Aachen: Wie Schulen ohne Sozialarbeiter sich selbst behelfen

Aachen : Wie Schulen ohne Sozialarbeiter sich selbst behelfen

„Life-Coaching“ und „Beratung“, steht am Büro von Achim Rodtheut im Geschwister-Scholl-Gymnasium. Eigentlich könnte da auch noch Mathelehrer stehen. Und Fußballtrainer. Denn auf Rodt­heut trifft das alles zu.

Er unterrichtet Mathe an der Schule, er gestaltet Fußball-Angebote für die Schüler. Informell aber übernimmt er zahlreiche Aufgaben der Schulsozialarbeit. Einen offiziellen Schulsozialarbeiter hat das Gymnasium an der Stolberger Straße nämlich — wie die meisten Aachener Gymnasien — bisher nicht.

Schulleiter Jan-Dirk Zimmermann bedauert das sehr. „Wir haben in unserer Schülerschaft eine soziale Mischung, die deutlich spannender ist als an anderen Gymnasien“, sagt er. Ein Schulsozialarbeiter wäre eine wertvolle Unterstützung für das Team. „Eine Schule wie unsere braucht Schulsozialarbeit.“ Da ist Zimmermann froh, dass „Life-Coach“ Rodtheut eine große Portion Lebensberatung liefert. Eine Kollegin hat diese Bezeichnung irgendwann geprägt. Und sie passt gut, findet der Schulleiter.

„Spannende Mischung“, das trifft es am Geschwister-Scholl-Gymnasium ziemlich gut. Knapp 600 junge Leute gehen dort aktuell zur Schule. 80 Prozent ihrer Familien haben eine Zuwanderungsgeschichte. Sie stammen aus 66 Nationen. Alle Kontinente dieser Erde sind an der Stolberger Straße vertreten. Na ja, fast alle. Um auch einen Australier vorweisen zu können, übernahm die Schule vor ein paar Jahren die Patenschaft für einen australischen Helmkasuar im Tierpark. Der bunte Vogel bekam sogar einen Schülerausweis. Und selbst die Bezirksregierung reagierte damals hochoffiziell und humorvoll auf den Gag: Ein Lernhelfer werde für diesen Vogel natürlich nicht bewilligt, ließ man aus Köln ausrichten.

„Kulturinklusion“

Auch Achim Rodtheut ist ein bisschen ein bunter Vogel. Man kennt ihn in Aachen als Fußballtrainer beim SV Eilendorf. Bis 2012 leitete er das Nachwuchsleistungszentrum der Alemannia. Rodtheut ist Diplom-Betriebswirt und Eigentümer einer Fußballschule. Er hat aber auch Sozialpädagogik studiert. Und da schließt sich der Kreis zum Thema Schulsozialarbeit.

„Wir haben hier mehr soziale Themen abzuarbeiten, als das vielleicht an anderen Schulen notwendig ist“, sagt Jan-Dirk Zimmermann. Die Themen, mit denen das Kollegium immer wieder konfrontiert wird, sind allerdings die Klassiker der Schulsozialarbeit: Probleme im Elternhaus, Zoff mit den Mitschülern, Mobbing oder Cybermobbing, Drogen, Gewalt. Wenn etwas hochkoche im Schulalltag, sagt Zimmermann, dann sei es wichtig, dass eine Vertrauensperson ein offenes Ohr hat, Gespräche führt, auch mal vermitteln kann und weiß, wo es weiterführende Beratung gibt. Denn natürlich gibt es Konflikte an einer Schule, in der sich so viele Kulturen begegnen, und unter Schülern, die aus ganz unterschiedlichen Elternhäusern kommen. „Wir betreiben hier Kulturinklusion“, sagt der Schulleiter über seine „very international school“.

Mittags gestaltet Rodtheut regelmäßig Sportangebote in der Turnhalle. „Und da ergeben sich am Rande immer wieder Gespräche“, sagt er. „Die Schüler wissen, dass hier einer ist, mit dem man offen reden kann“, sagt er. Finanziert wird sein Einsatz über das Programm „Geld statt Stelle“.

Seit Jahren arbeitet das Geschwister-Scholl-Gymnasium mit der Hauptschule Aretzstraße und der Hugo-Junkers-Realschule im Schulverband Aachen-Ost zusammen. Für diesen Zusammenschluss wurde mittlerweile eine Schulsozialarbeiterstelle eingerichtet. An einem Tag in der Woche kann sich auch das Gymnasium die Fachkraft ins Haus holen. „Aber Probleme müssen dann aufgefangen werden, wenn sie akut sind“, sagt Zimmermann, „und nicht nur am Mittwoch, wenn der Schulsozialarbeiter da ist“. Mit einem Beratungstag, wie er auch für andere Aachener Gymnasien installiert wird, sei seiner Schule nicht wirklich gedient, ist der Schulleiter überzeugt.

Neben Rodtheut übernehmen auch die beiden Lehrerinnen Barbara Philipp-Dix und Inge Dahlmann Beratungsarbeit an der Schule. Aber selbst wenn es irgendwann eine offizielle Sozialarbeiterstelle am GSG gibt, werde man das jetzige bewährte Angebot nicht über Bord werfen, kündigt Zimmermann an: „Schulsozialarbeit ist Beziehungsarbeit. Da muss Vertrauen aufgebaut werden.“

Mehr von Aachener Nachrichten