Interview zu 100 Jahren Waldorfschule: Wie populär ist Rudolf Steiner heute noch, Professor Barz?

Interview zu 100 Jahren Waldorfschule : Wie populär ist Rudolf Steiner heute noch, Professor Barz?

Welchen Stellenwert hat die Waldorf-Pädagogik heute? Unser Redakteur Peter Pappert hat mit Heiner Barz gesprochen, Professor für Erziehungswissenschaft und Leiter der Abteilung für Bildungsforschung an der Universität Düsseldorf.

Herr Professor Barz, was ist Waldorf-Pädagogik?

Barz: Es ist ein alternatives Erziehungsmodell, das vor gut hundert Jahren entstanden ist – wie viele andere Reformkonzepte zum Beispiel von Maria Montessori oder die Antiautoritäre Erziehung von Alexander Sutherland Neill, Summerhill. Es ging um ein Erziehungsprinzip, das die Kinder und deren Bedürfnisse im Blick hat. Man spricht deshalb auch von einer „Pädagogik vom Kinde aus“. Maßstab war nicht, welcher Nachwuchs für Wirtschaft, Militär oder Verwaltung gebraucht wird, sondern das Kind und seine Entwicklungsphasen.

Bewegung, Handwerk, Kreativität – sind das die Leitlinien der Waldorf-Pädagogik?

Barz: Die Waldorf-Pädagogik spricht von Leib, Seele, Geist oder Kopf, Herz und Hand. Die Kinder sollen ganzheitlich angesprochen werden, weil der Mensch nicht nur durch Denken und Rationalität bestimmt wird, sondern auch durch seinen Körper, der nicht nur dazu da ist, den Kopf zum Unterricht zu tragen. Auch die Seele und das Gefühlsleben sollen in der Schule aktiviert werden.

Kein Sitzenbleiben, keine Noten – ist das gut oder schlecht?

Barz: Wie auch immer man dazu steht, in vielen Grundschulen mehrerer Bundesländer wird es mittlerweile ähnlich gehandhabt. Da war die Reformpädagogik schon Vorreiter. Deren Schulen haben das ausprobiert und festgestellt, dass es funktioniert. Die Erklärung: Kinder orientieren sich weniger an äußeren Leistungsanforderungen und Belohnungen, sondern mehr an ihren eigenen Interessen und Ansprüchen.

Warum ist die Waldorf-Pädagogik so umstritten?

Barz: Das hat verschiedene Gründe. Wer etwas anders machen will als bisher, stößt immer auf Skepsis. Bei der Waldorf-Pädagogik kommt hinzu, dass sie auf einer speziellen Weltanschauung gründet, der Anthroposophie, einer sehr vielschichtigen Weltanschauung. Rudolf Steiner, der Begründer, hat für nahezu alle Lebensbereiche anspruchsvolle Maßgaben und Empfehlungen formuliert

Steiners Anthroposophie ist die Lehre, wonach der Mensch höhere seelische Fähigkeiten entwickeln und dadurch übersinnliche Erkenntnisse erlangen kann. Stimmt das so?

Barz: Das ist nur ein Element. Die Anthroposophie ist ein vielschichtiges Gesamtkunstwerk. Steiner beansprucht, dass man nach bestimmten Übungen Einblicke gewinnen kann, die den normalen menschlichen Sinnesorganen verborgen bleiben, dass man z.B. mit gewisser Aufmerksamkeitsschulung aus der Gestik, Mimik und Haltung eines Menschen dessen innere Stimmungen entschlüsseln kann.

Sind Waldorf-Schulen heute noch von der anthroposophischen Lehre geprägt?

Barz: Sie sind von Steiners Grundüberzeugungen nach wie vor stark geprägt: „Der Mensch ist mehr als bloße Rationalität.“ Die Elemente einer Art übersinnlicher Geheimwissenschaft spielen heute aber nur noch ein geringe, in der Schulpraxis gar keine Rolle.

Wie sehen Sie Rudolf Steiner? War er ein visionärer Pädagoge oder ein rassistischer Esoteriker?

Barz: Er war in seiner Zeit schon genial und hat interessante Zusammenhänge festgestellt – päda- gogisch und psychologisch, in der Medizin oder auch in der Bio-Landwirtschaft (Demeter). Der Philosoph Peter Sloterdijk hat ihn einen „Antennen-Menschen“ genannt.

Warum sind Steiners Pädagogik und die Anthroposophie heute überhaupt noch so populär?

Barz: Dass Eltern ihre Kinder in Waldorf-Schulen anmelden, liegt an der Attraktivität des Anspruchs, Kinder und deren Kreativität ganzheitlich zu bilden, Handwerk und Künstlerisches wie Körperliches nicht zu vernachlässigen. Und es liegt nicht zuletzt auch am Frust über staatliche Schulen.

Gibt es mehr Vorurteile oder mehr berechtigte Kritik an der Waldorf-Pädagogik?

Barz: Es gibt wahrscheinlich mehr Vorurteile. Menschen hören irgendetwas von Eurythmie, „Namentanzen“ oder „Baumschule“ und gehen davon aus, dass in Waldorf-Schulen gar nicht richtig unterrichtet und gelernt wird. Das ist ein Zerrbild.

Welche Kritik ist berechtigt?

Barz: Auch an Waldorfschulen wird nur mit Wasser gekocht. Nicht jeder Lehrer ist ein Genie seines Fachs. Und Waldorfschüler müssen am Ende doch staatliche Prüfungen ablegen, was manchmal als Bruch empfunden wird und zu hohen Nachhilfequoten führt.

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