Turm am alten Cölnplatz in Düren: Als eine Stadt nach Wasser lechzte

Turm am alten Cölnplatz in Düren : Als eine Stadt nach Wasser lechzte

Elf Kiefern, eine runde Rasenfläche und abends Leuchteffekte durch Hightech-Gewebe made in Düren (von GKD). Der Friedrich-Ebert-Platz, der täglich viele Tausend Fahrzeuge in die vier Himmelsrichtungen verteilt, ist mit zweckmäßig wohl treffend beschrieben. Schön ist er nicht. Vor fast 110 Jahren war das anders, als auf dem damaligen Cölnplatz der zu dieser Zeit „neue Wasserturm“ feierlich eröffnet wurde.

Den Turm umgaben im Halbrund Säulengänge (Kolonnaden), zu seinem Fuß befand sich ein großes Bassin, aus dem Fontänen von bis zu 25 Metern in die Höhe schnellten. Düren hatte schon eine Art Europaplatz, nur schöner, da wusste Aachen noch nichts von seinem späteren Slogan „Sprudelnde Vielfalt“.

Herbert Reiter ist dieses Bild des alten und nicht mehr vorhandenen Dürens gegenwärtig. „Wenn ich durch die Stadt gehe, dann sehe ich immer die alten Bilder“, sagt der 58-Jährige, der sich mit Leib und Seele der Lokalhistorie verschrieben hat und im großen Team des Stadtmuseums für die Einordnung und Beschreibung alter Fotografien verantwortlich ist. An Bäumen, an Kandelabern (mehrarmigen Leuchten), an oft winzigen Baudetails bleibt das geschulte Auge von Herbert Reiter hängen. Sie versetzen ihn in die Lage, Abbildungen präzise einzuordnen. Und er recherchiert für sein Leben gern. In alten Zeitungen – vor allem dieser –, in Stadtratsprotokollen, Dokumenten. Das fördert zuhauf Wissen zu Tage, das einmal wichtig sein kann oder auch nur eine Nebensächlichkeit. „Das macht mir einfach Spaß. Wer zum Beispiel im Internet versucht, die Maße des Wasserturms auf dem Cölnplatz zu finden, wird nicht viel Glück haben“, sagt Reiter mit einem wissenden Lächeln, denn er hat das Rätsel gelöst:„Von der Straßensohle bis zur Dachhaube waren es 57 Meter.“ Das entspricht in etwa der Höhe des heutigen Turms von St. Anna.

Die Aussichtsgalerie befand sich in 42 Metern Höhe. Sie wurde sonntags geöffnet und bot einen herausragenden Blick auf Düren und das Umland, war aber kostenpflichtig. Herbert Reiter: „Man musste 50 Pfennig bezahlen.“

Der Friedrich-Ebert Platz in Düren 1958: Quer über die Fläche des vorherigen Wasserturms führt die Straßenbahnstrecke vom Zentrum über Distelrath und Merzenich nach Nörvenich (bis 1963). Foto: Herbert Reiter

Nun war der Bau der Anlage auf dem Cölnplatz primär kein Akt der Verschönerung, sondern Reaktion auf ein drängendes Infrastrukturproblem: Düren lechzte nach Wasser, nachdem es in Folge einer rasanten Industrialisierung enorm gewachsen war. Von 1871 bis 1910 stieg also binnen knapp 40 Jahren die Einwohnerzahl von 12.850 auf 32.460. Das ist ein Zuwachs von 253 Prozent (Quelle: „Dürens Goldene Jahre“/Hahne & Schloemer Verlag). Herbert Reiter verdeutlicht das Problem: „Die Stadt Düren hatte schon seit dem 25. Juli 1885 ein Wasserwerk mit Wasserturm auf dem damaligen Reitplatz, dem heutigen Annakirmesplatz. Im Betriebsjahr 1886/87 betrug die gesamte geförderte Wassermenge noch 143.577 Kubikmeter, und im Betriebsjahr 1906/07 waren es schon 775.366 Kubikmeter.“ Das ist fast eine Verfünffachung in 20 Jahren.

Damit wuchs laut Reiter auch das Leitungsnetz um rund 40 Kilometer. Die Folge war, dass der Wasserdruck nachließ und den östlichen Höhenzug der Stadt (Kölner Land-, Girbelsrather, Binsfelder, Merzenicher Straße sowie Vereinsstraße – heute Schoeller- und Euskirchener Straße) nicht mehr vernünftig versorgt werden konnte. Das führte zur Planung eines zweiten, des „neuen“ Wasserturms. Nach zähen Verhandlungen, wie Herbert Reiter recherchiert hat, kam aus Kostengründen als Standort nur der Cölnplatz in Frage. Der Entwurf stammte vom Architekten und Stadtbaumeister Heinrich Dauer. Er verband das technisch Notwendige mit einer ansprechenden Ästhetik.

Die Säulengänge kennen viele betagte Menschen, sie waren prädestiniert zum Rollschuhfahren. Und die Wasserfontänen wurden ein gefragtes Foto-Motiv. „Allerdings wurden sie ab 1910 aus Kostengründen nur noch zu besonderen Anlässen in Betrieb genommen“, hat Herbert Reiter nachgelesen. Für 50 Mark pro halbe Stunde ließ sich der größte Springbrunnen der Stadt aber privat buchen, zum Beispiel als Hintergrund von Hochzeitsfotos. Ein Turmwächter, der an der Nordseite der Kolonnaden wohnte, war Ansprechpartner. Und an der Südseite der Säulengänge befand sich eine Wartehalle für die Fahrgäste der Dürener Straßenbahn, deren Gleise dort um den Platz herum führten.

Herbert Reiter ist in lokalhistorischer Sicht ein wandelndes Lexikon. Und er teilt seit gut zwei Jahren sein Wissen und vor allem viele der ihm vorliegenden Fotografien in einer erfolgreichen Facebookgruppe („Düren Deine Heimat“), wo er oft die Motive von früher und heute gegenüberstellt. Selbst junge Mitglieder mit Geschichtsinteresse sind voll des Lobes.

Vom Angriff im November 1944 schwer getroffen, sprengten Wehrmachtssoldaten im Februar 1945 die Reste von Turm und Kollonnaden. Die Überbleibsel der Anlage wurden am 8. Juni 1957 endgültig beseitigt, um das Straßenbahngleis mittig von der Köln- zur Kölner Landstraße zu führen (bis 1963).

Lokalhistoriker Herbert Reiter (Stadtmuseum Düren) am „Kreisverkehr“ heute: elf Kiefern, Rasen und in den Boden eingelassenes Leucht-Metallgewebe prägen einen zweckmäßigen, aber nicht schönen Platz. Foto: Volker Uerlings

Der Platz beschäftigt Politik und Verwaltung bis heute. Er ist Bestandteil des Masterplans Innenstadt. Ein kompletter Umbau der „Riesenfläche würde Kosten im Millionenbereich“ nach sich ziehen, sagte Marcus Steffens, Leiter des Amtes für Stadtentwicklung, auf Anfrage. Und: „Wir haben verschiedene Varianten geprüft: Ein Kreisel ist dort die verkehrlich funktionsfähigste Lösung.“ Um aber wie vor 110 Jahren ein „Merkzeichen“ zu setzen, soll der Mitte eine attraktive und „prägnante Gestalt“ gegeben werden. Hierfür sieht der Masterplan eine Gestaltung vor, die in einem Künstlerwettbewerb gefunden werden soll. Das Verfahren startet laut Marcus Steffens in 2019.

Bis dahin bleibt der Friedrich-Ebert-Platz, was er seit Jahrzehnten ist: vorwiegend zweckmäßig.

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