Wissenschaftler der RWTH Aachen untersuchen Leonardo Da Vinci

RWTH-Wissenschaftler auf der Spur : Leonardo Da Vincis Weitblick reicht bis heute

Auf das Stichwort Leonardo da Vinci fällt den meisten wohl die „Mona Lisa“ ein, vielleicht auch „Das Abendmahl“. So faszinierend diese Gemälde sind – den beiden Maschinenhistorikern der RWTH Aachen, Thomas Kreft und Dietrich Lohrmann, schießen eher die zahlreichen Notizbücher und Blattsammlungen mit technischen Zeichnungen des weltberühmten Malers in den Sinn.

„Gemälde gibt es nur etwa 15 von ihm, dagegen hat er etwa 10.000 Seiten mit Studien und Überlegungen zu Maschinen, Maschinenteilen und mechanischen Regeln gefüllt“, sagt Kreft. Allein im Codex Madrid I, lange verschollen und erst 1965 zufällig in der spanischen Nationalbibliothek wiedergefunden, finden sich auf 368 Seiten 1701 Zeichnungen. Zehn Jahre lang arbeiteten die beiden Wissenschaftler an der Aufarbeitung dieser Handschrift. Ihre Ergebnisse sind jetzt in einer vierbändigen, wissenschaftlichen Edition erschienen. Die Hauptaufgabe war nicht so sehr die Übersetzung, die sich ebenfalls in dem Buch finden lässt.

Die wurde bereits 1974 in verschiedenen Sprachen vorgelegt. Lohrmann und Kreft machten sich eher an eine Art Decodierung und bearbeiteten damit den Codex Madrid nach 1974 erstmals wieder in seiner Ganzheit. Dass der italienische Generalist in Spiegelschrift geschrieben hat, um als Linkshänder die Tinte beim Schreiben nicht zu verwischen, war dabei ebenfalls keine echte Schwierigkeit. „Das lässt sich digital ja einfach durch Spiegelung lösen“, so Kreft. Die wirkliche Herausforderung lag in der notizbuchhaften Entstehung des Codex Madrid I.

„Liest man die Einträge von oben nach unten und von hinten nach vorn, wie es die Übersetzung von 1974 nahelegt, ergeben Leonardos Überlegungen überhaupt keinen zusammenhängenden Sinn“, erläutert der emeritierte Professor Lohrmann. Zuerst ordneten die Historiker die beiden Teile – den ersten, praktischen Teil mit ausgefeilten Beobachtungen zur Mechanik (Kinematik) der Maschinen, den zweiten theoretischen Teil mit Sätzen zur Dynamik und Statik, Versuchsplänen und Studien – neu. Leonardo hatte die Blätter des ersten Teils von vorn nach hinten, die des zweiten Teils von hinten nach vorn nummeriert. Beide Teile treffen sich also in der Mitte. Die erste Übersetzung hatte sich um diesen Aufbau nicht geschert, man las den zweiten Teil quasi rückwärts.

Leonardo hatte Teile des Uhrwerks beim Zeichnen weglassen. In der Internetversion der Untersuchung des Codex Madrid I werden sie durch technische Zeichnungen wieder sichtbar. Quelle: Ulrich Alertz.

Für die nächste Sortierung mussten Kreft und Lohrmann all ihren technischen Sachverstand aufbieten und auch einige Wissenschaftlerkollegen aus anderen Fachbereichen konsultieren: In welcher Abfolge muss man Leonardos Einträge neben den Zeichnungen, aber auch im theoretischen Teil lesen, damit die Untersuchungen, Beschreibungen und Diskussionen mit sich oder auch ungenannten Gegnern selbst eine sinnvolle Einheit bilden?

Einige Übersetzungsfehler konnten sie in diesem Zuge auch noch ausmerzen. Kreft und Lohrmann kam dabei zugute, dass sie selbst keineswegs unbeleckt sind, was Technik angeht: Lohrmann hat sich schon fast sein gesamtes Wissenschaftlerleben lang mit Maschinengeschichte beschäftigt. Kreft ist gelernter Werkzeugmacher und hat neben Geschichte auch Physik studiert. Gemeinsam konnten sie die Reihenfolge der Einträge ermitteln.

Den Freilauf hat Leonardo bereits so gezeichnet, wie er heute auch noch konstruiert wird. Es ist eine von 1701 Zeichnungen im Codex Madrid I. Foto: Biblioteca Nacional De España, Madrid.

Im letzten Schritt erstellten die beiden Historiker zu jeder Seite und zu jeder Zeichnung des Codex Madrid I einen Kommentar, der Leonardos Studien erklärt, der jeweiligen Maschine einen Namen gibt und sie manchmal auch in einen modernen Kontext stellt. „Manche Maschinenteile wie zum Beispiel das Kugellager oder den Freilauf gibt es heute in noch fast unveränderter Form“, meint Kreft.

Andere Maschinen hat Leonardo in seiner Umgebung in Mailand gesehen und wollte ihnen und ihrer Arbeitsweise auf die Spur kommen. „Manchmal ist er bei seinen Studien und Nachforschungen bis über die Grenze des Möglichen gegangen, aber wirklich erfunden hat er eigentlich nichts. Der Codex Madrid I spiegelt einen Großteil des technischen Vermögens des europäischen Kontinents wider“, räumt Lohrmann mit einem Mythos auf. „Es ging ihm wohl eher um Verbesserungen.“

Das Kugellager hat Leonardo bereits so gezeichnet, wie es heute auch noch konstruiert wird. Es ist eine von 1701 Zeichnungen im Codex Madrid I. Foto: Biblioteca Nacional De España, Madrid.

Mit diesen Verbesserungen habe Leonardo allerdings wesentliche Fortschritte erreicht, zum Beispiel eine höhere Effizienz von Getrieben, Rationalisierung durch Zentralantriebe oder Arbeitssicherheit durch Sperrklinken, ergänzt Kreft: „Die berühmten Erfinder der Welt haben alle nur Verbesserungen vorhandener Ideen hervorgebracht. Ich komme zu dem Schluss: Die Genialität des Leonardo da Vinci besteht in der Gabe, Vorhandenes weiterzudenken und in einer bislang nie dagewesenen Qualität zeichnerisch umzusetzen.“

In neuer Qualität

„Soffistico“ („Raffiniert, aber praktisch unmöglich“) hatte Leonardo an Zeichnungen von verschiedenen Perpetua mobilia notiert. Ein klares Urteil über die schweren Mängel der Konstruktion. Foto: Biblioteca Nacional De España, Madrid.

Leonardo ging es dabei wohl vor allem auch ums eigene Verstehen. Denn den Codex Madrid I hat er nicht für eine Veröffentlichung erstellt. Seine künstlerischen Fertigkeiten kamen ihm – und jetzt auch der Nachwelt – dennoch zugute. „Leonardo hat viele Maschinen nicht als Erster gezeichnet, aber doch in neuer Qualität“, findet Kreft. „Er zeichnet sehr genau. Aber er lässt auch für seine Überlegungen unwichtige Teile weg, um in der perspektivischen Darstellung das Wichtige sichtbar zu machen.“ Manche Uhrwerke hat da Vinci deshalb zum Beispiel nicht in allen Einzelteilen dargestellt, sondern manche Zahnräder nur mit Zahlen angedeutet.

Damit hat er das für ihn ­Wesentliche freigelegt. Leonardo hat so mit seinen exzellenten künstlerischen Fähigkeiten viele Maschinen des Spätmittelalters und mit seinem technischen Verstand viele physikalische und kinematische Erkenntnisse seiner Zeit für die Nachwelt konserviert. Wie kein anderer hat er dabei Maschinen über das Verständnis seiner Zeit hinaus weiterentwickelt. Durch Lohrmanns und Krefts Decodierung des Codex Madrid I – 500 Jahre nach Leonardo da Vincis Tod – lassen sie sich jetzt wieder nachvollziehen.

Der vierte Band „Leonardo da Vinci, Codex Madrid I“ (unten) ist ein Abdruck aller Originalseiten als Faksimiles. Foto: ZVA/Harald Krömer
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