Wie der Besuch von Franz-Josef Strauß in Aachen vor 50 Jahren misslang

50 Jahre zurückgeblättert : Die misslungene Wahlveranstaltung mit Franz-Josef Strauß

Wer Franz-Josef Strauß zu seinen besten Zeiten als Wahlkämpfer erlebt hat, der kann sich ausmalen, wie es an diesem Nachmittag im Neuen Kurhaus zugegangen sein muss. Der damalige Bundesfinanzminister sollte der Aachener CDU und ihrem Kandidaten Dr. Franz-Josef Bach Rückenwind im Bundestagswahlkampf geben. Aber es kam ganz anders.

Zurückgeblättert: So berichteten die Aachener Volkszeitung und die Aachener Nachrichten am Donnerstag, 28. August 1969, über die in großen Teilen misslungene Stippvisite von Strauß in Aachen.

Um es vorweg zu nehmen. Gesprochen hat Strauß nicht. Oder nur wenig. Zumindest auf der Bühne. Hinterher soll er ziemlich viel geredet und seinen Parteifreunden mächtig die Leviten gelesen haben. „Strauß-Rede nach Störaktionen abgebrochen“ lautet die Schlagzeile auf dem AVZ-Titel. In den AN stand: „Nach 20 Minuten gab Strauß auf“.

Was war geschehen? Franz-Josef Strauß sollte gegen 17 Uhr im großen Saal des Kurhauses an der Monheimsallee sprechen. Der Saal war zu diesem Zeitpunkt schon völlig überfüllt, viele mussten draußen bleiben. Drinnen waren auf jeden Fall auffallend viele junge Menschen, denen man am – heutzutage würde man sagen – „Outfit“ hätte ansehen können, dass sie nicht ins klassische Bild eines wackeren Christdemokraten der 1960er Jahre passen würden. Die Nachrichten schrieben: „Die APO war im Saal.“ Diese „außerparlamentarische Opposition“ soll sich mit gefälschten Einlasskarten unters CDU-Volk gemischt haben. Man saß in den vorderen Reihen, dort, wo eigentlich die christdemokratischen Honoratioren Strauß beklatschen sollten. Stattdessen klatschte die „APO“. Und nicht nur das. Laut AN wurde auch „gelacht und auch gebellt“. Gebellt? Die Demonstranten bemühten Vergleiche aus der Fauna. „Der Strauß ist eines der größten Tiere“, stand auf einem Plakat. Durch den Saal schallte „He-ha-ho – Strauß in den Zoo“.

Der mächtige Mann aus Bayern war sauer. Nicht dass ihm oberhalb des Weißwurstäquators Gegenwind unbekannt gewesen wäre. Im Gegenteil. Strauß lief meist dann zu Höchstform auf, wenn es der politische Gegner so richtig krachen ließ. Nicht so in Aachen. „Es hat gar keinen Sinn, dass ich mich physisch bis zur Auflösung strapaziere“, zitierte die AVZ den Bonner Minister aus Bayern. Strauß verließ den Saal und gab hinter der Bühne eine improvisierte Pressekonferenz. Es habe sich gezeigt, sagte er, dass „die Vorbereitungen zu solchen Veranstaltungen in Zukunft noch kritischer zu überprüfen sind“. Einer kritischeren Überprüfung hätte wohl auch die Lautsprecheranlage bedurft. Die soll so schwach auf der Brust gewesen sein, dass Strauß’ Rede, beziehungsweise das, was davon übrig blieb, kaum zu verstehen war.

Strauß, die Aachener CDU und die APO fanden übrigens auch ihren Weg ins Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Der zitierte in seiner Ausgabe vom 1. September 1969 eine noch markantere Reaktion von Strauß auf permanente Störungen. Wenn in Bayern, so soll Strauß gesagt haben, „mal Zwischenrufer waren, brauchten die Bauern bloß die Ärmel hochzukrempeln“.

Da ging es im Westzipfel doch zivilisierter zu. Die Aachener Nachrichten sahen in dem leicht aus dem Ruder geratenen Wahlkampfnachmittag sogar eine „Unterrichtsstunde in Sachen Demokratie“. Wer das Verhalten der Menschen in einer solchen Situation beobachtet hat – die Aktionen der APO, die Reaktion des Ministers und der Vertreter der Aachener CDU, der APO-Sympathisanten und der APO-Gegner –, der habe viel dazugelernt. „Die Frage ist, ob Veranstalter und beide Besuchergruppen, die Ruhigen und die Unruhigen, zu lernen bereit waren.“ Darüber ist – leider – im August 1969 in den Zeitungen nichts mehr zu lesen.

Wahlkampfauftritt des damaligen Bundesfinanzministers Franz-Josef Strauß am 17. August 1969 im Neuen Kurhaus in Aachen. Foto: Sepp Linckens

Was machte noch Schlagzeilen oder war Thema am Rande? „Wollen Sie ein Mann von heute sein?“ fragte die Aseag per Stellenanzeige. Gesucht wurden auch im August 1969 „Omnibusfahrer“. Dem „Mann von heute“ musste man natürlich etwas bieten. Und das wurde in der Annonce in den AN und der AVZ beim Namen genannt: „Krisenfeste Dauerstellung, gute Bezahlung, Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld, Frauenzulage...“

Apropos Aseag und Busfahrer. Die Umstellung des ÖPNV auf alleinigen Busbetrieb – 1974 vollzogen – war bereits in den 1960er Jahren ein Thema in der Politik. Die Aseag rechtfertigte in der AVZ vom 28. August 1969 weitere Investitionen in die Straßenbahn mit dem Argument, dass dadurch eine „etwaige Umstellung auf Busbetrieb weder hinausgeschoben noch verteuert wurde“. Im Gegenteil sei „die Geschäftspolitik der Aseag darauf ausgerichtet, schrittweise den Straßenbahnbetrieb auf Omnibusbetrieb umzustellen“.

Trunkenheit am Steuer sowie Widerstandsleistung und Beleidigung von Polizeibeamten – die Aachener Volkszeitung berichtete über den Prozess gegen einen 28-jährigen Mann. Der war statt zur Spätschicht an die Theke gegangen – um seinen Frust zu ertränken. Ein „Ausnahmezustand“ brachte ihm dann mildernde Umstände ein. Die AVZ schrieb, dass der Ausnahmezustand „die Folge einer Erklärung seiner Braut an diesem Tag“ war, „dass sie die Verlobung als beendet betrachte, ohne Rücksicht darauf, dass Anschaffungen gemacht wurden und bald geheiratet werden sollte“. Statt der beabsichtigten Trauung gab es 700 Mark Geldstrafe und einen sechsmonatigen Verlust des Führerscheins ...

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