Düren: Alleinerziehende Mutter hat mit vielen Problemen zu kämpfen

Düren : Alleinerziehende Mutter hat mit vielen Problemen zu kämpfen

In ihrem Wohnzimmer hängt eine wandgroße Motivtapete mit der Skyline New Yorks. Das Foto ist schon älter, die Twin Towers dominieren noch den Ausschnitt. „Einmal nach New York zu kommen, wäre schon ein Traum“, sagt Svenja Gase. „Aber es wird wohl ein Traum bleiben“, vermutet die alleinerziehende Mutter. Geld ist ein großes Thema in ihrem Leben, fehlendes Geld.

Die 44-Jährige ist zum zweiten Mal in ihrem Leben alleinerziehend. Mit einem früheren Partner hat sie zwei Söhne. Als die Verbindung zerbrach, war sie schon einmal fast drei Jahre alleine mit den heranwachsenden Jungs. Sie ging noch einmal eine Beziehung ein, aber seit zwei Jahren ist sie nun wieder auf sich alleine gestellt.

Von Männern, sagt sie, habe sie erst einmal genug, obwohl das Verhältnis zum Vater der Kinder entspannt ist. Er zahlt Unterhalt, jedes zweite Wochenende könnten sie ihn besuchen, aber nur noch der Jüngere macht davon Gebrauch. 16 und 20 Jahre alt sind die Söhne von Svenja Gase. Vermutlich sind sie aus dem Gröbsten heraus, wie man sagt. Der Ältere wohnt inzwischen bei seiner Freundin.

Als Svenja Gase das erste Mal alleine mit ihren Kindern da stand, war die Herausforderung turmhoch. Die Buben musste sie jeden Tag zum Fußballtraining ins benachbarte Binsfeld bringen, am Wochenende standen Spiele an. Zudem musste der Erstgeborene regelmäßig behandelt werden. „Alles unter einen Hut zu bekommen, war schwierig“, sagt sie. Häufig übernahm ihre Mutter, die nur ein paar Meter entfernt wohnt, nachmittags die Aufsicht.

Svenja Gase arbeitet beim Sozialdienst Katholischer Frauen in Düren, sie betreut Kinder an einer Offenen Ganztagsschule. Sie hat diese Teilzeitstelle seit zwölf Jahren, schwärmt von den 60 Kindern und den Kollegen. „Ich würde sie niemals aufgeben wollen“, sagt die examinierte Kinderpflegerin.

Das Geld fehlt

Früher haben sich ihre Kinder schon mal beschwert, dass zu wenig gemeinsame Zeit bleibt. „Wenn ich aber aufgehört hätte zu arbeiten, hätten wir uns überhaupt nichts mehr leisten können“, sagt die fröhliche Frau.

Geld für Klamotten oder für einen Urlaub fehlen. Gerade hat sie Ferien, sie bleibt zu Hause, hat sich einen kleinen aufblasbaren Pool für den Garten geleistet. Svenja Gase erwägt noch einen zweiten Job anzunehmen. „Ich sträube mich dagegen, zum Sozialamt zu gehen“, sagt sie. Sie will aus eigener Kraft klar kommen. Wenn sie sich etwas gönnt, dann sind es die Ausfahrten mit ihrem sechs Jahre alten Motorrad, mit dem sie und ihr jüngerer Sohn durch die Region streifen.

Svenja Gase ist in Rommelsheim geboren und aufgewachsen, sie will in der Gemeinde Nörvenich im Kreis Düren bleiben. Als sie und der Vater der Kinder sich trennten, stritten sie eine Weile, was aus dem kleinen gemeinsamen Häuschen wird.

Sie ist dann dort geblieben mit den drei kleinen Hunden, aber die Finanzierung fing wieder fast von vorne an, sie wird viel länger laufen, als das damals geplant war. „Hier habe ich viel selbst geschaffen“, sagt sie. Mauern, Tapezieren oder Verputzen sind ein paar Fähigkeiten, die sie sich im Laufe der vergangenen Jahre angeeignet hat.

So eine dörfliche Gemeinschaft mit etwa 500 Bewohnern ist auch ein Anker, sagt Svenja Gase. Sie hat dort Freunde, die beim Reifenwechsel helfen, Nachbarn, die gerne mal zuhören. Wenn man sie fragt, sagt sie, dass es sie schon etwas stolz mache, diese schwierigen Zeiten gemeistert zu haben. „Mich hat diese Zeit eher stärker gemacht.“

Birgit Seifarth ist seit acht Jahren Geschäftsführerin im Aachener Ortsverband der allein erziehenden Mütter und Väter (VAMV). Jede fünfte Familie in Deutschland — auch in der Region — ist alleinerziehend. Ein-Eltern-Familien sind gesellschaftliche Realität. Der Trend nimmt zu.

90 Porzent bleiben bei Müttern

Trennungen sind kein Tabubruch mehr, aber am Arbeitsmarkt vermisst Seifarth eine entsprechende Reaktion auf diese Entwicklung. „Wir sind in dieser Region rückständig beim Angebot von flexiblen Arbeitszeiten“, sagt sie und verweist auch auf starre Betreuungszeiten in den Kitas, die sich selten mit einer Schichtarbeit synchronisieren lassen.

In 90 Prozent der Fälle bleiben die Kinder bei ihren Müttern. In den Beratungsräumen sitzen dann häufig getrennt lebende Eltern, deren Lebensentwurf sich gerade dramatisch geändert hat. „Sie sind traurig, wütend, belastet“, sagt Seifarth. Der Verband ist immer auch eine Anlaufstelle, um sich mentalen Beistand zu holen.

„Häufig geht es um Fragen der Existenzsicherung“, sagt Seifarth. „Wir registrieren, dass die Zukunftsängste zugenommen haben.“ Bundesweit gewähren die Jugendämter etwa in 500.000 Fällen „Unterhaltsvorschussleistungen“, die sie nicht immer bei den Zahlungspflichtigen zurückholen können.

Seifarth beklagt, dass Alleinerziehende nach wie vor steuerlich benachteiligt werden. „Das Ehegattensplitting basiert immer noch auf einem überholten, fragwürdigen Ernährermodell und benachteiligt Frauen.“

Die Fragen der Betroffenen ändern sich, beobachtet Seifarth. Viele melden sich, um ein Soziales Netzwerk zu knüpfen, um somit Wege aus der Isolation zu finden. Sie suchen Menschen in ähnlichen Situationen, um sich mit ihnen auszutauschen, sich zu unterstützen und gemeinsam mit den Kindern Freizeit zu verbringen.

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