Düren: AfD in problematischen Sozialräumen besonders stark

Düren: AfD in problematischen Sozialräumen besonders stark

Man mag es kaum glauben, aber die SPD kann noch gewinnen: 40,61 Prozent holt Dietmar Nietan bei den Erststimmen in Frenz, Thomas Rachel landet abgeschlagen bei 29,5 Prozent. Es ist 18.33 Uhr, das erste Ergebnis trudelt im Dürener Kreishaus ein — und es gibt nicht den Trend vor.

Weder vom Ergebnis noch vom zeitlichen Ablauf her. Erst um 22.22 Uhr liegt das Endergebnis für den Kreis Düren vor, fast viereinhalb Stunden nach Schließung der Wahllokale. So lange hat es gedauert, weil im Dürener Wahlbezirk 16.1 gezählt und gezählt wurde — 645 Wähler hatten dort ihre Stimme abgegeben. „Eigentlich waren wir mit der Auszählung so schnell durch, wie schon lange nicht mehr.

Um 21 Uhr lagen nahezu alle Wahlergebnisse vor“, sagt Hans-Jörg Feltes, Leiter des städtischen Bürgeramtes. Gehakt hat es nur in einem Wahlbezirk. „Wenn einmal der Wurm drin ist, muss man wieder ganz von vorne anfangen“, erklärt Feltes die Verzögerung. Zur Unterstützung des Wahlvorstandes hatte er noch zusätzliches Personal in den Wahlbezirk geschickt, um die Auszählung zu beschleunigen.

„Keine Erklärung“

Und das Ergebnis? Thomas Rachel gewinnt wie gewohnt seinen Wahlkreis, seine Partei stürzt um zehn Prozent ab, die Genossen halten ihr Ergebnis, die im Kreis bedeutungslose FDP wird plötzlich drittstärkste Kraft vor der AfD. Die sorgt für Ratlosigkeit. So beim Vettweißer Bürgermeister Joachim Kunth (CDU). Während seine Partei gar um bis zu 15 Prozent an Stimmen verliert, lag gleichzeitig die AfD in Froitzheim und im Zentralort bei über 15 Prozent. „Wir waren sehr schockiert über das Ergebnis, zumal wir dafür keine Erklärung haben“, gestand Kunth am Montag ein.

Auch in Nörvenich ist die AfD wie schon bei der Landtagswahl überraschend stark: In Irresheim und Oberbolheim liegt die AfD deutlich oberhalb der 15-Prozent-Marke, in Nörvenich selbst genau bei 15 Prozent. Bürgermeister Dr. Timo Czech (CDU): „Das Dramatische sind nicht die Ergebnisse in den einzelnen Wahlbezirken, sondern die 13 Prozent für die AfD auf Bundesebene. Bei uns spiegelt sich das nur mit Ausreißern nach oben und unten wider.“ Noch deutlicher hat die AfD in der Stadt Düren zugelegt.

In Birkesdorf holt die rechtsextreme Partei 14 Prozent, im Grüngürtel um die 17 Prozent, in einem Stimmbezirk im Bereich des Sattelitenviertels ist es gar jeder fünfte Wähler, der sich im Wahllokal für die AfD entscheidet — und das bei einer erschreckend geringen Wahlbeteiligung von unter 70 Prozent.

Kein Dürener Phänomen

Dürens Sozialdezernent Thomas Hissel will keine Parteiergebnisse bewerten, erkennt aber, dass in problematischen Sozialräumen die AfD tendenziell stärker sei. „Das ist kein Dürener Phänomen“, sagt Hissel. „Demoskopen gehen davon aus, dass der allergrößte Teil der AfD-Wähler aus Protest und Enttäuschung wählt.

Die Politik muss sich die Frage stellen, wovon die Menschen enttäuscht sind. Aufgabe der Verwaltung ist es, dafür zu sorgen, dass Menschen nicht abgehängt werden.“ Ein schwieriges Unterfangen. Hissel: „Das gesellschaftliche Auseinanderdriften hat viele Ursachen, das ändert man nicht an einem Tag.“ Umgekehrt ist Hissel davon überzeugt, dass man bereits die richtigen Ansätze verfolge.

Neue Arbeitsplätze stünden ganz oben auf der Agenda. „Wir arbeiten gezielt in den Quartieren, kümmern uns um Wohnumfeldverbesserung, schaffen Kita-Plätze in Problemzonen, haben eine Task-Force ‚Schrottimmobilien‘ gegründet und engagieren uns im Bereich Integration und Bildung“, sagt Hissel — wohl wissend, dass der eigentliche Strukturwandel im Braunkohlenrevier erst noch bevorsteht.

(bugi)
Mehr von Aachener Nachrichten