Aachen: „Wir schaffen das, aber wie?“ Koalition fordert Integrationsplan

Aachen : „Wir schaffen das, aber wie?“ Koalition fordert Integrationsplan

Es sind genau 2821 Flüchtlinge, die der Stadt momentan dauerhaft zugewiesen sind. Sie sind an unterschiedlichen Standorten untergebracht, die über das gesamte Stadtgebiet verteilt sind. „Die Erstunterbringung ist hier sehr gut gewährleistet“, sagt der SPD-Fraktionsvorsitzende Michael Servos.

Nicht nur Politik und Verwaltung, auch die Bürgerinnen und Bürger haben maßgeblich zu dieser „Willkommenskultur“ in Aachen beigetragen.

„Die so genannte Flüchtlingskrise sehen wir als Chance, deshalb müssen wir jetzt auch die Weichen stellen“, erklärt Servos. Und so hat die große Ratskoalition in einem umfassenden Antragspaket die Verwaltung aufgefordert, einen Integrationsplan zu erstellen. Servos: „Nach dem ‚Wir schaffen das‘ brauchen wir jetzt eine Handlungsanleitung, die auf die Frage ‚Wie schaffen wir das?‘ Antworten gibt.“

Konkret geht es um die Themenbereiche Betreuung, Spracherwerb, Beschäftigung und Wohnraum. Bei der Entwicklung dieses Maßnahmenpaketes soll die Stadt auch die sozialen Träger und Ehrenamtsinitiativen einbeziehen.

„Die professionellen und ehrenamtlichen Hilfen für Flüchtlinge müssen systematisiert werden“, erläutert Boris Linden, sozialpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion. Integration brauche Orientierung, deshalb müsse eine angemessene Betreuung und Begleitung gewährleistet werden.

Eine Voraussetzung zur Integration sei die Sprache und damit verbunden die Möglichkeiten zu ihrem Erwerb, unterstreicht Holger Brantin, zweiter stellvertretender CDU-Fraktionsvorsitzender. Deshalb sollen die Angebote von Deutsch-Intensivkursen für Seitensteiger an Schulen ausgebaut werden. Zudem soll die Volkshochschule Aachen eine koordinierende Rolle bei den Sprachkursen übernehmen und bestenfalls ihre eigenen Angebote ausweiten. „Darunter fällt auch Material, was zur Verfügung gestellt werden muss“, ergänzt Brantin.

Da 70 Prozent der in Aachen derzeit lebenden Flüchtlinge und Asylsuchenden Männer unter 25 Jahren seien, müsse der Fokus bei der Integration in das öffentliche Leben neben Unterbringung und Spracherwerb auch auf Arbeit und Beschäftigung gelegt werden, sagt die CDU-Vorsitzende Ulla Thönnissen. Sie verweist auf den bereits im November eingereichten Antrag, einen „Integration Point“ beim Jobcenter zu schaffen.

Diese Stelle soll mit dazu beitragen, Flüchtlinge in Zusammenarbeit mit Stadt, Städteregion, IHK, Handwerkskammer und weiteren Partnern auf schnelle und unbürokratische Weise in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Über die Jugendberufshilfe sollen zusätzliche Beschäftigungsprojekte ins Leben gerufen werden.

Dabei hoffen CDU und SPD auch auf neue Rahmenbedingungen vom Bund, da es bislang keine Ausbildungsregelung für Flüchtlinge gebe. Zudem müsse ein Angebot von Arbeiten in kommunalen Einrichtungen, bei Vereinen oder gemeinnützigen Verbänden geschaffen werden, um Flüchtlingen ein Teilhabe am öffentlichen Leben zu ermöglichen. „Beschäftigung ist der wichtigste Schlüssel zur Integration“, sagt Thönnissen.

Nicht zuletzt die Wohnraumsituation müsse für Flüchtlinge verbessert werden. Dabei dürfe es nicht zu einer Konkurrenz zwischen Wohnungssuchenden und Flüchtlingen kommen. Servos: „Die Gewoge ist auf einem guten Weg. Flächen gibt es genug. Aber ohne Fördermittel von Land und Bund geht es nicht.“

Die Stadtverwaltung hat die ersten Turnhallen, die seit längerer Zeit zur Flüchtlingsunterbringung genutzt wurden, wieder dem Sportbetrieb zur Verfügung gestellt. Es handelt sich nach Mitteilung des städtischen Presseamtes dabei um die Turnhallen Rombachstraße, Michaelsberg-straße, Barbarastraße und Peliserkerstraße. Dort finden aktuell der Schul- und bald auch der Vereinssport wie gewohnt statt. So schnell wie möglich werden die Hallen Philipp-Neri-Weg, Höfchensweg, Vetschauer Straße, Reumontstraße und Obere Drimbornstraße folgen.

Gleichzeitig verzögert sich die Fertigstellung der nächsten für die Unterbringung der Flüchtlinge geplanten Objekte. So kann der zweite Bauabschnitt des ehemaligen Logistikzentrums der Telekom an der Roermonder Straße nicht vor Anfang April bezogen werden.

Mit dem Bezug der auf dem Gelände der Leo-Löwenstein-Kaserne aufgestellten 52 Spaceboxen rechnet die Verwaltung gleichermaßen nicht vor Anfang April. Die ebenfalls auf dem Kasernengelände geplanten 164 Container eines Anbieters aus Fulda können frühestens im Sommer genutzt werden. Die Inbetriebnahme der für den Sportplatz Adenauerallee geplanten 104 Spaceboxen verzögert sich ebenfalls bis mindestens Ende April. Auch das Gebäude in der Debyestraße kann erst später bezogen werden.

Das hat zur Folge, dass die Turnhallen Franzstraße, Haarbachtalstraße, Königsstraße und Saarstraße/Bergstraße vorerst weiter für die Flüchtlingsunterbringung genutzt werden müssen. „Sobald wir jedoch die Menschen, die jetzt noch in den Turnhallen leben, anderweitig besser untergebracht haben, werden wir auch diese Hallen so schnell wie möglich wieder freigeben“, verspricht Heinrich Emonts, Leiter des Fachbereichs Soziales und Integration.

Die Stadt geht nicht davon aus, dass eine Entspannung in der Flüchtlingsunterbringung zu erwarten ist, und rechnet in diesem Jahr mit etwa 280 Flüchtlingen pro Monat, die in Aachen ankommen werden. Demnach würde die Stadt über die bisherigen Planungen hinaus bis Jahresende bis zu 1400 weitere Plätze für Flüchtlinge schaffen.

Heinrich Emonts kann deshalb nicht ausschließen, dass im Laufe des Jahres erneut Turnhallen zur Unterbringung von Flüchtlingen benötigt werden. So sollen die Hallen in der Königstraße, der Reumontstraße, der Vetschauer Straße und der Peliserkerstraße so zurückgebaut werden, dass „bei einer erneuten Nutzung als Flüchtlingsunterkunft keine komplett neue Installation von zum Beispiel Leitungen erfolgen muss“, kündigt Emonts an.

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