeruch, Backfisch und lauter Musik“, erinnert er sich. In diese Welt taucht Müller wieder ein, wenn er auf Seite 11 des Krimis den 88-jährigen Alexander Rütters in der Geisterbahn auf der Kirmes mit einem Kopfschuss meuchelt.

Natürlich erzählt Müller nicht nur einfach von einem Mord auf der Kirmes. Sein Opa, den er nie kennengelernt hat, ist beim Bombenangriff in Düren ums Leben gekommen, sein Vater musste mit 17 Jahren noch an die Front und kam mit drei Einschüssen im Rücken nach Hause, war später Polizeibeamter in Düren — Wunden des Krieges, die ihn ebenfalls geprägt haben.

Müller ist schon früh mit offenen Augen durch seine Heimatstadt gegangen, hat Dinge gesehen, die man schnell übersehen kann — etwa das Metallkreuz in der Nähe der Kuhbrücke, das an den tragischen Tod von sieben Kindern zehn Monate nach Kriegsende erinnert, die mit einem Blindgänger gespielt hatten. Bei all dem, was Müller geprägt hat, was er beobachtet hat, kann man erahnen, dass ein in der Geisterbahn gemeuchelter 88-Jähriger ebenfalls eine Vergangenheit hat und die beiden Aachener Kommissare, die den Fall aufklären sollen, tief in diese Vergangenheit einsteigen müssen.

„Erst war die Geschichte da“

Dabei stand am Anfang gar nicht die Idee, einen Krimi zu schreiben. „Erst war die Geschichte da. Die Form kam später“, sagt Olaf Müller. Die Form wurde der Krimi. Aus mehreren Gründen. Es ist sein Debüt als Autor und er gesteht, dass er auch „aus Respekt vor der Epik“ keinen Roman geschrieben hat. Dabei ist der gelernte Buchhändler und studierte Germanist nicht mal so ein großer Krimi-Fan. Aber: „Es war die Möglichkeit, mit einem handlungsauslösendem Moment zurück in die Vergangenheit zu führen, zu historischen Ereignissen.“ Zudem war für ihn schnell klar, dass er spannend erzählen wollte. Dem passt Müller auch seinen Schreibstil an — zumindest zu Beginn des Buches.

Den Takt geben die Kirmesausrufer vor: So wie sie ihr „Zacki, zacki, zacki, zacki“ schreien, um die Menschen anzulocken, so schreibt Müller anfangs sehr kurz und knapp, beschreibt nur das Nötigste. Es ist eine Reminiszens an das alternative Filmforum im Dürener UT-Lichtspielhaus, wo er weit vor der MTV-Generation Filme in schneller Schnittfolge gesehen hat. Und es ist von der Krimi-Form und „Schnittfolge“ der Versuch, Leser zu begeistern, die sich der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sonst eher schwer getan hätten. Zuspruch, sagt Müller, kam da auch von seinem 15-jährigen Sohn, der ihn ermuntert hat und dem er das Buch gewidmet hat. „Gemordet“ hat Olaf Müller schriftstellerisch morgens zwischen 5 und 6 Uhr vor der Arbeit, am Wochenende und im Urlaub. „Dazu benötigt man viel Selbstdisziplin“, sagt er, ohne zu verhehlen, dass ihm das Schreiben unglaubliche Freude bereitet habe.

Bei seinen Recherchen gerade zu den historischen Aspekten seines Buches hat Müller in vielen Fällen auf die Arbeit der Dürener Geschichtswerkstatt und des Dürener Historikers Dr. Horst Wallraff zurückgegriffen, hat in Archiven und Tageszeitungen gestöbert. Bei dem Bogen, den Müller von der Annakirmes zum Camp Vogelsang, vom Beinahe-Gau im Forschungszentrum Jülich bis zur Rurtalsperre und dem belgischen Geheimdienst spannt, unerlässlich. „Ich wollte, dass die Details stimmen“, sagt er dazu.

Und der Titel des Buches? Rurschatten? Olaf Müller verrät natürlich nicht, was sich dahinter verbirgt. Wer würde auch schon einem Krimi die Spannung nehmen? Er erzählt stattdessen amüsiert, dass Google ihm bei dem Begriff mit einer Frage antwortet: „Meintest du: Kurschatten“. Nein, meinte er nicht.

Und eine Fortsetzung? Das will Müller abwarten. Schauen, wie der Krimi ankommt. Eine weitere Geschichte hat er schon im Kopf. „Ich sprech‘ mal mit den beiden Kommissaren“, antwortet er. Es wären nicht die ersten Kommissare, die ein Eigenleben entwickeln.