Aachen: „Wissenschaftsstadt“: Hochschule und Stadt verzahnen

Aachen : „Wissenschaftsstadt“: Hochschule und Stadt verzahnen

Das „aachen fenster“ gab ein Gastspiel im Haus Löwenstein. Dort beleuchteten Politiker, Fachleute und Verwaltungsexperten das Thema „Wissenschaftsstadt“. Hans Dieter Collinet hatte sogar den Stadtdirektor von Münster, Hartwig Schultheiß, gewinnen können, in Aachen über den dortigen Umgang mit dem Thema zu berichten.

Münster mit etwa 300.000 Einwohnern und einer Studierendenzahl von rund 60.000 hat eine mit Aachen vergleichbare Studentenquote von 20 bis 22 Prozent, auch ansonsten seien die beiden wachsenden Mittelstädte durchaus vergleichbar, begann der Münsteraner seinen Beitrag. Moderiert wurde die spätere Diskussion von Prof. Andreas Fritzen (Köln).

In Münster sei „die ganze Stadt der Campus“, beschrieb Schultheiß den Umgang mit den Universitäten und Hochschulen in der Stadt des Westfälischen Friedens. Dort schaue man darauf, auch innerhalb der Verwaltung eine enge Verzahnung mit den Hochschulen auf allen Verwaltungsebenen hinzubekommen.

In Bezug auf die Stadtarchitektur sei man in Münster bemüht, blinde Stellen im Stadtplan aufzuwerten und mit Leben zu füllen. Schultheiß beschrieb einige gelungene Beispiele. Zu Thema Förderung der Integration von Wissenschaft ins Stadtleben forderte er eindeutig, das Potenzial auch als solches radikal im Stadtmarketing zu nutzen und damit zu werben. Über Aachen sagte Schultheiß: „Man nimmt von außen Aachen eindeutig als Wissenschaftsstadt wahr“.

Für die hiesige Industrie- und Handelskammer beantwortete Anke Schweda, übrigens eine gebürtige Münsteranerin, die Frage der Verzahnung von Wissenschaft und Stadtleben als hoffnungsvoll, aber noch nicht ideal. Man müsse mehr von der Kraft der Hochschulen und ihrer Forschungen „auf die Straße bringen“, formulierte sie griffig die Notwendigkeiten und beschrieb später in der Diskussion, dass man sich bemühe, sogenanntes Venture- oder Risikokapital für neue Spin-offs aus dem Wissenschaftsbetrieb zu gewinnen. Schweda: „Wir sind da weitergekommen und haben jetzt gute Investorenkontakte“.

Die Fraktionsvorsitzenden der beiden Mehrheitsfraktionen im Stadtrat, Harald Baal (CDU) und Michael Servos (SPD), beschrieben die in sieben Ratsanträgen formulierte Offensive der Stadt in Richtung der Hochschulen. Dabei habe man manchmal das Gefühl, thematisierte Baal einen der Gründe für die Offensive, dass schon die Lebenswelten der international orientierten Hochschulen und ihr regionales Umfeld in wenig aneinander vorbei lebten, obwohl die Spitzen von Stadt, Verwaltung und den Hochschulen durchaus enge und regelmäßige Kontakte pflegten.

Die Campus-Idee sei unwiderruflich eine Jahrhundertchance für die Stadt, stimmten Baal und Servos zu, eine Chance, die allerdings planvoll genutzt werden müsse.

Für den ehemaligen Vorsitzenden des Architektenbeirats, Prof. Rolf Westerheide, muss zwangsläufig mehr urbanes Leben in die beiden geplanten Campusgebiete West und Melaten einziehen. Bezüglich Melaten sei nicht zu entscheiden, ob dies einfach nur ein wissenschaftlich ausgerichtetes Gewerbegebiet sei, es fehle an Versorgungsinfrastruktur.

„Quartiere ohne eine Mischnutzung haben in modernen Städten keine Zukunft“, stellte Westerheide gerade mit Blick auf den Campus West unmissverständlich fest. Der Campus sei großflächig in unmittelbarer Stadtnähe und biete die unglaublich wichtig Chance, städtisches mit universitärem Leben verzahnen zu können.

Deswegen — und weil Aachen ähnlich wie Münster deutlich und schnell wächst — sei dort Wohnungsbau gefordert. Überhaupt müsse Wohnungsbau heute „anders angepackt“ werden, „wir brauchen ungewöhnliche Lösungen und viel mehr“, meinte der Architekturprofessor.

Der städtische Planungsdezernent Werner Wingenfeld brach eine Lanze für die Organisationsstruktur des Campus Melaten ohne Wohnen: „Wir hatte damals die Vorstellung: wohnen auf der nahen Hörn und forschen dort am Campus Melaten“. Denn man dürfe nicht verkennen, dass manche Forschungseinrichtungen wegen möglicher Emissionen auf die Distanz zu Wohnanlagen angewiesen seien.

Das Fazit: Mit dem Pfund vor der Haustüre ansässiger Wissenschaft und Forschung wird noch viel zu wenig gewuchert. Vor allem, da waren sich die Experten einig, sei es nötig, die dort qualifizierte Manpower mehr und enger an die Region zu binden.

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