Düren: Arbeiten an Oberleitung: Der „Knochenjob“ mit dem Kupferdraht

Düren : Arbeiten an Oberleitung: Der „Knochenjob“ mit dem Kupferdraht

Der fingerbreite, nicht von Menschenhand biegsame Kupferdraht ist eines der tödlichsten Arbeitsmaterialien, mit dem ein Mensch zu tun haben kann: der Fahrdraht der Oberleitung einer Bahnstrecke. Durch ihn fließen 15.000 Volt, das ist das 65-fache einer Haushaltssteckdose. Kommen Personen ihm auch nur zu nahe besteht Lebensgefahr.

Tobias Bel, 24, muss dem Fahrdraht regelmäßig zu nahe kommen. Der Kölner arbeitet als Oberleitungsmonteur und Elektrofachkraft für die Deutsche Bahn und war in der Nacht zum Dienstag auf der Bahnstrecke zwischen Düren und Langerwehe im Einsatz. In gut fünfeinhalb Metern Höhe haben er und sechs weitere Kollegen gut 125 Meter Draht ausgetauscht.

sd.

Es ist eine dieser Aufgaben, die man gerne „Knochenjob“ nennt: Es ist Nacht, die Arbeiter stehen auf einem fahrenden, dröhnenden Zug. Bei trockenem Wetter zieht der Schweiß Stechfliegen an, die bei voller Konzentration im Gesicht landen und stören. „Die Region hier ist schlimm“, meint Bel, als er auf Höhe der Weierstraße umgeben von Feld, Gebüsch und Bäumen den neuen Fahrdraht bearbeitet. „So viele Viecher haben wir nicht, wenn wir in der Stadt oder in der Nähe eines großen Bahnhofs arbeiten.“

Arbeiten auf fünfeinhalb Meter Höhe, teilweise während der Fahrt: Monteure der Bahn haben in der Nacht zu Dienstag 125 Meter Fahrdraht an der Oberleitung zwischen Düren und Langerwehe ausgetauscht. Dabei werden Unebenheiten in dem stabilen Kupferdraht (oben rechts) per Handarbeit ausgeglichen, der Draht auf Spannung gebracht (linkes, kleines Foto). Abgerollt wird der Draht von einem Trommelwagen (rechts unten).

Willkommen auf dem Land, willkommen auf einer der meistbefahrenen Zugstrecken der Region. Zwischen Düren und Aachen fahren ICE und Thalys, die Regionalexpresse, nach dem Berufsverkehr die Güterzüge in enger Taktung. Auf den Gleisen ist eine Geschwindigkeit von bis zu 160 Stundenkilometern möglich. Die Bahn musste den Fahrdraht auf dem Streckenabschnitt austauschen, weil er bei der Brückensanierung im Sommer beschädigt worden war.

Arbeiten auf fünfeinhalb Meter Höhe, teilweise während der Fahrt: Monteure der Bahn haben in der Nacht zu Dienstag 125 Meter Fahrdraht an der Oberleitung zwischen Düren und Langerwehe ausgetauscht. Dabei werden Unebenheiten in dem stabilen Kupferdraht (oben rechts) per Handarbeit ausgeglichen, der Draht auf Spannung gebracht (linkes, kleines Foto). Abgerollt wird der Draht von einem Trommelwagen (rechts unten). Foto: Rose

Als ein Kran das neue Brückenteil über der Weierstraße einsetzen wollte, touchierte dieser die Oberleitung und einen Zacken im Fahrdraht verursachte. Der Schaden wurde damals nur provisorisch behoben. „Ein Zug kann diesen Streckenabschnitt nicht mehr entspannt passieren“, erklärte Gerd Glesmann, Bezirksleiter des Arbeitsbereichs Oberleitung bei der DB Netz AG, in der Nacht vor Ort. Ein solcher Zacken, eine Unebenheit, erhöht den Verschleiß des Fahrdrahts, von dem die Züge mittels Stromabnehmer den Strom ziehen.

Zu stabil: Gerd Glesmann kann den Fahrdraht aus Kupfer nicht ansatzweise biegen. Foto: Rose

Je nach Nutzung der Strecke hält die Oberleitung im Schnitt sechs Jahre — auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke Köln-Frankfurt nur drei. Reisende im Zug bekommen von dem Schaden anders als bei unebenen Gleisen nichts mit, höchstens nur dann, wenn es auf Höhe des Triebwagens oder der beiden Enden des Zuges mal blitzt, als hätte jemand ein Foto geschossen.

Gerd Glesmann begann vor drei Wochen, die Reparaturarbeiten zu organisieren. Wichtigstes Element: das IFO, das Instandhaltungsfahrzeug für Oberleitungen. 81 Tonnen schwer, 1,8 Millionen Euro teuer, Werkstatt und Materiallager in einem, ein Bauwagen auf Schienen. Die Hebebühne kann die Arbeiter auf bis zu 20 Meter Höhe bringen. Von diesem Zug warten zwei in Köln auf den Einsatz, sieben gibt es ganz NRW — jede Nacht ist mindestens ein IFO im Bundesland unterwegs.

Hinzu kommt noch ein Trommelwagen, von dem aus der neue Draht aufgewickelt wird. Zwischen 500 und 1000 Meter Fahrdraht können Monteure nachts in drei Stunden austauschen. Mehr Zeit haben sie nicht. Wie auf dem Streckenabschnitt zwischen Düren und Langerwehe hat die Bahn ein Zeitfenster von 22 bis 4 Uhr, jeweils mit einem Puffer von einer Stunde am Anfang und am Ende. Nach 4 Uhr wird der Strom wieder angeschaltet, damit der Berufsverkehr rollen kann.

Montagnacht war der einstündige Puffer zu Beginn wegen Verspätungen aufgebraucht. Heißt: mehr Druck für die Arbeiter, hinten raus darf nicht viel schief gehen. In dieser Nacht tut es das nicht. Die 9000 Euro teure Reparatur verläuft reibungslos.

Tobias Bel und seine Kollegen, die mit ihrer orangefarbenen Kluft und Helm samt Lampe aussehen wie Höhenretter, stehen auf der Hebebühne und pressen Meter für Meter neuen Fahrdraht neben den alten beschädigten — die erste von vier Fahrten im Schritttempo auf der 125 Meter langen Strecke. Danach wird der alte Draht gekappt, neben die Gleise geschmissen. Drei Kollegen sind nötig, um die stabile Kupferlegierung in kurze, tragbare Stücke zu schneiden. Zehn Zentimeter wiegen etwa so viel wie zwei Smartphones. „Wegen potenzieller Kabeldiebe nehmen wir den Draht direkt mit, der wird später wiederverwertet“, erklärt Gerd Glesmann.

Hängt nur noch der neue Fahrdraht in der Oberleitung, halten Tobias Bel und ein Kollege während der Fahrt ihre Köpfe dicht an den Draht, um eventuelle Knubbel zu finden. „Die sind wie ein harter Punkt im Draht, wenn der Stromabnehmer ständig dagegen haut, nutzen die Materialien schneller ab“, erklärt Bel. Sieht er eine Unebenheit, hält der Zug, und er gleicht mit Hammer und Holzstück die Knubbel aus.

Echte Handarbeit, volle Konzentration, Millimeter genau. Und nichts im Vergleich zu Einsätzen wie 2014 nach Sturmtief Ela, als Bel & Co. etliche Oberleitungen in Norddeutschland reparieren mussten. „Nach einigen Nächten ging das echt an die körperlichen Grenzen“, erzählt er. Diese Nacht nicht, zumal ihm nach getaner Arbeit noch alle zum Geburtstag gratulieren durften.