Aachen: Wohin nur mit dem Aachener Sex-Gewerbe?

Aachen : Wohin nur mit dem Aachener Sex-Gewerbe?

Zu beschönigen gibt es nichts in der Antoniusstraße. Weit entfernt von jeglicher Rotlicht­romantik geht es dort um ein knallhartes Geschäft mit all seinen unschönen Begleiterscheinungen wie Menschenhandel, Zuhälterei, organisierter Kriminalität und anderer Gewaltdelikte. Ist es ein Wunder, dass so viele Menschen den Sex-Schmuddel lieber heute als morgen aus der Innenstadt weg hätten?

Mit der geplanten Umgestaltung des Altstadtquartiers Büchel ist die Debatte um die Auslagerung der Prostitution wieder voll entbrannt. Aus Sicht des Aachener Frauennetzwerks wird sie derzeit allerdings zu einseitig und plakativ geführt. Unter dem Titel „Aus den Augen — Aus dem Sinn?“ wollen Mitglieder des Netzwerks am Samstag in der Innenstadt aufschlagen und darlegen, warum sie für den Verbleib der Prostitutionsbetriebe an der Antoniusstraße sind.

Es ist eine illustre Gruppe, die dort zusammenkommen wird und das Gespräch mit den Bürgern sucht: darunter Vertreterinnen von Beratungseinrichtungen wie der Aids-Hilfe, Donum Vitae oder Solwodi, vom Bistum oder Gleichstellungsbüro, von der Staatsanwaltschaft und aus den Stadtratsfraktionen. Sie alle haben das Gefühl, sich mehr Gehör verschaffen zu müssen — unter anderem auch gegen Oberbürgermeister Marcel Philipp und Polizeipräsident Dirk Weinspach, die zu den prominentesten Verfechtern einer Puff-Verlagerung an den Stadtrand zählen.

Philipp glaubt, dass alle bisherigen Vorstöße zur Sanierung des Altstadtquartiers gescheitert seien, weil der Rotlichtbezirk dort ist, wo er seit Jahrhunderten ist. Mit dieser Meinung torpediert er aber selbst aus Sicht seiner Parteifreunde den jüngsten Vorstoß zur Altstadtsanierung, der bereits in einen Städtebauwettbewerb gemündet ist und unterschiedlichste Interessenlagen von Grundstückseigentümern, Puff-Betreibern und Stadtplanern miteinander versöhnt zu haben schien.

Viele hofften auf einen zügigen Fortgang im Bebauungsplanverfahren und einen ersten Spatenstich schon im nächsten Jahr — doch die Diskussion um den Rotlichtbezirk könnte alles zunichte machen. Und es gibt etliche Politiker im Rat, die dem Oberbürgermeister bei einem Misslingen des Vorhabens wesentliche Mitschuld geben würden. Sie werfen ihm vor, eine mögliche Auslagerung ins Gespräch gebracht zu haben, die schlicht unrealistisch sei.

Nicht einfach wegplanen

Auch das Frauennetzwerk will mit seiner Aktion am Samstag deutlich machen, dass das älteste Gewerbe der Welt nicht einfach weggeplant werden kann und auch nicht weggeplant werden sollte. Auch Prostituierte hätten Respekt verdient und sollten nicht am Stadtrand „versteckt“ und mit ihren Problemen allein gelassen werden. In der Innenstadt seien sie sicherer, argumentiert seit Jahren die Prostituiertenberatungsstelle Solwodi. In sogenannten Laufhäusern wie dem Kölner „Pascha“ wachse die Abhängigkeit von den Bordellbetreibern, die gesellschaftliche Einbindung gehe verloren. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft gibt es aber auch ganz konkrete Sicherheitsbedenken — anders, als sie etwa der Polizeipräsident formuliert. Im Falle einer Verlagerung werden neu aufflammende Revierkämpfe von Rockerclubs befürchtet.

Überhaupt zeigt sich das Frauennetzwerk von den Einwänden des Polizeipräsidenten überrascht, nachdem es in vielen Vorgesprächen keine polizeilichen Bedenken gegen die derzeit geplante Verkleinerung des Rotlichtbezirks gegeben habe. Nunmehr hat er in mehreren Stellungnahmen erhebliche Sicherheitsbedenken formuliert, spricht von Angsträumen, die dort entstehen könnten, und hält ein Nebeneinander von bürgerlicher Idylle und Rotlichtviertel für nicht möglich. Auch erschwere eine geplante Abschottung des Milieus vom übrigen Umfeld künftige Polizeieinsätze und bringe Ordnungskräfte in Gefahr.

Solche Einwände müsse man ernstnehmen, niemand wolle die Beamten in Gefahr bringen und sie womöglich in eine Art Mausefalle laufen lassen, heißt es seitens der Politik. Das Frauennetzwerk zeigt sich zuversichtlich, dass die Durchfahrbarkeit des Rotlichtviertels gewährleistet und zugleich ein Blickschutz eingerichtet werden kann. Städte wie Hamburg oder Antwerpen würden zeigen, dass es Lösungsmöglichkeiten gibt.

Das Szenario, das der Polizeipräsident von der Antoniusstraße zeichnet, halten sie für überspitzt. Schon aktuell könne dort und im Umfeld nicht von einer „NoGo-Area“ gesprochen werden. Viele Passanten am Büchel und in der Kleinkölnstraße würden nicht mal merken, dass gleich um die Ecke Bordellbetriebe ansässig sind. Dies würde sich durch die geplanten Bauvorhaben verbessern, argumentieren die Netzwerk-Frauen. Der Darstellung des Polizeipräsidenten, das dort alles noch viel schlimmer würde, können sie offenbar nicht folgen.

Es sind vor allem die sozialen und Sicherheitsaspekte, mit denen sich das Frauennetzwerk befasst. Baurechtliche Fragen lassen sie unberührt. Dabei lassen sich auch auf diesem Feld noch Argumente gegen eine Verlagerung finden. Allen voran jenes, dass bis heute niemand einen ernstzunehmenden Alternativvorschlag zur Anto­nius­straße zu bieten hat.

Auch nicht Oberbürgermeister Philipp, dem von Grundstücksbesitzern offenbar mehrere Angebote in Gewerbegebieten und Randlagen gemacht wurden. Die Liste hält er unter Verschluss, ob die Adressen tatsächlich tauglich sind, gilt als unwahrscheinlich. Überall dürfte nicht zuletzt mit dem erheblichen Widerstand der Nachbarschaft zu rechnen sein.

Illegale Prostitution eindämmen

Doch ohne Ersatzstandort gibt es auch keinen Umzug der Anto­niusstraße. Denn ein Verbot der legalen Prostitution kommt für Aachen nicht in Frage. Mindestens 125 „Betten“ müssten dafür bereitgehalten werden, so die Vorgabe der Bezirksregierung — allein schon, um die illegale Prostitution, die schon heute in der Innenstadt zunimmt, nicht noch weiter ausufern zu lassen.

Eben weil sich dieses Gewerbe nicht verbieten oder wegplanen lässt, wird die Idee für einen mehrstöckigen Bordellbetrieb an der Antoniusstraße verfolgt, in dem die Frauen ihrer Arbeit nachgehen sollen, die die heruntergekommenen Kaschemmen im westlichen Bereich der Straße verlassen sollen. Erst wenn das neue Haus steht, kann auch der Rest des Viertels in Angriff genommen werden. Und erst dann ist damit zu rechen, dass auch das marode Parkhaus Büchel endlich abgerissen wird und Platz macht für ein neues Wohn- und Geschäftsviertel.