Aachen: Zu wenig Raum für zu viele Flüchtlinge

Aachen : Zu wenig Raum für zu viele Flüchtlinge

Ein ehrenamtlicher Wohnungsvermittler für Flüchtlinge hat die „Nachrichten“ auf die Spur des Objektes Breiniger Straße 1 in Aachen gebracht. Dort über einer nicht mehr betriebenen Pizzeria befinden sich Räumlichkeiten eines ehemaligen Hotels, in dessen Zimmern Flüchtlinge untergebracht sind. Sie haben Räume angemietet, quasi auf dem freien Wohnungsmarkt.

Die Miete wie die Kautionen von drei Monatsmieten zahlen nicht sie, sondern das Jobcenter Aachen. Warm beläuft sich das Entgelt auf monatlich 460 Euro pro Mieter, eine stattliche Summe für die Zimmer im ersten Stock und dem Dachgeschoss darüber.

Die Pizzeria an der Breiniger Straße 1 ist aufgegeben, im 1. Stock und im Dachgeschoss sind Flüchtlinge untergebracht. Foto: Harald Krömer

Völlig überbelegt seien die Räumlichkeiten, beklagten sich vier junge Männer aus dieser Unterkunft, die Küche sei arg heruntergekommen, es gebe nur ein Bad für etwa 17 Personen. Auf diese Zahl schätzen die jungen Männer die Belegung in dem zweistöckigen Haus. Es sei auch enger geworden, seit eine komplette Familie in einem der kleinen Hotelzimmer wohne, dazu stünden in ihren Mietverträgen Quadratmeterzahlen, die einfach nicht stimmten (die Verträge liegen den „Nachrichten“ vor).

Übervorteilung?

In der Tat ergab eine Recherche vor Ort, dass ein im Vertrag angegebenes Zimmer von 37 Quadratmetern, zu dem eine Küche, der Korridor und eine Toilette mit Dusche gehören sollen, höchstens halb so groß war.

Das sei eine Übervorteilung der Behörden, beschwerten sich die Männer, die inzwischen ganz gut Deutsch sprechen, das sie in den angebotenen Kursen lernen.

Mittwoch dieser Woche sollte eine weitere fünfköpfige Familie aufgenommen werden, die vom Jobcenter unter der Fallnummer BG 36 102/0026115 die Zusage zur Mietübernahme hatte, der Mietvertrag war mit der Euregio HV in Aachen-Haaren bereits abgeschlossen.

Danach soll dort in der Breiniger Straße 1 für einen Gesamtbetrag von 875 Euro Warmmiete eine Wohnung mit 76 Quadratmetern aufgeteilt in zwei Zimmer, eine Küche, eine Diele und einem Bad bereit stehen.

Abgesehen davon, dass in dem Objekt keine Wohnung solchen Zuschnitts existiert, stellt sich die Frage: Wo nur in dem bereits bis zum Dach ausgebuchten und mit verbrauchtem Hotelinterieur möblierten Haus sollen sie untergebracht werden, fragen sich alle und führten Beschwerde über den Vermieter.

Vermieter Edgar Leister, der die Firma Euregio HV betreibt, sagte auf Anfrage der „Nachrichten“, das Objekt sei keinesfalls überbelegt, von der neuen fünfköpfigen Familie wisse er nichts, obwohl das bewilligte Mietangebot des Jobcenters vorliegt.

Darüber hinaus habe er einem der jungen Männer, der bemängelte ,seit Monaten auf der Küchencouch schlafen zu müssen, mehrfach ein noch freies Zimmer angeboten. Neun Einzelzimmer seien vermietet, eines sei noch frei. Doch der 21-jährige Hamode Hero wusste nichts davon: Im Gegenteil: er sagt, er sei sogar unter Druck gesetzt worden, doch jetzt Ruhe zu geben.

Familiennachzug

Sicherlich sei die Situation der syrischen Flüchtlinge tausend Mal besser als in Aleppo oder im Kalifat des IS. Doch darum gehe es ihnen nicht, sagten sie, was hier geschehe, das sei einfach nicht richtig bei dem Geld, was da für sie fließe. Dass die Einrichtung völlig überbezahlt sei, wies Leister von sich.

Sicher sei bereits eine Familie da, die zusammen in nur einem Zimmer wohne: „Das ist das leidige Thema Familiennachzug“, erklärte er, der Mann habe das Zimmer angemietet, irgendwann kam die Familie nach, jetzt sind es vier.

Das Jobcenter, das sich um jene Flüchtlinge mit einer Duldung kümmert, war überrascht von der „Nachrichten“-Anfrage. „Wenn das so ist, wie Sie das schildern, dann müssen wir von Leistungsbetrug ausgehen“, stellte Geschäftsführer Stefan Graaf unumwunden fest und sicherte Aufklärung zu.

Die Stadt Aachen sei für private Unterkünfte nicht zuständig, stellte Sprecherin Evelin Wölk fest: „Wir haben dort als Stadt keine Menschen untergebracht“. Nicht mehr, denn 2014 und 2015 war das auch eine der städtischen Notunterkünfte, es lag damals an dem akuten Raumbedarf. Wölk versicherte weiter, sie werde „den Fall an die Wohnungsaufsicht“ weitergeben — zur Kontrolle.

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