Inden/Abu Dhabi: Aktion „Be a shavee“: 18-Jährige lässt sich ihre Haare abrasieren

Inden/Abu Dhabi : Aktion „Be a shavee“: 18-Jährige lässt sich ihre Haare abrasieren

Anna J. Thor war immer das Mädchen mit den blonden, lockigen Haaren. Seit gut einer Woche ist sie das nicht mehr. Die 18-Jährige, die in Inden aufgewachsen, in Langerwehe und Köln zur Schule gegangen ist und mittlerweile an der New York University in Abu Dhabi studiert, hat sich im Rahmen der Aktion „Be a shavee“ der amerikanischen „St.-Baldricks-Stiftung“ die Haare abrasieren lassen.

Damit will sie auf das Schicksal krebskranker Kinder und besonders auf das Schicksal ihres siebenjährigen Großcousins Helgi aufmerksam machen, der an einer besonders aggressiven Form von Leukämie leidet. „Ich kenne die Aktion schon lange. Ich habe sie irgendwann auf Youtube entdeckt. Selbst mitzumachen, war aber eine spontane Idee.“ Mit dem Abrasieren der Haare könne man krebskranke Kinder vor allem visuell unterstützen. „Wir sehen plötzlich aus wie sie und zeigen, dass an ihrem Aussehen nichts unnormal ist.“ Gleichzeitig würde man als „Shavee“, also als Mensch ohne Haare, die von Krebs betroffenen Kinder repräsentieren. „Jedem, der mich fragt, warum ich eine Glatze habe, kann ich von der Initiative erzählen und so auf das Schicksal Zehntausender Jungen und Mädchen aufmerksam machen.“

Anna J. Thor aus Inden hat sich an Gründonnerstag an ihrem Studienort Abu Dhabi die Haare abrasieren lassen. Damit möchte sie auf das Schicksal krebskranker Kinder und besonders das ihres Großcousins Helgi aufmerksam machen. Foto: Thor

Anna hat mit ihren Eltern und vielen Freunden über ihren Plan gesprochen. „Anfangs wollte ich nur in meinem Zimmer sitzen und mir alleine die Haare abrasieren. Aber keiner, dem ich von meiner Idee erzählt habe, wollte die Aktion verpassen. Deswegen habe ich es öffentlich gemacht.“ Fünf Studienkollegen von Anna haben sich auf ihre Initiative hin ebenfalls entschieden, sich die Haare abrasieren zu lassen. Die Studenten haben sich in einem großen Raum an der Uni vor Publikum rasieren lassen und die Prozedur live im Internet übertragen. Die Evangelische Kirchengemeinde Inden-Langerwehe, deren Pfarrer Daniel Müller Thor Annas Vater ist, hat ihre Mitglieder eingeladen, die Übertragung im Gemeindezentrum zu verfolgen. „Ohne die vielen Menschen, die mich angefeuert und unterstützt haben — ganz besonders meine Eltern —, wäre nie so etwas Großes entstanden. Dafür bin ich sehr dankbar.“

Anna J. Thor ist eine sehr vielseitig interessierte junge Frau. An der Universität in Abu Dhabi müssen Studenten sich erst nach den ersten beiden Jahren endgültig auf Studienfächer festlegen, bis dahin hat Anna Vorlesungen in Kunst, Literatur, Physik und Internationaler Politik belegt. „Ich möchte möglichst viel lernen. Und das konnte ich auch, in dem ich mir die Haare habe abrasieren lassen.“

Natürlich hat sie ihre Locken verloren, aber sie hätte gleichzeitig auch unglaublich viel gewonnen. „Wenn ich das möchte, kann ich mein eigenes Leben und das Leben anderer Menschen positiv beeinflussen.“ Anna J. Thor hat sich die Haare von einer Freundin abrasieren lassen. „Die Arme war wirklich sehr nervös, aber sie hat es ganz toll gemacht.“ Sie selbst, ergänzt Anna, sei weniger aufgeregt gewesen. „Warum denn? Ich musste ja nichts tun, außer ruhig auf einem Stuhl zu sitzen. Für mich war der Augenblick der Rasur eher ein sehr emotionaler Moment.“ Sie habe auf ihrem Kopf lediglich ein Rauschen gespürt. „Danach habe ich meinen Kopf angefasst und konnte nicht glauben, was passiert ist. Irgendwie hat es sich so angefühlt, als hätte mir jemand eiskaltes Wasser über den Kopf geschüttet. Plötzlich war ich ganz neu.“

Cousine ist von Aktion begeistert

Für Anna J. Thor waren ihre Haare immer auch ein Teil ihrer Identität. „Das ist mir aber erst im Zuge von ‚Be a shavee‘ wirklich bewusst geworden. Ich hatte anfangs eine sehr lässige Einstellung nach dem Motto: ‚Es sind nur Haare, die wachsen nach.‘ Aber es ist eben viel mehr. Ich war immer das Mädchen mit den blonden, lockigen Haaren. Das bin ich jetzt nicht mehr. Die Haare sind weg, und ich kann mich wieder ganz neu kennenlernen — überlegen, wer ich wirklich bin, wer ich sein will und was meine Botschaft an die Welt ist. Das alles ist viel wichtiger als meine Haare und mein Aussehen.“

Anns Großcousin Helgi, der mit seiner Familie in Island lebt, wo auch Annas Mutter herkommt, ist von der Aktion seiner Cousine begeistert. Helgi muss insgesamt 913 Tage Chemotherapie über sich ergehen lassen, 330 hat er bisher überstanden. Für jede Therapiesitzung muss seine Familie ihn ins 50 Kilometer entfernte Kinderkrankenhaus nach Reykjavik bringen.

Aufgrund der Schwere seiner Erkankung braucht er eine sehr starke Therapie. Er kann nicht in die Schule gehen und nur selten können Freunde ihn besuchen. „Helgi und seine Familie sind über das, was ich getan habe, sehr erstaunt. Aber sie freuen sich auch sehr darüber. Und das wollte ich ja auch erreichen: Ich wollte Geld sammeln, um ihre finanzielle Situation zu verbessern. Aber ich wollte ihnen auch Trost und Freude spenden. Und das habe ich auch ein bisschen geschafft.“

Auch die Menschen in Abu Dhabi reagieren sehr positiv auf Annas neues Aussehen. „Ich bin in dieser Woche von vielen Menschen umarmt worden, die sich alle bei mir bedankt haben und mir ihre persönliche Geschichte erzählt haben. Das hat mich sehr berührt.“