Aachen: Zwei Promis dürfen mitreden

Aachen: Zwei Promis dürfen mitreden

Prominente Besucher gut und schön - doch bei den Namen Norbert Blüm und Günter Wallraff sah die Geschäftsführung eines großen Möbelhauses am Aachener Kreuz rot.

Per einstweiliger Verfügung wollte sie den für heute angekündigten Auftritt des ehemaligen Bundesarbeitsministers und des unbequemen Enthüllungsjournalisten in ihrem Haus verbieten lassen. Das Vorhaben misslang kläglich: Sowohl Blüm als auch Wallraff dürfen auf einer für 10 Uhr angesetzten Betriebsversammlung referieren.

Mit seiner Entscheidung bestätigte Heino Vogelbruch, Direktor des Arbeitsgerichts, die Einschätzung des Betriebsratschefs Michael Biemel und seines Anwalts Helmut Brüsseler, wonach auch „betriebsfremde Redner” auf den eigentlich nicht-öffentlichen Betriebsversammlungen reden dürfen. Hauptsache, sie äußern sich zu wirtschafts- und sozialpolitischen Themen. Dies sei bei Blüm und Wallraff eindeutig gegeben, stellte der Arbeitsrichter klar.

Zugleich wies er darauf hin, dass der Wahlkampf vorbei sei, insofern seien keine parteipolitischen Ausführungen zu erwarten. Kosten für die beiden Gastredner kämen auf das Möbelhaus auch nicht zu. Was also sollte gegen die Referate über die „historische und politische Bedeutung von Betriebsräten” (Blüm) und „das Recht des Stärkeren” (Wallraff) einzuwenden sein?

Er habe weniger etwas gegen Blüm als gegen Wallraff, erklärte einer der Geschäftsführer. Er ist überzeugt, dass Wallraff jüngst einen diffamierenden Text über sein Haus ins Netz gesetzt habe - gespeist mit Informationen entweder vom Betriebsrat oder aus Gewerkschaftskreisen. Dies könne er nicht akzeptieren - und schon gar nicht sei dies „im Sinne einer harmonischen Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat”. Da der Text im Internet längst gelöscht ist, war aber weder die Verbindung zu Wallraff noch zum Betriebsrat nachzuweisen - er spielte bei der gestrigen Entscheidungsfindung somit keine Rolle.

Mit der Harmonie im Haus aber scheint es ohnehin so eine Sache zu sein. So sagt Betriebsratschef Biemel, erst seit einem Jahr im Amt, dass in der Vergangenheit immer wieder Anläufe torpediert worden seien, eine Mitarbeitervertretung in dem Möbelhaus mit seinen rund 425 Beschäftigten zu gründen. In dem lange Zeit familiengeführten Unternehmen tue man sich mit der Mitbestimmung schwer, meint auch Anwalt Brüsseler: „Geburtswehen gibt es immer, aber hier sind sie besonders heftig.”

Umstrittene Kanzlei

Pikant: Vor dem Aachener Arbeitsgericht mussten sich Biemel und Brüsseler ausgerechnet mit einem Anwalt der Kanzlei Schreiner aus Attendorn auseinandersetzen - jenem Büro, das der gewerkschaftsnahe Autor Günter Wallraff in dem ZDF-Beitrag „Das Recht des Stärkeren” vor einem Jahr schwer unter Beschuss genommen hat. In Arbeitgeberkreisen ist Schreiner bundesweit „eine Marke”, auf der Gegenseite genießt er den zweifelhaften Ruf des „Vollstreckers”, der gnadenlos Betriebsräte auszuschalten und deren Gründung zu verhindern sucht.

Schreiners Entsandter Markus Vogt zweifelt somit auch den „innerbetrieblichen Zusammenhang” insbesondere des angekündigten Wallraff-Referats an. Eher werde wohl Stimmung gegen seine Kanzlei gemacht. Letztlich scheiterte aber auch der Versuch, zumindest Wallraff einen Maulkorb für die heutige Veranstaltung verpassen zu lassen. Am Ende untersagte Arbeitsrichter Vogelbruch lediglich die geplante Signierstunde der beiden Promis. Ein Vergnügen, auf das Biemel in diesem Fall gerne verzichten konnte.

Mehr von Aachener Nachrichten