Aachen: Wochenend-Interview: Deutscher Pat Boone sagt Adieu

Aachen: Wochenend-Interview: Deutscher Pat Boone sagt Adieu

Sein Schlager „Wer einmal in Aachen war” gehörte lange zum Standard-Repertoire im Finale der Fernsehsitzung - ist aber auch vielen Öchern bekannt, die mit dem Fastelovvend nichts zu tun haben.

Vor einiger Zeit hat er dem AKV bereits die Rechte an seinem Liedgut übertragen, und an diesem Wochenende nimmt er endgültig Abschied von der Karnevalsbühne: Walter Sieben, Sänger, Bandleader und vor allem in den 60er Jahren unter dem Pseudonym Tony Weller auch als „deutscher Pat Boone” bekannt.

Nur noch für Wohltätigkeits-Projekte will er karnevalistisch in Erscheinung treten, wie er im Gespräch mit AZ-Redakteur Hanns Bittmann betont. Denn sein Rückzug von der großen Bühne erfolgt nicht ohne Enttäuschung.

Warum nehmen Sie Abschied vom Karneval?

Sieben: Es ist für mich Zeit aufzuhören. Als Solosänger, von denen es in Aachen nicht mehr viele gibt, möchte ich lieber jetzt gehen, wo ich noch einen guten Namen habe.

Woran machen Sie den guten Namen fest, an der Anzahl der Auftritte?

Sieben: Nein, denn die meisten Präsidenten honorieren nicht, dass ich die ganzen Jahre über eisern geblieben bin und meine eigenen Sachen gesungen habe. Dadurch habe ich auch nicht so viele Auftritte bekommen, wie ich hätte vertragen können.

Dabei ist „Wer einmal in Aachen war” doch ein wirklicher Evergreen aus eigener Feder...

Sieben: Lotti Krekel hat mir einmal gesagt: „Jung, wenn du us Kölle würs än häts eson Ding för us jeschrivve, du würs överall dobei.” Meine Kollegen in Köln konnten nicht verstehen, dass ich in Aachen nicht so präsent bin.

Woran liegt das, schielen die Aachener Vereine zu sehr nach Köln?

Sieben: Viele denken, es ist einfacher, einen Kölner mit mehr bekannten Liedern auf die Bühne zu stellen. Selbst gute Aachener Gruppen wagen sich zum Teil nicht, eigene Lieder zu machen. Immer wieder gibt es Anleihen in Köln - aber die Kölner haben sich die Melodien ihrerseits meist in Holland oder Belgien geholt, siehe „Die Hände zum Himmel” oder derzeit „Rut sin de Ruse”. Dabei sind wir näher dran; ich frage mich manchmal, warum die Aachener nicht mal direkt in Holland reinhören, was sich da tut.

Warum genießt man als Aachener weniger Bereitschaft zum Zuhören?

Sieben: Wenn ich da stehe und etwas Unbekanntes singe, kann das nicht so ankommen wie ein Lied der Höhner, das schon seit Monaten im Radio läuft. Aber wenn alle so denken, kann ja nie mehr ein Aachener Lied durchkommen.

Was waren Ihre ersten eigenen Lieder?

Sieben: Die hatten noch nichts mit Karneval zu tun. In den 50er Jahren, ich war gerade 19 Jahre alt, spielte ich mit meiner Band in einem Düsseldorfer Club. Der damalige Arrangeur von Kurt Edelhagen hörte mich und lud mich nach Hamburg zum Vorsingen bei der Teldec ein. Die suchten damals „eine deutsche Stimme für Pat Boone”. Zusammen mit Gert Böttcher, der später „Für Gabi tu ich alles” sang, wurde ich ausgewählt - und bekam sofort einen Vierjahresvertrag, für vier Single-Platten pro Jahr.

In den Single-Charts sucht man Ihren Namen aber vergeblich.

Sieben: Der Name Walter Sieben gefiel nicht, alles sollte am besten amerikanisch klingen. Der Künstlername Tony Weller ging da noch, und unter diesem Namen war ich in den 60er Jahren in fast allen Rundfunk-Hitparaden Deutschlands mit deutsch gesungenen Pat-Boone-Titeln vertreten.

Welchen Einfluss hatten Sie auf die Wahl Ihrer Titel?

Sieben: Ich hatte keinerlei Mitspracherecht, die Teldec konnte allein entscheiden, was ich singe. Und so kamen auch Titel zustande wie „Eine Reise ins Glück”.

Wie endete die Platten-Karriere?

Sieben: Nachdem ich in den Sechzigern auch für die Ariola sechs Titel gemacht hatte, ging es zu Ende. Ich hatte das Pech, dass man mir oft Titel zutraute, die sehr pompös waren, teils Filmmusik. Die waren fürs Schlagergeschäft einfach zu schwer. Als zweites Standbein hatte ich aber immer die „Nicols”, unser Jazz-Sextett. Und so lief die Sache mit „Tony Weller” 1980 endgültig aus.

Wann erfolgte Ihr Einstieg in den Karneval?

Sieben: Wenig später. 1982 habe ich erstmals bei den Atömchen auf einer LP mitgesungen, auf „Onger os” - und dann noch auf vier weiteren. Damals hat Dieter Jansen mich motiviert, selbst einmal im Karneval aufzutreten und Lieder zu schreiben.

Vorher hatten Sie mit dem Fastelovvend nicht viel zu tun?

Sieben: Überhaupt nichts, ich sang meist Englisch. Da ich aber eine Band hatte und inzwischen nur noch in der Umgebung spielte, war es für mich leicht umzusteigen. Dann kam zusammen mit Jan Thelen, Gitta Haller und den Atömchen der erste größere Block bei der Fernsehsitzung - und ich kam nicht mehr vom Karneval los. Vor 15 Jahren kam mir spontan die Idee zu „Wer einmal in Aachen war”; das war mein Durchbruch.

Aber das ist eigentlich kein klassisches Karnevalslied.

Sieben: WDR 4 hat es deshalb sofort gespielt, den ganzen Sommer hindurch. Das Wort Karneval kommt nicht vor, das ist ein reines Heimatlied und auf Hochdeutsch gesungen. Zwei Jahre später wurde auch der AKV darauf aufmerksam, sechs oder sieben Mal war ich damit bei der Festsitzung.

Waren das auch Ihre positivsten Erlebnisse?

Sieben: Die schönste Zeit waren für mich wirklich die Auftritte beim AKV, vor allem 2000 im Stadttheater. Als ich als Öcher Jong in meiner Heimatstadt im Theater singen durfte, hinter mir all die etablierten Musical- und Opernsänger, die Ränge ausverkauft - und alles sang aus vollem Herzen mit: Wer einmal in Aachen war... Das war für mich im Aachener Karneval das Schönste überhaupt.

Warum ging es denn nach diesem Höhepunkt bergab? Hätten Sie sich nicht selbst auch ein bisschen ändern und anpassen müssen?

Sieben: Nein. Dann hätte ich wohl das Kölner Repertoire wenigstens zu 50 Prozent übernehmen müssen, und das wollte ich nicht.

Die Originale nehmen doch auch keine Kölner Titel und sind dennoch erfolgreich.

Sieben: Sie singen aber unter anderem die alten Titel der Atömchen - und das ist richtig so, darauf können wir stolz sein. Sie zeigen damit wie auch Dirk von Pezold als Lennet Kann, dass richtige Öcher Lieder ihren Platz haben und beliebt sind.

Aber man lässt heute praktisch keinen mehr damit hochkommen, es nimmt keiner mehr Notiz von neuen Aachener Stücken. So ging es mir auch am 11.11. wieder: Das Publikum hat zugehört, mein neues Lied beklatscht - und von den Vereinen hat mich nicht ein einziger Kommentar erreicht.

Ist in Aachen kein Markt mehr für Solisten?

Sieben: Ja, die Solisten scheinen hier - im Gegensatz zu Köln - auszusterben. Ich wäre als Öcher Jong mit Öcher Liedern gern einmal bei allen Öcher Vereinen aufgetreten - aber zu 20 von den über 50 Vereinen habe ich in über zwei Jahrzehnten nie Kontakt bekommen. Es ist ein bisschen traurig, dass der Prophet im eigenen Lande nicht berücksichtigt wird.

Sie haben dann letztlich auch eine Gruppe gebildet, „Die drei Solisten”. Woran ist dieses Projekt gescheitert?

Sieben: Es kam zunächst gut an, wir waren drei Sänger mit guten Titeln und haben uns gegenseitig begleitet. Leider hatten Hans Montag und ich dann Schwierigkeiten mit dem dritten Mann - und die Auftritte für uns als Duo gingen zwei Jahre später zurück.

Warum genießen Sie nicht einfach die verbleibenden Engagements?

Sieben: Wenn nach so vielen Bühnenjahren nicht mehr viel kommt, ist es Zeit zu gehen. Ein Abschied zu einem Zeitpunkt, wo man keine Auftritte mehr hat, wäre in diesem Sinne auch keiner mehr. Und ich nehme ja nicht Abschied vom Gesang, nur vom Karneval. Ich habe es jahrelang versucht, bin auch gut damit gefahren.

Wie verbringen Sie nun Ihr letztes Wochenende als „aktiver Karnevalssänger”?

Sieben: Ich habe noch drei Auftritte, dann ist damit erst einmal Schluss. Und Samstag gehe ich mit meiner Frau ein bisschen aus.

Ein Abschied ohne Tränen?

Sieben: Man geht immer mit Wehmut, denn es gab natürlich sehr viele wunderbare Erlebnisse. Und die werden mich sicher auch weiter begleiten.

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