Aachen: Wer war Fredy Hirsch? Eine Spurensuche

Aachen: Wer war Fredy Hirsch? Eine Spurensuche

Hätte er überlebt, dann würde Fredy Hirsch womöglich am Donnerstag, 11. Februar 2016, hundert Jahre alt. Fredy Hirsch hat nicht überlebt. Am 8. März 1944 starb er im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Am kommenden Freitag, dem Tag nach seinem 100. Geburtstag, setzt das Aachener Couven-Gymnasium seinem ehemaligen Schüler ein Denkmal.

Das Mensa-Gebäude wird dann in „Fredy-Hirsch-Forum“ umbenannt.

Der Festakt am Couven-Gymnasium ist Teil der Initiative, mit der die Stadt Aachen in diesen Tagen ihren lange vergessenen Sohn würdigt. Beteiligt sind auch die Christlich-Jüdische Gesellschaft, die Jüdische Gemeinde und das Gedenkbuchprojekt für die Opfer der Shoah. Besonders bemerkenswert an der kleinen Veranstaltungsreihe: Zu Ehren von Fredy Hirsch kommen Zeitzeugen nach Aachen, die ihm vor Jahrzehnten begegnet sind, als sie Kinder waren im KZ.

„Vorbilder sind wichtig“, sagt der vor ein paar Tagen ausgeschiedene Couven-Schulleiter Günther Sonnen. „Wir hatten an unserer Schule einen Menschen, der sich für junge Leute stark gemacht hat, bis zu seinem Tod im KZ.“ Das neue „Fredy-Hirsch-Forum“ solle ein „Signal zur Erinnerungskultur“ sein, erklärt Sonnen.

Junge Leute suchen Antworten

Wer war Fredy Hirsch? In einer Arbeitsgemeinschaft suchen Schülerinnen und Schüler aus der Oberstufe schon seit Monaten nach Antworten. „In Aachen hatte man ihn ganz vergessen“, sagt Lehrer Peter Johannes Droste, der die Gruppe betreut.

Von 1926 bis 1931 besuchte Fredy Hirsch die Hindenburgschule, die seit 1945 den Namen Couven-Gymnasium trägt. Hirsch, der Jude und Homosexuelle, der sich in der jüdischen Pfadfinderbewegung engagierte, flüchtete 1935 zunächst vor den Nazis in die Tschechoslowakei, wurde 1941 aber ins KZ Theresienstadt gebracht. 1943 wurde er nach Auschwitz deportiert, wo er 1944 starb. In beiden Lagern kümmerte sich Fredy Hirsch hingebungsvoll um die Kinder. Viele der Kinder, das weiß man heute, verdanken ihm wohl ihr Leben.

Das Beispiel Fredy Hirsch, das persönliche Schicksal, mache Geschichte greifbar, sagt Droste. Der Aachener Schriftsteller Jürgen Nendza, der am Couven-Gymnasium unterrichtet, drückt das so aus: „Das sind keine Daten, das ist ein Leben.“

Der Mensch Fredy Hirsch interessiert auch Hicham Zaggoti, Nele Pudenz und Ece Ibili, die sich in der Fredy-Hirsch-AG engagieren. „Ein Held muss nicht perfekt sein, das finde ich faszinierend“, sagt Hicham Zaggoti. Die jungen Leute haben unter anderem im Aachener Stadtarchiv recherchiert, das eine Bildungspartnerschaft mit dem Couven-Gymnasium pflegt.

Und auch im Stadtarchiv hat man sich neu auf die Suche nach Fredy Hirsch gemacht, bestätigt Friederike Tiedeken: „Es gibt Dokumente, die wir jetzt erst finden, weil wir gezielt danach gesucht haben.“ Die Geburtsurkunde von Fredy Hirsch allerdings wird erst 2027 ins Archiv wandern und dann der Öffentlichkeit zugänglich sein. 110 Jahre werden solche Urkunden im Standesamt unter Verschluss gehalten.

Zur Freude der Forscher am Couven-Gymnasium hat sich ein Aachener gemeldet und ein Fotoalbum seines Vaters zur Verfügung gestellt, der zu Fredy Hirschs Zeiten die Hindenburgschule besuchte. Wer weitere Erinnerungen an Fredy Hirsch beisteuern kann, ist herzlich eingeladen, sich in der Schule zu melden.

Die Schulministerin kommt

Kontakt aufnehmen möchte man gerne auch zum Maler und Autor Karl Otto Götz, berichtet Jürgen Nendza. Der bekannte Künstler, ein gebürtiger Aachener, ist mittlerweile 101 Jahre alt. „Und er war ein Schulkollege von einem der Hirsch-Brüder.“

Paul Hirsch, Fredy Hirschs älterer Bruder, wanderte nach Bolivien aus und überlebte den Holocaust. Seine Tochter wird im Rahmen des Festprogramms für Fredy Hirsch in Aachen erwartet. Und auch vier der Kinder, um die Fredy Hirsch sich im KZ gekümmert hat, waren bereit, nach Deutschland zu reisen und in Aachen über ihre Erinnerungen zu sprechen.

Einige von ihnen werden auch das Couven-Gymnasium besuchen und dort Schüler treffen, ebenso wie Schulministerin Sylvia Löhrmann, die am Freitag für dieses Gespräch eigens die Schule besucht. Hicham Zaggoti, Nele Pudenz und Ece Ibili werden der Schulministerin dann auch ihre Forschungsergebnisse zu Fredy Hirsch vorstellen. Vor großem Publikum werden die jungen Leute ihren Vortrag dann am Abend beim offiziellen Festakt halten, der um 18 Uhr in der Aula beginnt. Dazu sind alle Interessierten eingeladen. Der Autor Dirk Kämper, der ein Buch über Fredy Hirsch geschrieben hat, wird im Rahmen des Festakts ein Gespräch mit den Zeitzeugen führen.

Mit Spannung, aber auch mit großem Ernst sehen die drei Couven-Schüler der Begegnung mit den Zeitzeugen entgegen. „Wir werden Menschen mit tief sitzenden Erfahrungen treffen“, wissen sie.

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