Umweltschutz beim Reitturnier: Wie nachhaltig ist der CHIO?

Umweltschutz beim Reitturnier : Wie nachhaltig ist der CHIO?

Wenn wie beim CHIO Tausende Menschen an einem Ort zusammenkommen, dann ist das für die Umwelt kein Zuckerschlecken. Wie nachhaltig ist das weltgrößte Reitturnier? Vertreter von der Initiative Aachen Unverpackt haben auf Einladung unserer Zeitung das Gelände in der Soers in Augenschein genommen.

Am Piazza Lavazza kommt Paul Deubner dann doch überrascht ins Stocken. Ein Aussteller informiert über seine Recyclingprodukte. Koppelzäune, Bänke, Hocker. Allesamt gefertigt aus Altplastik und Verpackungen, die irgendwann mal im Gelben Sack gelandet sind.

„Wenn ich das Wort ‚Recycling’ lese, werde ich sofort getriggert“, sagt der 21-jährige Student, fast schon entschuldigend für sein abruptes Stehenbleiben. Dass ihm dies auch auf dem CHIO-Gelände passieren würde, hätte er indes nicht erwartet. Ein Pluspunkt in Sachen Nachhaltigkeit.

Der Blick für eine umweltbewusste und auf Dauerhaftigkeit gerichtete Lebensweise liegt Deubner sozusagen im Blut. An der RWTH studiert er im vierten Semester Umweltingenieurwissenschaften. Er ist zudem ein Gründungsmitglied der Initiative Aachen Unverpackt, die sich unter anderem der Abfallvermeidung und dem nachhaltigen Konsum verschrieben hat. Mit Reitsport kennt er sich nach eigenen Angaben hingegen nicht aus. Deshalb ist sein Besuch auf dem CHIO-Gelände in der Soers auf Einladung unserer Zeitung auch eine Premiere.

Mit seiner gleichaltrigen Mitstreiterin Malina Georg, ebenfalls angehende Umweltingenieurwissenschaftlerin, ebenfalls Gründungsmitglied der Initiative Aachen Unverpackt, nimmt er für uns einen Nachmittag lang das größte Reitturnier der Welt in Augenschein. Dabei ist den beiden Studenten eines wichtig zu betonen: „Einfache Antworten gibt es beim Thema Nachhaltigkeit nicht.“ Wer die Diskussion darüber, ob Papiertüten in Supermärkten wirklich umweltfreundlicher sind als Plastiktüten, verfolgt, kann das sicher nachvollziehen (siehe Infokasten). Es ist ein Abwägungsprozess.

362.600 Besucher auf dem CHIO

Klar dürfte jedoch sein: Wenn Tausende Menschen an einem Ort aufeinandertreffen, dann ist das für die Umwelt kein Zuckerschlecken. Erst recht nicht, wenn allein die aktiven Teilnehmer – Reiter, Fahrer und Voltigierer – aus 30 Nationen kommen. 2018 zählte der CHIO 362.600 Besucher. Dass diese nicht alle ausschließlich mit dem öffentliche Nahverkehr in die Soers fahren können, ist natürlich auch Paul Deubner und Malina Georg klar. Auch, wenn der CHIO diese Form der Anreise ganz bewusst fördert. Mit jeder Eintrittskarte zum Turnier ist die Hin- und Rückfahrt mit allen Bussen und Bahnen im Aachener Verkehrsverbund inklusive.Ein Anreiz, den das Umweltbundesamt unter anderem in seinem Leitfaden für die nachhaltige Organisation von Veranstaltungen vorschlägt.

Auch Malina Georg ist davon angetan. „Aber man sieht schon, dass der Fokus darauf liegt, dass die Besucher mit dem Auto kommen.“ Fahrradständer seien zwar vorhanden, in der Anzahl aber doch zu rar gesät, zumindest am Soerser Sonntag, als 30.000 Menschen aufs CHIO-Gelände strömten, sei das deutlich geworden. Dafür bieten die städtische Parkhausgesellschaft Apag sowie zahlreiche private Anbieter in der Soers und Umgebung Tausende Stellplätze an. Auch die Reitsportler legen während der Turnierwoche einige Kilometer zurück, und zwar nicht hoch zu Ross, sondern mit dem Auto. 45 Fahrzeuge werden für den offiziellen Shuttle-Service benötigt, davon werden seit diesem Jahr erstmals sechs Fahrzeuge elektrisch betrieben.

So unterschiedlich die Menschen anreisen, so unterschiedlich essen sie auch. Das bezieht sich beim CHIO nicht nur auf das Was, sondern auch auf das Womit. Mal werden Bier und Wein im Glas serviert, mal im Plastikbecher. Den Kaffee gibt es in der Tasse. Und auch im To-Go-Becher aus Papier. Die Fritten werden an einem Stand mit der Holzgabel aufgespießt, ein paar Meter weiter mit der Plastikgabel. Vereinzelt gibt es auch Essensportionen in Bambusschalen.

„An einem einzigen Stand habe ich zwei unterschiedliche Systeme gesehen“, sagt Paul Deubner. „Die Crêpes werden auf einem beschichteten Papierteller serviert, die Dampfnudel auf einem unbeschichteten.“ Eine Straße weiter werden wiederum drei Euro Pfand für ein Schraubglas erhoben, in dem frisches Obst verkauft wird. „Hier zeigt der CHIO, dass es auch nachhaltig geht“, sagt Deubner – im Gegensatz zu jenem Stand, an dem das gleiche Angebot in einem Einwegplastikbecher verkauft wird. Der dann wiederum innerhalb kürzester Zeit im Müll landet. Immerhin: „Man sieht wenig Müll auf dem Boden liegen, auch kaum Zigarettenkippen“, so Malina Georgs Eindruck. Diese Einschätzung dürfte die Verantwortlichen beim CHIO freuen. Schließlich ist das Reinigungsteam in drei Schichten mit mehr als 100 Mitarbeitern im Einsatz.

Thema Nachhaltigkeit sehr wichtig

Für Turnierdirektor Frank Kemperman ist das Thema Nachhaltigkeit nach eigenen Angaben sehr wichtig. „Wir versuchen, so umweltfreundlich wie möglich zu sein.“ So würden die Hauptgastronomen mittlerweile alle auf Plastikgeschirr und -besteck verzichten. Auch mit den zahlreichen kleineren Gastronomen suche man das Gespräch. „Die Welt versteht langsam, dass dies erforderlich ist.“ Daran habe sicherlich auch die Jugendbewegung „Fridays for Future“, die Ende Juni in unmittelbarer Nachbarschaft auf dem Tivoli-Vorplatz für mehr Klimaschutz demonstriert hat, ihren Anteil. „Die Jugend hat einfach recht“, so Kemperman. Allerdings müsse man auch realistisch sein. „Die Pferde müssen transportiert werden. Aber was wir machen, soll so umweltfreundlich wie möglich sein.“

Für die Vertreter von Aachen Unverpackt besteht da noch Nachholbedarf. Ein einheitliches Pfandsystem für alle Gastronomen wäre eine Option. Außerdem sollte man verstärkt auf regionale und mehr vegetarische und vegane Produkte setzen, schlägt Paul Deubner vor. Allerdings: „Ein nachhaltiger Besuch des CHIO ist möglich, aber man muss dafür schon Eigeninitiative ergreifen“, schlussfolgert Malina Georg. Insofern spiegele das, was sie in der Soers beobachtet habe, die Gesellschaft ganz gut wider: Die einen machen sich offensichtlich schon viele Gedanken darüber, wie man nachhaltig leben kann. Andere müssen noch etwas dazulernen.