Aachen: Zum 1. August fehlen mindestens 332 Kleinkind-Plätze

Aachen: Zum 1. August fehlen mindestens 332 Kleinkind-Plätze

Kurz nach zehn am Freitagmorgen löst Kita-Leiterin Ulrike Fischer „Tanzalarm“ aus. Und dann tanzen, hüpfen und singen Kleine und Große in der Kita Minimax fünf Minuten lang mit Leidenschaft. Die Kindertagesstätte der Arbeiterwohlfahrt ist offizieller Bewegungskindergarten. Tanzalarm zu fröhlicher Musik gibt es hier jeden Tag.

„Und alle haben dann ein Lächeln im Gesicht“, sagt die Kita-Leiterin. Wenn Ulrike Fischer auf ihre Warteliste schaut, dann ist ihr allerdings nicht zum Lachen zumute. Denn auf dieser Liste steht die stolze Zahl von 96 Kindern — 96 Kinder unter drei Jahren, deren Eltern im Sommer gerne einen U3-Platz hätten.

Die Kita Minimax ist beispielhaft für die gesamte Stadt. Nach Auswertung der Wartelisten fehlen zum 1. August in Aachen 332 Betreuungsplätze für Kinder im Alter zwischen einem und drei Jahren, für Kinder also, die ab August einen Rechtsanspruch auf Betreuung haben. Dazu kommen noch 36 Anmeldungen von Kindern ohne Rechtsanspruch, die im Sommer jünger als ein Jahr sind. Diese offiziellen Zahlen wird die Verwaltung am Dienstag im Kinder- und Jugendausschuss präsentieren.

Bereits am Freitag meldeten sich die SPD-Ratsherren Karl Schultheis und Martin Künzer in der Kita Minimax zur „U3-Betreuungslücke“ zu Wort. „Jetzt bewahrheitet sich, wovor wir immer gewarnt haben“, erklärte Schultheis: „Die Zahl der Plätze, die aufgebaut wurde, reicht bei Weitem nicht aus. Wenn die Ratsmehrheit unseren Anträgen gefolgt wäre, hätten wir jetzt nicht mehr als 300 Kinder, die mit Notmaßnahmen versorgt werden müssen.“

Vor allem in den beiden vergangenen Kita-Jahren, kritisiert Künzer, seien die Weichen falsch gestellt worden. Statt weiter Betreuungsplätze für über Dreijährige in U3-Plätze umzuwandeln, hätte man viel früher mit Kita-Neubauten und -Umbauten beginnen müssen.

Künzer geht davon aus, dass am 1. August, wenn der Rechtsanspruch auf einen U3-Platz gilt, noch weit mehr als 332 Plätze fehlen. „In Aachen wird mit Plätzen geplant, die dann noch gar nicht fertig sind.“ Der jugendpolitische Sprecher der SPD-Fraktion erwartet, dass mindestens 80 der geplanten neuen Betreuungsplätze zum Start des Kita-Jahrs nicht zur Verfügung stehen werden.

In Verwaltung und Politik wird bereits intensiv darüber nachgedacht, mit welchen Notlösungen man dem Mangel begegnen kann. 50 zusätzliche Plätze in der Kindertagespflege, also bei Tagesmüttern, sind im Gespräch. Weitere U3-Gruppen, aber auch Überbelegungen von Kita-Gruppen nennt die Verwaltung in ihrer Vorlage für den Kinder- und Jugendausschuss.

Auch die SPD-Vertreter befürchten, dass letztlich kein Weg daran vorbeiführen wird, in Kita-Gruppen die Kinderzahl zu erhöhen. „Aber das muss im Einvernehmen mit dem Personalrat und natürlich mit zusätzlichem Personal und dem nötigen Platz geschehen“, sagt Karl Schultheis. Die Verwaltung rechnet vor, dass durch Überbelegungen 30 zusätzliche U3-Plätze entstehen können.

Aus Sicht der SPD ist die Tagespflege ein wichtiges Standbein in der U3-Versorgung. „Die Stadt muss den Eltern das Angebot der Tagesmütter genauer bekanntmachen“, fordert Schultheis. Vor allem aber müsse sichergestellt sein, dass es im Krankheitsfall eine Vertretung gibt. „Die Stadt muss da Verantwortung übernehmen und die Risiken tragen“, betonen die SPD-Ratsvertreter. Die Organisation — und Finanzierung — einer Vertretungsregelung könne nicht dem Verein Familiäre Tagesbetreuung aufgebürdet werden, der in Aachen Tagesmütter qualifiziert und vermittelt.

Übergangslösungen in Kita-Containern, die auch im Gespräch sind, hält die SPD angesichts der fortgeschrittenen Zeit für wenig realistisch. Schließlich sind es bis August nur noch zweieinhalb Monate. „Da ist wichtige Planungszeit verpennt worden“, kritisiert Künzer.

Erfreulich finden die SPD-Politiker dagegen, dass die Verwaltung vorschlägt, für Eltern nicht versorgter U3-Kinder eine „Notfall-Hotline“ einzurichten.

Ulrike Fischer in der Kita Minimax blickt indes mit wachsender Sorge auf die vielen Anfragen. „Die Warteliste wächst ständig“, sagt sie. „Viele Familien brauchen dringend einen Betreuungsplatz.“

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