Aachen: Zwischen Kirmesplatz und Schulhof

Aachen: Zwischen Kirmesplatz und Schulhof

Jetzt, in den Osterferien, schrumpft Monique Loosens Kinderzimmer auf wenige Quadratmeter. Die 15-Jährige schläft im unteren Teil eines Doppelbetts. Davor bleibt grade etwas Platz, sich um die eigene Achse zu drehen. Doch Monique macht die Enge nichts aus.

Immer in den Schulferien zieht sie aus ihrem Elternhaus in Würselen in den kleinen Wohnwagen, dessen Innenleben sie mit reichlich Pink und Lila schön mädchenhaft gestaltet hat.

Die 15-Jährige fährt nicht mit ihren Eltern an die See oder gen Süden. Monique Loosen und ihr neunjähriger Bruder Peter campen auf dem Bendplatz. Die beiden sind zwei von drei Kindern des bekannten Schaustellerehepaars Fränzi und Peter Loosen, das einen Autoscooter betreibt. Wenn schulfrei ist, spielt sich ihre Welt auf den Kirmesplätzen der Region ab. Ob Düren, Stolberg, Hückelhoven oder eben Aachen: Monique und Peter begleiten ihre Eltern. Mutter Fränzi ist das sehr wichtig. „Auch wenn ich berufstätig bin, will ich die Kinder in meiner Nähe haben”, sagt sie. Statt Möwen, Sand und Sonnencreme bestehen Moniques und Peters Ferien deshalb aus bunten Buden, wilden Fahrgeschäften und Zuckerwatte. Und genau darauf freuen sich die beiden.

„Meine besten Freundinnen kenne ich von der Kirmes. Manche von ihnen sehe ich nur einmal im Jahr”, erzählt Monique und zeigt auf ein Foto auf der schmalen Kommode in ihrem Mini-Wohnbereich. Vier Mädels sind darauf zu sehen, eng umschlungen lächeln sie in die Kamera, im Hintergrund leuchten die gelben Metallstreben einer Achterbahn in der Sonne.

Der Alltag auf der Kirmes ist für die 15-Jährige eine Mischung aus Freizeit, Familienleben und Aushilfsjob. Mit den Freundinnen testet sie gerne neue Fahrgeschäfte. Zu den Mahlzeiten kommen die Loosens und ihre Mitarbeiter im Eltern-Wohnwagen zusammen, beim Einkaufen und Aufräumen unterstützt Monique ihre Mutter. Und dem Vater greift sie auch schon mal am Autoscooter unter die Arme, sitzt an der Kasse und passt auf, dass sich alle an die Fahrregeln halten.

Regeln werden auch innerhalb der Familie großgeschrieben. „Unsere Erziehung ist ziemlich konservativ”, sagt Fränzi Loosen. Sie zählt gleich einiges auf, was für ihre Kinder absolut tabu ist: Zigaretten und Alkohol natürlich, ebenso wie Piercings und Tattoos.

Obendrein haben die Loosens ein strenges Auge darauf, wo ihre Töchter - die zweite ist 17 Jahre alt und gerade für ein Austauschjahr in den USA - mit wem hingehen und vor allem wann sie zurückkehren. Vater Peter: „Der Respekt vor dem Alter ist uns sehr wichtig.”

Bei dem Satz nicht die 15-jährige Monique zustimmend. „Ehrlich gesagt habe ich gar kein großes Interesse in die Kneipe oder Disco zu gehen. Das hat noch Zeit.” Was sich für Gleichaltrige vielleicht befremdlich anhört, klingt aus Moniques Mund ganz selbstverständlich.

Statt Abzuhängen packt sie lieber freiwillig mit an. Auch im Alltag, wenn keine Ferien sind. Dann ist sie nämlich ein ganz normales Schulkind. Monique besucht die Alkuin-Realschule, kehrt nach dem Unterricht ins Haus in Würselen zurück, wo auch die Oma wohnt. Mittags macht sie sich etwas zu essen, „gerne Fertiggerichte”, erzählt sie lachend.

Da der Loosen-Autoscooter meist nicht weit von Aachen steht, kommt Moniques Mutter oft auch am späten Nachmittag nach Hause, nachdem sie den kleinen Peter von der Ganztagsschule abgeholt hat. „Nur wenn wir mal weiter weg sind, etwa in Krefeld, schläft Peter bei Freunden.”

Ihr Herz hängt an der Kirmes

So ist das Leben der Loosens trotz des ungewöhnlichen Berufs der Eltern und der etwas anderen Ferien eigentlich ganz normal. Auf permanente Schulwechsel, Privatlehrer oder gar ein Internat ist die Familie nicht angewiesen.

Dass sie eine feste Schule besucht, darüber ist Monique auch ziemlich froh. Ihr Herz aber hängt an der Kirmes, an ihren Freunden und der großen Familie dort. Ob sie das Fahrgeschäft ihrer Eltern mal fortführen will? „Das weiß ich noch nicht. Es gibt so viele spannende Berufe.”

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