Aachen: Wut, Frust und eine ordentliche Portion Kampfgeist

Aachen: Wut, Frust und eine ordentliche Portion Kampfgeist

„Wütend macht mich das, total wütend”, sagt Anna Wahl. Nicht nur die Konrektorin der Hauptschule Aretzstraße ist sauer. „Auch das Kollegium ist entsetzt”, berichtet sie.

Ganz kurz vor Ostern waren CDU, SPD und Grüne mit ihrem überraschenden Plan für eine vierte Gesamtschule im Ostviertel an die Öffentlichkeit gegangen. Jetzt, nach zwei Wochen Ferien, ist das Entsetzen immer noch groß an den drei Schulen, für die das Projekt letztlich das Aus bedeutet. Hauptschule Aretzstraße, Hugo-Junkers-Realschule und Geschwister-Scholl-Gymnasium sollen ab 2010, wenn die vierte Gesamtschule starten soll, keine neuen Schüler mehr aufnehmen.

„Warum wird gerade die Schule Aretzstraße zugemacht”, fragt sich Anna Wahl immer noch. „Wir leisten doch gute Arbeit. Wir haben für unsere Schüler gute Konzepte entwickelt, damit sie nachher nicht die Verlierer sind.” Etliche Schüler aus den jetzigen Zehnerklassen haben auf dem hart umkämpften Ausbildungsmarkt eine Lehrstelle ergattert. Für Anna Wahl ist auch das eine Bestätigung für die erfolgreiche Arbeit, die ihre Kollegien leisten.

In der geplanten Gesamtschule allerdings, in der auch die Hauptschule Aretzstraße aufgehen soll, sieht sie all das gefährdet. „Unsere Schüler brauchen ein kleines System, sie brauchen einen geschützten Raum und sehr intensive Begleitung.” Auf eine mindestens vierzügige Gesamtschule sei solch ein Förderkonzept nicht übertragbar, ist die stellvertretende Schulleiterin überzeugt.

Eine Zusammenarbeit mit anderen Hauptschulen könnte man sich an der Aretzstraße durchaus vorstellen. „Aber solch eine Hauptschule, an solch einem Standort, die darf man nicht so einfach schließen. Die Arbeit, die wir hier machen, ist fürs ganze Ostviertel entscheidend. Für den sozialen Frieden hier haben wir sehr viel geleistet.”

Herbert Strohmayer machte sich am Montagmittag auf den Weg nach Köln, um bei der Bezirksregierung seine Ernennungsurkunde als Schulleiter der Hugo-Junkers-Realschule entgegenzunehmen. Bisher leitet er die Schule kommissarisch. Strohmayer fuhr mit gemischten Gefühlen nach Köln. „Als neuer Schulleiter hat man ja durchaus Pläne. Eine Schule abzuwickeln gehört aber ganz sicher nicht dazu.”

Nur aus der Zeitung

Dass die vierte Gesamtschule kommen soll, weiß Strohmayer nach wie vor nur aus der Zeitung. „Von offizieller Seite sind wir noch nicht informiert.” Natürlich sei das Kollegium traurig und frustriert, sagt er, die Stimmung sei aber auch kämpferisch: „Wir werden nicht so ohne weiteres klein beigeben. Wir werden unsere Schule nicht auf dem Silbertablett servieren.”

Auch für die Geschwister-Scholl-Schule, einziges Gymnasium im Ostviertel, bedeutet eine vierte Gesamtschule das allmähliche Aus. An der Stolberger Straße jagt deshalb diese Woche eine Konferenz die nächste. Die Schulpflegschaft, die Schulkonferenz - alle wollen auf den neuesten Stand gebracht werden.

Und auch den Fördervereinsvorstand seiner Schule muss Schulleiter Klaus Becker informieren. „Der Förderverein betreut bei uns Mensa und Cafeteria”, erläutert er, „und ich hoffe, dass er das auch weiter macht, wenn die Gesamtschule kommt”. Selbstverständlich, sagt Becker, sei das aber nicht.

An verunsicherte Eltern gibt er in diesen Tagen die Auskunft des Schuldezernenten Wolfgang Rombey weiter: „Alle Schüler der Schule und alle Kinder, die fürs nächste Schuljahr angemeldet sind, können ihre Schullaufbahn hier beenden.”

Am Donnerstag werden Schulleiter und Vertreter der Lehrerräte der drei Schulen im Ostviertel zusammen tagen und über gemeinsame Aktionen nachdenken. Am 5. Mai berät der Schulausschuss über das heiße Eisen vierte Gesamtschule, am 6. Mai soll dann der Rat entscheiden über die „Errichtung einer integrierten Gesamtschule”. Klaus Becker geht davon aus, dass der Beschluss gefasst wird. Gegen eine weitere Gesamtschule ist ja derzeit nur die Aachener FDP.

Aber was passiert, fragt sich Klaus Becker, „wenn die Landesregierung eine neue Gesamtschule nur mit SekundarstufeI genehmigt? Oder nur eine Gesamtschule im Halbtagsbetrieb? Der Schulleiter ist sehr gespannt, „ob die Mehrheit im Rat diese Kröte dann schlucken wird”. Eine Gesamtschule ohne Oberstufe oder ohne Ganztagsbetrieb wäre nämlich ein echter Rückschritt, sagt der Schulleiter. „Das wäre ein Knieschuss fürs Ostviertel.”

Heftig gehadert

Klaus Becker hat jahrelang für die SPD Schulpolitik gemacht. Bis zum vergangenen Jahr war er noch schulpolitischer Sprecher seiner Partei. Becker hat in den vergangenen Tagen wahrscheinlich heftig gehadert mit dem Gesamtschul-Kurs seiner Partei. „Aber ich bin noch Mitglied der SPD. Und ich bleibe dabei.”

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