Nideggen: Adel Tawil präsentiert sein aktuelles Album in Nideggen

Nideggen : Adel Tawil präsentiert sein aktuelles Album in Nideggen

Für Adel Tawil, Jahrgang 1978, ist Geduld zur Tugend geworden. Als beinahe noch Jugendlicher stieg er in eine Boyband ein, obwohl es ihn schon damals mehr zu profunder Popmusik als zum schnellen Ruhm zog. In der Liedschreiberin Annette Humpe, mit der er das Duo „Ich + Ich“ gründete, fand er schließlich eine musikalische Überzeugungstäterin, die seiner Vision von Unterhaltung mit Mehrwert auf die Sprünge half.

Der Rest ist vielfach gespielte und preisgekrönte Pop-Geschichte. Mit den Songs seines aktuellen Albums „So schön anders“, den großen „Ich + Ich“-Hits und ein paar grundlegenden Gedanken zur Schieflage der Welt, werden Adel Tawil und seine Band am Montag, 10. September, 20 Uhr, im Rahmen der „Bühne unter Sternen“-Konzertreihe auf der Burg Nideggen gastieren. Entspannt und beseelt, denn auf Tour sein, Konzerte spielen, ist für Tawil eine Erlösung, wie er im Gespräch mit Michael Loesl erzählt.

Sind Sie Ihrem Künstler-Selbstverständnis nach eher Geschichtenerzähler oder Unterhalter, Herr Tawil?

Adel TAWIL: Sowohl als auch. Ich erzähle in meinen Liedern natürlich Geschichten aus meinem Leben und auch von Situationen, die ich im Leben anderer Menschen beobachte. Die versuche ich, unterhaltsam rüberzubringen. Aber ich bin kein reiner Unterhaltungsmusiker, obwohl ich bei der Gema so eingeordnet bin. Dort wird immer noch zwischen Unterhaltungsmusik und ernsthafter Musik unterschieden. Zur letztgenannten möchte ich aber gar nicht gehören.

Warum eigentlich nicht? Weil damit die klassische Musik gemeint ist?

Tawil: Nein, ich gehe auch gerne mal in ein Klassik-Konzert, wohne in Berlin direkt neben der Deutschen Oper, die ich auch hin und wieder besuche. Aber seit meiner Kindheit hat es mich immer eher zur Popmusik gezogen. Als ich Annette Humpe kennenlernte und mit ihr „Ich + Ich“ gründete, besuchten wir beide ein Konzert der Jazz-Legende Herbie Hancock. Nach zwei Stücken, die jeweils zehn Minuten dauerten, verließen wir das Konzert, weil wir keinen Zugang zu der Musik fanden. Meins sind klar die Strukturen und die großen Refrains der Popmusik. Auch im Hip-Hop haben mich immer die Songs der Künstler angesprochen, die sich trauten, große Gefühle mit eingängigen Melodien zusammenzubringen. Reine Unterhalter waren das eher nicht.

Der Unterhalter ist oft auch ein Publikums-Animateur, während der Geschichtenerzähler seine Gedanken anbietet, aber nicht auf Teufel komm raus den Stimmungskasper geben muss. Hand aufs Herz, das sind Sie doch nicht.

Tawil: Als Kind der 90er Jahre, das in einer Boyband angefangen hat, kenne ich natürlich alle Techniken, die man zur Publikumsanimation nutzen kann. Aber während der laufenden „So schön anders“-Tour nutze ich nicht mal mehr das große Entree, wenn ich auf die Bühne gehe. Ich lasse lieber meine Songs, meine Musik für sich sprechen. Natürlich rede ich auch mit den Leuten, aber die „Hände-in-die-Höhe“-Geschichte passiert, wenn sie passiert.

Weil die Leute spüren, dass Sie auf Interaktion angewiesen sind als Bühnenmensch?

Tawil: Ja klar, ein Konzert ist eine Begegnung. Man kann natürlich denken, dass ich das jeweilige Publikum nicht kenne. Und umgekehrt kennen die Leute den Typen auf der Bühne vielleicht auch nicht wirklich. Aber letztlich sind wir alle Menschen, haben das gleiche Bedürfnis nach Verbindung.

Macht Sie dieses Bewusstsein nicht auch verletzbar?

Tawil: Sicher, aber das ist ja gerade das Schöne daran. Wenn man von Gefühlen singt, sollen die ja nicht tiefgefroren, sondern wahrhaftig sein. Nur dann kann ich eine Verbindung zu den Zuschauern herstellen. Ich kann beispielsweise keinen Tropfen Wein vor einem Konzert trinken. Der würde eine Distanz schaffen, die mir nicht guttut. Ich mag alles direkt, nicht vernebelt erfahren. Da kann ich noch so viel Lampenfieber haben, von dem ich mich übrigens nicht freisprechen kann. Wer die Seele singen lassen will, darf sie nicht betäuben.

Besitzen Auftritte für Sie etwas Heilendes?

Tawil: Musik, Konzerte, sind mir heilig und haben heilenden Charakter. Es gibt Musiker, die behaupten, eine Tour sei sehr stressig. Das kann ich nicht nachvollziehen. Daheim habe ich oft Stress. Auf Tour bin ich viel ausgeglichener.

Weil Sie dabei nicht im Automatik-Betrieb, sondern im Gewahrsam leben.

Tawil: Ich spüre jede Faser meines Körpers, wenn ich auf der Bühne stehe. Das hat beinahe etwas von Katharsis.

Dazu passen dann auch der Titel Ihres aktuellen Albums und das Tour-Motto „So schön anders“.

Tawil; Ja, es ist gut, anders zu sein und sich auch Erlebnisse zu gönnen, die man als so schön anders empfinden kann. Wir leben in einer überaus stereotypisierten Kultur. Überall wird einem der dämliche Gedanke der sogenannten Selbstoptimierung um die Ohren gehauen. Der meint aber unterm Strich nur die Gleichmachung von allem. Charaktere, die unser Wissen erweitert haben über uns selbst und über das Leben, waren aber immer Individualisten.

Darf „So schön anders“ nicht in Zeiten von geschürten Ängsten voreinander als Umarmung von allem verstanden werden, was vermeintlich „fremd“ ist?

Tawil: Natürlich, gerade in den Gegenden, wo der Anteil sogenannter Ausländer am geringsten ist, hat man die größten Ängste. Dem möchte ich die Botschaft entgegensetzen, das Anderssein nicht negativ besetzt werden muss. Wenn jemand sagt: „Der ist anders“, klingt das immer abwertend. Der gehört nicht zu uns. Und am Ende bestehen die Tränen, die einer der „Anderen“ weint, nur aus Wasser, aber nicht aus Seele. Jeder von uns hat in jedem Moment die Wahl, die Vokabel „anders“ als bereichernd zu empfinden und sie positiv zu besetzen.

Die Folge des Selektierens von Menschen in „Die“ und „Wir“, ist die Teilnahmslosigkeit, wenn Menschen, die sich auf der Flucht befinden, im Mittelmeer ertrinken.

Tawil: Es ist grausam. Manchmal stelle auch ich mir die Frage, ob es überhaupt angebracht ist, dass einer wie ich, der auf eine Bühne geht, um mit anderen Menschen einen schönen Abend zu genießen, etwas dazu sagen soll. Ich bin ja kein Politiker. Aber ich darf in meinen Songs an die Menschlichkeit appellieren, die in jedem von uns steckt. Was wäre Musik, was wären Lieder, wenn sie uns nicht daran erinnern würden, was wir eigentlich sind?

Insofern ist es vielleicht sogar Ihre Pflicht, darauf hinzuweisen, dass jeder Einzelne „So schön anders“ ist.

Tawil: Ich habe eine klare Haltung zum Weltgeschehen. Und ich sehe nicht ein, warum ich damit hinterm Berg halten soll. Mit dem erhobenen Zeigefinger schreite ich nicht vor das Mikro. Mir steht der Sinn danach, mit der Kraft der Poesie zum Fühlen anzuregen. Denken können wir alle den ganzen Tag lang ganz viel. Aber das Fühlen, wozu auch das Mitfühlen zählt, schafft Veränderung.

Damit wären wir wieder bei der Verletzbarkeit.

Tawil: Klar, wenn ich fühle, werde ich verletzbar. Exakt dieser Moment birgt unglaubliches Potenzial. Ich kann dann mein Herz öffnen und auf Menschen zugehen, weil ich ganz genau weiß, dass sie genauso verletzbare, fragile Wesen sind wie ich. Wahre Größe entsteht aus diesem Bewusstsein. Mauern bestehen aus Angst. Musik kann sie umgehen. Ich mache Musik nicht zum Selbstzweck. Mir geht es immer ums Geben und Empfangen von Liebe.

Mehr von Aachener Nachrichten