Zeitungsmuseum Aachen zeigt Ausstellung zur freien Presse

75 Jahre Aachener Nachrichten : Die Geburtsstunde des deutschen Nachkriegsjournalismus

„Russischer Siegeszug rollt weiter!“ lautete die erste Titelzeile der ersten deutschen Zeitung, die noch vor dem offiziellen Ende des zweiten Weltkriegs erschien. Gedruckt wurde sie in einer Auflage von 19.000 Stück, und zwar in den Aachener Nachrichten. Das Internationale Zeitungsmuseum widmet dem Beginn der Zeitung jetzt eine neue Ausstellung.

„Die Gründung einer Zeitung ist für die Stadtgeschichte Aachens durchaus ein großes Thema“, sagte Frank Pohle, Leiter der Route Charlemagne, am Mittwoch. Gemeinsam mit Andreas Düspohl, Leiter des Internationalen Zeitungsmuseums (IZM), hat er die neue Ausstellung „Die Entstehung der Aachener Nachrichten und der Wiederaufbau“ vorgestellt, die am Freitag offiziell eröffnet. Die Ausstellung ist Teil des musealen Dreiklangs „Der Krieg ist aus – Politik, Alltag und Medien in Aachen“, an dem sich auch das Couven Museum und das Centre Charlemagne beteiligen.

„Aachen war zum Jahreswechsel 1944/1945 für die Alliierten eine Art Experimentierfeld“, erklärte Pohle. Es sei noch offen gewesen, was nach dem Krieg aus Deutschland werden solle. „So oder so war aus amerikanischer Sicht – und es waren ja vor allem die Amerikaner, die Aachen befreit haben – Medien- und Pressepolitik wichtig.“

Bereits vor Erscheinen der ersten Ausgabe der „Aachener Nachrichten“ habe es deutschsprachige Publikationen unter amerikanischer Federführung gegeben, Flugblätter zum Beispiel oder die „Mitteilungen“, die in Luxemburg produziert wurden. „Die Nachrichten waren aber die erste Zeitung, die in Deutschland erstellt wurde, und an der auch Deutsche mitwirkten“, sagte Düspohl.

Zwei Namen, die bei der Geburt der Aachener Nachrichten eine große Rolle spielen, sind Heinrich Hollands und Otto Pesch. „Beide galten aus Sicht der Amerikaner als unverdächtig“, erklärte Düspohl. Das bedeutet, dass sie keine Nationalsozialisten waren, auf keiner irgendwie gearteten „schwarzen Liste“ auftauchten. Hollands war Sozialdemokrat, von Beruf Drucker. Er wurde der erste Verleger der Aachener Nachrichten. Otto Pesch war Journalist, stand auf keiner politischen Liste und klopfte eines Tages Stadtkommandanten an die Tür und fragte, ob er einen Job bekommen könne. Er prägte die „Aachener Nachrichten“ durch seine Beobachtungen, die er im Aachen der Nachkriegsmonate machte.

Die Ausstellung im IZM zeigt vor allem Druckerzeugnisse aus den spannenden Jahren vor und nach dem Weltkrieg, natürlich auch die erste „Nachrichten“-Ausgabe als Faksimile zum Durchblättern. Dabei fällt ins Auge, dass die Zeitung sich nicht nur vom Layout her von heutigen Tageszeitungen deutlich unterscheidet. Das Format ist ein anderes, der Textanteil ist größer, es gibt viel weniger Fotos.

„Die Zeitung war damals viel kleiner, und hatte zu Beginn nur vier Seiten“, erklärte Düspohl. Papier, Druckerschwärze, Waschbenzin: All die Dinge, die man zur Produktion von Zeitungen brauchte, waren in den Jahren nach dem Krieg nicht einfach zu bekommen. „Doch die Amerikaner scheuten keine Kosten und Mühen zur Demokratisierung der Deutschen.“ In Zahlen bedeutet das: Die „Nachrichten“ erschienen zunächst einmal die Woche in einer Auflage von 19.000 Stück. „Der Preis lag offiziell bei 10 Pfennig pro Ausgabe, aber wir gehen davon aus, dass die ersten Exemplare einfach so verteilt wurden“, so Düspohl.

Schon bald erschienen weitere Zeitungen in Aachen, neben der Aachener Volkszeitung, die erstmals am 6. März 1946 erstmals auf den Markt kam, war das die Volksstimme, eine Kölner Zeitung mit einem Aachener Lokalteil. „Der Pluralismus der Medienlandschaft in Deutschland war gerade in den ersten Jahren der jungen Bundesrepublik besonders groß“, sagte Düspohl. Viele der Zeitungen, die damals entstanden, gibt es heute in dieser Form nicht mehr. Doch die „Aachener Nachrichten“ sind geblieben.

Die Ausstellung im IZM ist noch bis zum 1. März 2020 zu sehen. Begleitet wird sie durch eine Reihe von Veranstaltungen, ebenfalls im Museum an der Pontstraße. Am Mittwoch, 8. Januar, hält Bernd Mathieu, ehemaliger Chefredakteur von AN und AZ, um 19 Uhr einen Vortrag mit dem Titel „Was für eine Zeit! Nachrichten und Geschichten in AN und A(V)Z!“. Am Mittwoch, 22. Januar, werden Studierende der Sprecherziehung ab 18 Uhr Zeitzeugenberichte vorlesen. Und am Mittwoch, 29. Januar, findet ein Workshop zum Thema „Lügenpresse“ mit Andreas Düspohl, Wolfgang Birkenstock und Amien Idries, stellvertretender Chefredakteur unserer Zeitung, statt.