Aachen: Zur Not hilft der Arzt jetzt auch per Live-Übertragung

Aachen: Zur Not hilft der Arzt jetzt auch per Live-Übertragung

Von einem weiteren „Meilenstein“ im Rettungsdienst spricht Uniklinik-Professor Rolf Rossaint, einen „Quantensprung“ nennt es gar der städtische Beigeordnete Lothar Barth. Die Rede ist vom Telenotarzt, der seit gut einem Monat in vier Rettungswagen der Aachener Feuerwehr zugeschaltet werden kann.

Die ersten Erfahrungen geben offenbar zu den größten Hoffnungen Anlass. In 15 bis 20 Jahren wird der Telenotarzt Routine sein, ist Rossaint überzeugt, der gemeinsam mit dem Aachener Unternehmen „P3 telehealthcare“ und dem örtlichen Rettungsdienst das Konzept erarbeitet hat. In einem europaweit einzigartigen Modellversuch soll damit der Rettungsdienst revolutioniert werden.

Via Datenübertragung aus dem Rettungswagen heraus können Notfallpatienten somit selbst dann schneller und qualifizierter verarztet werden, wenn gar kein Notarzt an Bord ist. Seinen Dienst verrichtet der Arzt stattdessen in der Leitstelle am Bildschirm, über den er mit den wichtigsten Werten von Blutdruck, Kreislauf, Sauerstoff und mehr versorgt wird. Eine Kamera zeigt den Patienten, für weitere Angaben steht der Notarzt mit dem Rettungssanitäter in Kontakt, der im Gegenzug schnelle medizinische Informationen erhält, was zu tun ist.

In rund 120 Fällen ist der Aachener Telenotarzt im ersten Monat zugeschaltet worden, sagt Stefan Beckers, ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes, der am Montag gemeinsam mit Feuerwehrchef Jürgen Wolff und den „P3 telehealthcare“-Verantwortlichen eine erste Bilanz zog. Möglicherweise lebensrettend sei der Telenotarzt bereits für einige Herzinfarktpatienten gewesen, anderen konnte er eine schnelle Schmerztherapie ermöglichen.

Getestet wird der Telenotarzt vorerst noch im Stadtgebiet. Eine entscheidende Verbesserung könnte er später jedoch vor allem fern der Großstädte bringen. „Das therapiefreie Intervall wird verkürzt“, sagt Beckers. Gerade in ländlichen Gebieten könne es bis zu einer halbe Stunde dauern, bis der Notarzt vor Ort ist. Die neue Technik ermögliche einen entscheidenden Zeitgewinn.

Die Hoffnungen scheinen jedenfalls groß zu sein, dass der Telenotarzt ein Exportschlager wird. Überregional zeigten bereits einige Rettungsstellen größtes Interesse an dem neuartigen Aachener Telekommunikationssystem, hieß es.

Gleich mehrere Probleme könne man damit in den Griff bekommen, glauben die Verantwortlichen: So ziehe der demographische Wandel einen stetigen Anstieg der Einsatzzahlen nach sich. Alleine deshalb verlängern sich die sogenannten Eintreffzeiten für Notärzte. Oft würden aber aufgrund panischer Anrufe Notärzte unnötigerweise losgeschickt, die dann an anderer Stelle in wirklich dringenden Fällen fehlten.

In solchen Fällen kann der Telenotarzt Hilfestellung aus der Ferne geben und nicht nur Rettungssanitätern einen wichtigen Beistand geben. Auch die Leitstelle erhält mehr Sicherheit, da Einsatzentscheidungen schnell korrigiert werden können. Ein Notarzt könne höchsten 4500 Notfälle pro Jahr bearbeiten, rechnet Rossaint vor, der Telenotarzt könne hingegen bis zu 12.000 Patienten behandeln.

Feuerwehrchef Wolff spricht von einer Ergänzung des bestehenden Rettungsdienstes. Personaleinsparungen seien nicht geplant. Weiterhin seien in der Stadt rund um die Uhr zwei Notärzte im Einsatz, hinzu komme ein Telenotarzt.

Bis Ende des Jahres sollen noch vier weitere Fahrzeuge mit der nötigen Technik für den Telenotarzt ausgestattet. Pro Fahrzeug sind dafür rund 30.000 Euro veranschlagt, hinzu kommen noch Schulungskosten für die Rettungssanitäter. Ohne Unterstützung durch die Krankenkassen wäre die Einführung in Aachen nicht möglich gewesen.

Zehn Jahre habe man für das Projekt geforscht, sagt P3-Geschäftsführer Michael Tobias. Er ist überzeugt, ein verlässliches und ausgereiftes System vorweisen zu können, das überregional für Furore sorgen kann und die medizinische Erstversorgung von Patienten in ganz Deutschland entscheidend verbessern wird.

Mehr von Aachener Nachrichten