70 Tonnen Müll gelangten im Jahr 2018 in die Gewässer des WVER

Wasserverband schlägt Alarm : Müll in Gewässern nimmt deutlich zu

Mikroplastik in Gewässern sorgt derzeit für viele Diskussionen. Gemeint sind kleinste, kaum sichtbare Kunststoffteile, die in Bäche, Flüsse und Seen gelangen. Klar erkennbar hingegen sind die Mengen Plastik, die als Verpackungen, Tüten und mehr in der Natur entsorgt werden.

„Die Menge Müll, die unsere 21 Mitarbeiter im Bauhof tagtäglich aus den Gewässern fischen, hat deutlich zugenommen“, schlägt Dr. Frank Jörrens vom Wasserverband Eifel-Rur (WVER) Alarm. Der Aufwand sei inzwischen so gestiegen, dass man ihn als Verband nicht mehr allein bewältigen könne.

Als Bereichsleiter Gewässergüte und Labor des WVER wird Jörrens diese Entwicklung auf dem Weg zur Arbeit vor Augen geführt. „Alle zwei Wochen hat jemand große Mengen Müll an die Zufahrtsstraße zur Kläranlage in Düren-Merken gelegt“, schildert der Diplom-Chemiker, „da kann man die Uhr nach stellen.“ Unmittelbar neben der Kläranlage befindet sich das Zentrallabor des WVER.

Während sich grober Müll in den Rechen der Kläranlagen sammelt, rutschen Kleinstbestandteile oft durch die mechanischen Filter. Grund zur Unruhe sieht Jörrens allerdings nicht. Eine Untersuchung mit dem Institut für Siedlungswasserwirtschaft der RWTH Aachen an der Kläranlage Aachen-Soers hat ergeben, dass Mikroplastik zu über 99,99 Prozent aus dem Wasser gefiltert wird. Nach der mechanischen Filterung waren noch zehn Prozent der ursprünglichen Menge messbar, der wird allerdings noch eine biologische Filterung nachgeschoben. Allerdings: „Es liegen derzeit noch keine ausreichenden wissenschaftlichen Erkenntnisse vor, wie viel Mikroplastik in Gewässer gelangen und wie sich die Stoffe auf die Natur und den menschlichen Körper auswirken“, sagt Jörrens. Man stehe am Anfang, auch in internationalen Untersuchungen.

Dies betrifft nicht die Müllmengen, die vor allem nach Hochwassern sichtbar in den Uferböschungen liegen. „Makroplastik ist weniger ein technisches, sondern ein gesellschaftliches Problem“, betont Jörrens. Dennoch unternimmt der Wasserverband viel, damit der Müll nicht weitertreibt und Gewässerengpässe verstopft. Mit Partnern aus den Niederlanden und Belgien sowie der RWTH Aachen gestaltet er das Interreg-VA-Projekt „LIVES“, in dem nicht nur die Frage nach den konkreten Müllmengen gestellt wird, sondern auch Aktionen gestartet werden, das Bewusstsein der Menschen zu schärfen. Ähnlich wie bei Projekten auf hoher See sind auch Wasserbarrieren vorgesehen, die Plastikgegenstände an der Oberfläche festhalten. Der Wasserverband ist auf der Suche nach der effektivsten Lösung.

Damit lässt sich allerdings bei weitem nicht die Menge Müll aufhalten, die alljährlich an den Uferböschungen und im Wasser landen: Alleine im vergangenen Jahr fielen bei Gewässerunterhaltung etwa 70 Tonnen solcher Abfälle an. Dabei handelt es sich um Siedlungsabfälle, Sperrmüll und Verpackungen, die getrennt voneinander entsorgt werden mussten. „Was wir in den Gewässern ginden, ist abenteuerlich“, schildert Jörrens.

Alleine sieben Tonnen Müll machen Altreifen aus. Deren Abrieb bei der Nutzung von Fahrzeugen sorgt größtenteils für das sogenannte Mikroplastik. So werden Partikel aus Kunststoff mit einer Größe von unter fünf Millimetern bezeichnet. Etwa 1,2 Kilogramm davon setzt statistisch betrachtet jeder Einwohner im Jahr in Deutschland durch Reifenabrieb frei. Zu diesem Ergebnis kam das Fraunhofer-Institut im vergangenen Jahr. Das bedeutet jedoch nicht, dass dies sofort ins Kanalnetz gelangt, denn nicht alle Straßen sind an eine Leitung angeschlossen. Manches fließt in den Boden an den Straßenrändern.

Dass es auf diesem Weg ins Grundwasser gelangt, hält Jörrens jedoch für unwahrscheinlich. Laut Schätzungen soll der Anteil des Mikroplastiks in der Natur am Gesamtvolumen bei mehr als 70 Prozent liegen. Allerdings liegen auch dafür keine gesicherten Erkenntnisse vor.

Über das sogenannte Trennsystem gelangen mit dem Oberflächenwasser auch andere Schadstoffe in die Gewässer. Nicht überall ist laut Jörrens ein Regenklärbecken zwischengeschaltet. „Beliebt ist auch, dass Reinigungswasser zum Beispiel bei der Autowäsche in den Kanal gelangt“, sagt Jörrens. Auch dies stelle den Wasserverband vor Problemen.

In der Zukunft sollen weitere Untersuchungen nach dem Einbau eines sogenannten Retentionsfilters zunächst in der Aachener Soers erfolgen. Ende 2021 soll der Bau beginnen. Geschätzte Kosten: 22 Millionen Euro. Jörrens: „Am besten ist es jedoch, wenn Schadstoffe erst gar nicht in die Gewässer gelangen.“

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