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Aachen: Zeitzeuge Meyers: Erste Amerikaner wie eine Erscheinung

Aachen : Zeitzeuge Meyers: Erste Amerikaner wie eine Erscheinung

Nur wenige Aachenerinnen und Aachener waren in ihrer Stadt, als die Amerikaner einen Ring aufbauten und Aachen als erste Großstadt Deutschlands von der Naziherrschaft befreiten.

Eine Zeit, die jeder Hiergebliebene anders durchlebte, eine Zeit mit eigenen Regeln und Lebensstrategien, eine Zeit, die die Menschen, die sie erlebt haben, prägte.

Eine Zeit mit Erfahrungen, die sich tief ins Gedächtnis gruben, die im Laufe der Jahrzehnte durch vielfaches Erzählen, durch Austausch mit anderen und schlicht durch den Abstand zu einem Paket aus Bildern und Filmen reiften, die auf Knopfdruck abrufbar sind. Persönliche Geschichtsbilder, nicht immer miteinander zu vergleichen, aber doch unersetzbar als individuelle Sicht einer Epoche.

Walter Meyers, Jahrgang 1931, wohnte mit seiner Familie in der Frankenberger Straße, war während der Kämpfe um Aachen zeitweise in Kornelimünster, aber besuchte immer wieder den Vater im Frankenberger Viertel. Ein echter Zeitzeuge, der im Gespräch mit AZ-Redakteur Peter Sellung seine Geschichte erzählt.

War Kornelimünster wirklich sicherer als das Frankenberger Viertel, oder was hat Sie bis dahin fliehen lassen?

Meyers: Der Prior und mein Vater waren befreundet. Wir hatten früher, da wo heute der Drogeriemarkt ist, ein Bekleidungsgeschäft. Aus der Zeit kannten die beiden sich. Als die Zeiten dann immer unruhiger wurden, blieb mein Vater in Aachen, wir wohnten damals schon wie heute in diesem Haus in der Frankenberger Straße und hatten unsere Bekleidungsfabrik „Montanus” in Burtscheid.

Meine Mutter und ich gingen aber nach Kornelimünster - mein Bruder, er war fünf Jahre älter, war Soldat. Es waren nur wenige im Viertel geblieben. Die meisten waren geflohen. Wer geblieben war, verbrachte viel Zeit in den Kellern. Es war aber auch in Kornelimünster unruhig, Tiefflieger griffen an, und Bomber flogen Richtung Aachen.

Und da saßen Sie auch in Kornelimünster die meiste Zeit im Keller?

Meyers: Als Kind von 13 Jahren hielt es einen trotzdem nicht im Keller. Auch nicht, als es auf einmal hieß: „Die Amerikaner kommen!” Das war noch im September, als die ersten Truppen von Eupen und Eynatten rüberkamen... Ich wollte gerade aus dem Keller raus. Das war wie im Film, wie eine Erscheinung, da standen sie direkt vor mir. Amerikanische Soldaten in Tarnkleidung, einer hielt eine Maschinenpistole... Da fiel einem schon das Herz in die Hose. Aber getan haben sie mir nichts. Nur wussten wir natürlich nicht, was in der Stadt mit meinem Vater war.

Im Kloster wurde dann ein Frontlazarett eingerichtet, da kamen zum Teil sehr schwer verwundete Soldaten hin. Das war nicht immer leicht zu ertragen. Aber durch mein Schulenglisch konnte ich schnell Kontakt zu den Soldaten herstellen.

Ein Glück, ich wurde fast so etwas wie das „Maskottchen” und habe ziemlich schnell richtig Englisch gelernt. Ich glaube, die Soldaten hatten einfach Spaß an einem Jungen wie mir.

Brachte Ihnen das Vorteile, konnten Sie sich freier bewegen, um zum Beispiel herauszufinden, was mit Ihrem Vater war?

Meyers: Ja, ich hatte Vorteile. Aber manchmal nur indirekt, weil ich die Offiziere kennenlernte. Ich durfte in der Offiziersmesse mitessen. Da hatte ich schon eine besondere Rolle. Ich bin zum Beispiel immer mit einem Rucksack unterwegs gewesen. Und wenn ich in die amerikanische Militärküche im Kloster kam, fragten die jedes Mal: „Wo ist Dein Rucksack?”. Dann bekam ich den vollgestopft.

Einmal habe ich zu meiner Mutter gesagt, dass ich vom Kloster nach Kornelimünster runter gehen wollte, zum großelterlichen Geschäft. Das durfte ich auch. Aber als ich ankam, habe ich gesehen, dass Leute die Scheiben eingeschlagen hatten und dabei waren zu plündern.

Ein Stück weiter stand ein bulliger schwarzer Militärpolizist und regelte mit einer Kelle den Verkehr, den habe ich gebeten, doch ein paar Mann in das Geschäft zu schicken und die Plünderer zu vertreiben. Das hat er getan, das hat funktioniert.

Ich habe dann - als die Amerikaner auch in Aachen selber waren, was wir immer nur bruchstückweise erfahren haben - wissen wollen, was mit meinem Vater ist. Der Colonel hat deshalb vom Kloster aus sogar offiziell einen Melder mit einem Jeep losgeschickt, ich saß hinten drin mit zwei Taschen voller amerikanischer Lebensmittel.

Wir sind über die völlig zerstörte Trierer Straße - die hatte gerade einmal einen notdürftig befahrbaren Streifen, alles andere war kaputt - in die Stadt gefahren, ohne Begleitung hätte ich da nicht hingedurft.

Sie sind trotzdem gut durchgekommen?

Meyers: In der Oppenhoffallee mussten wir halten. Da wollte ich hinten aus dem Jeep springen und nach Hause laufen. Aber ein großer Militärpolizist schnappte mich und setzte mich wie ein Paket zurück in das Auto. Ich wurde dann ins städtische Krankenhaus an der Goethestraße gebracht. Der Fahrer sagte: „Du siehst deinen Vater nicht, ich bringe dich ins Lager nach Verviers.” Aber weil ich die Namen von den Offizieren in Kornelimünster kannte, vor allem vom Kommandanten, konnte ich die Offiziere in der Goethestraße überreden, mich anzuhören.

Ich bekam das Versprechen, am nächsten Tag zu meinem Vater gebracht zu werden, durfte mit den Offizieren essen, musste dann aber die Nacht in der Totenkammer verbringen, es waren keine Leichen da, aber ... Es hat mir nichts ausgemacht.

Morgens wurde ich dann zu meinem Vater gebracht, ins Regierungsgebäude am Theaterplatz. Er stand hinter einem Schreibtisch, musste auch sehr schnell wieder weg, ich habe ihn nur kurz gesehen. Ich wurde zurück in die Goethestraße gebracht, nicht nach Kornelimünster.

Ein Pater wollte mich später abholen, wurde aber zurückgeschickt. Erst als der meiner Mutter erzählte, wo ich war, die mit dem Colonel gesprochen hatte und der sich einschaltete, kam ich zurück nach Kornelimünster.

Was machte Ihr Vater im Regierungsgebäude?

Meyers: Als die Amerikaner kamen mussten die restlichen Bewohner zu Fuß nach Brand in die Kaserne. Etwa 5000 Einwohner waren übrig geblieben. Mein Vater musste in Brand zum amerikanischen Lagerkommandanten. Und der hatte sich genau über ihn informiert, wusste, wer er war, was er tat, und dass er kein Nazi war. Er bat ihn, in der Verwaltung der Kaserne mitzuarbeiten. Deshalb war mein Vater im Regierungsgebäude.

Konnten Sie denn dann zurück nach Hause?
Meyers: Das war nicht so einfach. Man brauchte einen Pass, der war immer auf ein bestimmtes Datum ausgestellt. Aber als die Ardennen-Offensive begann, mussten wir alle Betttücher abgeben, damit die Amerikaner daraus Tarnkleidung machen konnten. Es wurden keine Pässe mehr ausgestellt, die man brauchte, um von Ort zu Ort zu gelangen.

Ich habe einen alten genommen und daran herumradiert. Dann sind meine Mutter und ich von Kornelimünster durch den Nellessenpark in Richtung Herz Jesu gegangen. Unterwegs haben uns Belgier, die hatten flache Tellerhelme auf und Bajonette am Gewehr, festgehalten. Da gab es noch keine Probleme.

Aber später an der Beverau war die Brücke gesprengt und mit einem notdürftigen Übergang versehen - ein idealer Kontrollpunkt. Da haben uns die Amerikaner drei Stunden warten lassen, ehe wir in die Frankenberger Straße gelassen wurden.

Ich habe verhandelt und diskutiert. Dann konnten wir gehen, weil von einer Frau mit Kind wohl keine Gefahr ausging. Aber zu der Zeit war das Verhältnis zu den Amerikanern schon so, dass man keine Angst mehr haben musste.

Wie hat sich Ihr Vater denn versorgt, war er nicht durch seine Position bevorzugt?

Meyers: Er war nicht gut versorgt, man musste immer sehen, wo etwas zu organisieren war. Und es war gefährlich in der Stadt. Zum Beispiel war mein Vater mit einem Mann, der in unserem Haus über uns wohnte, in unserem Garten unterwegs, um frei laufende Hühner zu fangen, als die Deutschen von Osten in die Stadt schossen. Der Mann wurde getroffen und war auf der Stelle tot, mein Vater war direkt neben ihm und wurde nur leicht verletzt.

Ich habe einmal etwas ganz Ähnliches erlebt. Auch bei deutschem Beschuss fiel neben mir ein Mann um, ich schmiss mich hin. Als das Feuer vorbei war, bin ich aufgestanden, hab den Mann geschüttelt und gesagt: „Kannst aufstehen, wir können weiter.” Da war der tot! Ich bin in den Keller gelaufen und wohl eine Stunde darin sitzen geblieben. Der Tod war überall.

An der Von-Görschen-Straße bei uns um die Ecke gab es auf einem Grundstück Gräber von deutschen Soldaten, an der Eisfabrik lagen zur selben Zeit noch einige unbestattete Tote. Dafür gab es in dieser Zeit einfach zu wenig klare Verhältnisse.

Kehrte nach der Kapitulation der letzten deutschen Verteidiger nicht langsam Ordnung ein?

Meyers: Es gab auch unter den Amerikanern sehr verschiedene Leute. Mein Vater traf an unserer Firma einen Jeep mit einem Offizier und ein paar Mann an, die Maschinen konfiszieren wollten. Als er sagte, er hätte keine, brüllte ihn der Offizier an: „Du hast sie versteckt, du Nazischwein.” Und er schlug meinen Vater so nieder, dass er noch bewusstlos war, als er viel später gefunden wurde.

Andererseits gab es die feinen Kerle, mit denen wir in Kornelimünster zu tun hatten. Oder auch Ereignisse, wo wirklich für Ordnung gesorgt wurde. Es gab ein Zwangsarbeiterlager in der Nähe, das befreit worden war. Eine Gruppe ehemaliger Zwangsarbeiter hatte sich einen Pferdewagen besorgt und durchsuchte hier in der Straße Haus für Haus aus.

Die meisten Menschen waren ja geflohen und noch nicht zurück. Als mein Vater das sah, schickte er mich zur Wilhelmstraße, wo die amerikanische Kommandantur war. Ich sollte die Militärpolizei zu Hilfe holen. Und die kam sehr schnell, die Plünderer wurden aus den Häusern und Ruinen geholt, wir blieben verschont.

Haben Sie alles verarbeitet, was Sie damals erlebt haben?

Meyers: Es kocht schon immer Mal wieder etwas hoch, wie vorhin, als ich von den Toten erzählt habe. Aber insgesamt hatten wir mehr Glück als viele andere.