Containern in Aachen: Zwischen Verkaufen und Wegwerfen

Containern in Aachen : Zwischen Verkaufen und Wegwerfen

Das Entnehmen von Lebensmitteln aus Mülltonnen der Supermärkte, das sogenannte Containern, bleibt in Deutschland illegal. Das haben jetzt die Justizminister der Länder beschlossen. In Aachen kämpft man dennoch gegen Lebensmittelverschwendung – auf durchaus unterschiedliche Weise.

Tonnenweise landen Lebensmittel, die noch völlig in Ordnung sind, im Müll. Das stört den Aachener Christian Walter. Seit mehr als zehn Jahren ist er darum dazu übergegangen zu „containern“, also Lebensmittel, die noch in Ordnung sind, aus den Müllcontainern von Supermärkten zu fischen. „Obst und Gemüse findet man eigentlich immer“, sagt er, außerdem Backwaren und Sachen aus der Kühltheke. „Also im Grunde alles, was leicht verderblich ist.“

Einmal pro Woche geht er abends oder nachts „einkaufen“ und bekocht mit den Lebensmitteln, die er findet, seine ganze Wohngemeinschaft. Außer Olivenöl und Gewürzen gebe es nur wenige Dinge, die man zusätzlich kaufen müsse.

Die Entscheidung der Justizminister sei ärgerlich, aber wenig verwunderlich, sagt Christian Walter. „Die Politik ist in Deutschland auf Seiten der Konzerne.“ Für ihn und vermutlich auch für die anderen Containerer in der Stadt ändere sich durch die Entscheidung aber nichts. Ganz im Gegenteil: Walter, der auch einen Blog zum Thema im Internet betreibt, führt immer mal wieder Neulinge in die Welt des Containerns ein.

Grundsätzlich viel Verständnis für das Retten von Lebensmitteln hat Max Stenten, stellvertretender Geschäftsführer des gleichnamigen Supermarkts am Krugenofen. Doch was das Containern angeht, sieht er vor allem rechtliche Schwierigkeiten: „Wenn jemandem etwas passiert, der bei uns containert, dann haben wir ein Problem“, sagt er. Unter anderem ginge es auch um die Frage der Haftbarkeit: Wenn sich jemand beispielsweise an einem Joghurt den Magen verderbe, den er aus der Tonne geholt habe: Wessen Schuld ist das dann?

Brötchen und andere Lebensmittel landen oft in der Tonne. Containerer holen sie dort wieder heraus (Symbolbild). Foto: dpa/Christoph Soeder

Trotzdem engagiert sich Stenten für Nachhaltigkeit und gegen Lebensmittelverschwendung: Wie viele andere Supermärkte und Bäcker in Aachen macht der Händler bei „Too good to go“ mit (siehe Infobox). Regelmäßig sei man in Schulen des Viertels zu Gast, um mit den Kindern über Nachhaltigkeit zu sprechen – beispielsweise darüber, dass man nicht alles gleich wegschmeißen muss, wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht ist. „Und Gemüse und Obst, das für Menschen wirklich nicht mehr geeignet ist, bekommt der Aachener Tierpark für die Fütterung der Tiere“, sagt Max Stenten.

„Wir würden gerne Lebensmittel, die wir nicht mehr verkaufen können, kostenlos an unsere Kunden abgeben“, sagt Benedikt Sütterlin, Geschäftsführer bei Hit Sütterlin und stellvertretender Vorsitzender des Handelsverbands NRW Aachen-Düren-Köln. „Doch derzeit ist es so, dass wir haftbar gemacht werden, wenn wir die Ware in den Verkehr bringen“, erklärt er.

Um dennoch möglichst viel Abfall zu vermeiden, arbeite man unter anderem mit der Aachener Tafel zusammen. Und: „Der Handel ist nur für einen geringen Teil der weggeworfenen Lebensmittel verantwortlich“, betont Sütterlin, das meiste Essen wandere in Privathaushalten in den Müll.

Die Effizienz der Händler habe sich in den vergangenen Jahren extrem verbessert. Bei Sütterlin werde nur noch 0,5 Prozent des Umsatzes entsorgt. „Trotzdem: Jede Europalette ist zu viel“, sagt Sütterlin.

Das Thema Containern war in Aachen auch schon Thema für die Justiz: Im Sommer 2017 war vor dem Amtsgericht ein Verfahren gegen zwei junge Männer eingestellt worden, die ursprünglich von der Staatsanwaltschaft wegen schweren Diebstahls angezeigt worden waren. Die Richterin hatte sich mit allen Beteiligten auf eine Einstellung des Verfahrens geeinigt. Auch deswegen, weil der damals betroffene Supermarkt keine Anzeige erstattet hatte.

Christian Walter ist sicherlich eines der bekanntesten Gesichter der Aachener Containerer-Szene, aber auf keinen Fall ein Einzelfall: Neben dem ethischen Aspekt des Containerns gebe es für viele Aachener auch noch einen weiteren Grund, ihre Lebensmittel nachts aus den Mülltonnen der Supermärkte zu besorgen, erklärt er: „Bei meinen Touren treffe ich auch schon mal Menschen, die einfach nicht das nötige Geld haben, um einkaufen zu gehen.“