Schmidt: Aachener Bischof Helmut Dieser weiht den „Raum des Friedens“ ein

Schmidt: Aachener Bischof Helmut Dieser weiht den „Raum des Friedens“ ein

Es ist Natallia Tsimakhovich anzumerken, wie bewegt sie ist. Viele Jahre hat die Russin versucht herauszufinden, wo ihr Großvater Prokofij Sawitschew im Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommen ist. Am 28. April 1943 ist der damals 40-Jährige, ein „einfacher, pflichtbewusster Soldat“, wie Tsimakhovich ihn beschreibt, als Gefangener im „Arbeitskommando 798“ in Strauch, unweit von Schmidt, gestorben.

Am Freitagnachmittag hat der Aachener Bischof Helmut Dieser in der Schmidter Pfarrkirche St. Hubertus, genauer gesagt in der „Kriegerkapelle“, wie die Maria-Hilf-Kappelle im Volksmund genannt wird, den „Raum des Friedens“ eingeweiht. Und Natallia Tsimakhovich hatte die Gelegenheit, an ihren Opa zu erinnern.

Schmidt und seine Kirche wurden am 2. November bei der „Allerseelenschlacht“ fast völlig zerstört. Und der Hürtgenwald, wo sich amerikanische und deutsche Soldaten erbitterte Kämpfe lieferten, ist in unmittelbarer Nähe. „In einem Ort, an dem bis jetzt bei der Umgestaltung von Weide- in Bauland immer noch Sprengmittel und sterbliche Überreste von Soldaten gefunden werden, ist die Auseinandersetzung mit diesem Thema besonders wichtig“, sagte Kirchenvorstand und Ortsvorsteher Adalbert von Londen.

Dabei ist den Verantwortlichen in Schmidt ein ganzheitlicher Ansatz wichtig. Die Folgen des Vernichtungskriegs im Osten sollen enttabuisiert werden. Und deswegen wird im neuen „Raum des Friedens“ eben nicht nur der Soldaten der deutschen Wehrmacht gedacht, die im Krieg gefallen sind, sondern auch der amerikanischen Soldaten und der russischen Kriegsgefangenen, die ihr Leben verloren haben. „Erinnerungskultur“, sagte Konrad Schoeller, Ideengeber für den „Raum des Friedens“, „ist in Deutschland schwierig, weil Deutschland den Krieg angezettelt hat. Deswegen gibt es hier kein wertfreies Erinnern. Es darf auch kein Erinnern geben, in dem nationalsozialistische Kriegsursachen ausgeblendet werden.“

Bei der Gedenkfeier zur Einweihung des „Raumes des Friedens“ erinnerte Schoeller an die unzähligen deutschen Soldaten des Zweiten Weltkrieges. „Die Masse der deutschen Soldaten stand auf Seiten der Täter. Trotzdem waren sie auch selbst Opfer.“ Volker Lossner, in Schmidt lebender Bundeswehroffizier, erinnerte an das Schicksal der amerikanischen Soldaten, vor allem an das von Turney White Leonard, der in Schmidt gefallen ist. Lossners Schwiegervater hat Leonards Universitätsring in Schmidt gefunden, der Offizier hat ihn Jahrzehnte später der Familie des jungen Soldaten in den USA übergeben. „Nicht Staaten machen Frieden“, betonte Lossner. „Sondern Menschen. Und dabei kommt es auf jeden einzelnen an.“

Schreckliche Kriegsereignisse

„Der Krieg ist nicht irgendwo, sondern hier, wo Menschen leben. Der Frieden ist nicht irgendwo, sondern hier, wo Menschen ihn halten“, sagte Bischof Helmut Dieser. In Schmidt, einem Ort, an dem der Krieg unmittelbarer Teil des Lebens der Einwohner gewesen sei, würde nun den schrecklichen Kriegsereignissen mit all ihren Facetten nachgespürt. Dieser: „Sie haben in ihrer Pfarrkirche einen Ort geschaffen, an dem das, was andere erleben mussten, präsent wird. Dafür gebührt ihnen Respekt, Anerkennung und Wertschätzung. Sie haben Mut, sich das schreckliche Schicksal dieser Menschen zu eigen zu machen.“ Gleichzeitig, ergänzte der Bischof, müsse jeder Einzelne seinen Beitrag für Frieden leisten. „Wir müssen versuchen, uns stärker in andere Menschen hineinzuversetzen, versuchen, herauszufinden, was der andere fühlt. Darüber hinaus müssen wir uns fragen, wo wir uns einbringen, selbst einen Beitrag leisten können.“

Neben Gedenktafeln für deutsche, amerikanische und sowjetische Soldaten finden sich im „Raum des Friedens“ Personaldokumente von sowjetischen Kriegsgefangenen wie Prokofij Sawitschew, die während der NS-Zeit in der Umgebung von Schmidt zu Tode kamen. Pater Laurentius Englisch vom Franziskanerkloster Vossenack hat eine Wandskulptur gestaltet, die den „Pazifisten Jesus Christus“ darstellt.

„Es gibt heute immer noch Krieg“, sagte der Pater. „Wir geben Milliarden für die Bundeswehr aus, aber nur ein paar Millionen für die Fremden. Christliche Politiker fordern Obergrenzen für Flüchtlinge. Denken wir daran, wie es hier bei uns vor nicht einmal 73 Jahren ausgesehen hat?“ Natallia Tsimakhovich ist froh, dass das Schicksal ihres Opas aufgeklärt ist. Sie möchte wiederkommen. „Natürlich reißt die Erinnerung an meinen Opa alte Wunden wieder auf, aber das hier ist ein mehr als würdiger Ort, um an ihn und die anderen Kriegsopfer zu denken.“

Mehr von Aachener Nachrichten