AKV-Festsitzung Orden wider den tierischen Ernst: Wenn der Saal richtig Feuer fängt

AKV-Festsitzung Orden wider den tierischen Ernst : Wenn der Saal richtig Feuer fängt

Der uniformierte Trupp stiefelt quer über den roten Teppich; beige Jacke, weißer Helm. Die Männer verdienen einen Orden zwischen all den eleganten Gästen in Abendgarderobe. Es ist 21.55 Uhr. Tatütata statt Täterä.

Vor dem Eurogress sind etliche Feuerwehrfahrzeuge mit Blaulicht aufgereiht; drinnen fahndet ein Löschtrupp nach der Ursache des Alarms. Eine Nebelmaschine hat in der Küche einen Rauchmelder ausgelöst. Halb so schlimm. Abmarsch. Das Publikum drinnen kriegt davon nichts mit, man ist viel zu beschäftigt. Und hat auf ganz andere Art Feuer gefangen.

Den Alarm dort haben die 4 Amigos ausgelöst. Und die will das Publikum einfach nicht von der Bühne lassen – dem eng getakteten Zeitplan bei der Ordensverleihung Wider den tierischen Ernst an Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner zum Trotz. Wegen der Aufzeichnung fürs Fernsehen sind dabei eigentlich keine Zugaben möglich. Eigentlich. Doch als die knapp 1400 Jecken im Europasaal nach drei Liedern der 4 Amigos lautstark eine Zugabe fordern, diese aber nunmal nicht möglich ist, da singt das Publikum sie einfach selbst. „Alaaf, der Öcher Schäng…“ hallt es minutenlang durch den Saal.

Total begeistert von seinen Aachenern zeigt sich NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. Eine geradezu diebische Freude strahlt der Landesvater aus, eben weil das Publikum die Amigos nicht einfach so von der Bühne ziehen lässt. „Das war Anarchie“, sagt Laschet. „Sie ahnen gar nicht, was das hinter der Bühne für ein Chaos ausgelöst hat“, sagt Moderator Jens Riewa im Anschluss an die vierstündige Sitzung. Doch. „Wir haben das hinter der Bühne gefeiert“, verrät David Lulley später. Gefeiert und reagiert. Denn: „Wir haben das Programm danach umgestellt“, erklärt AKV-Präsident Werner Pfeil. Um die Dramaturgie im Saal für die nächsten Redner wieder zu optimieren, sei der Auftritt von TN-Boom einfach vorgezogen worden. „Das war kein Problem“, so Pfeil, „sie standen ja ohnehin bereit.“ Und tanzen fantastisch.

Das sind diese kleinen Momente, die zumindest Lulley, der als Co-Moderator von Tagesschau-Sprecher Jens Riewa die Ordenssitzung zum dritten Mal moderierte, so mag – und die auch zum Karneval gehören. „Das war der schönste Moment des Abends für mich“, gibt er später zu. So ist es für den 42-Jährigen auch kein Problem, als Radio-Moderatorin Steffi Neu nach ihrer Rede auf der Bühne spontan in seine Abmoderation „grätscht“, um sich ein Küsschen abzuholen. Lulley bützt zurück – und fürs Fernsehen kann man es ja rausschneiden.

Wie viel vom Öcher Lokalkolorit in der 130-minütigen TV-Fassung landet, die heute Abend in der ARD bundesweit ausgestrahlt wird, dem Schnitt zum Opfer fällt, sieht man dann ab 20.15 Uhr. Neben den Politikern, die beim AKV – mutig und mehr oder weniger erfolgreich – in die Bütt steigen und den überregionalen Showprofis kommen immerhin neun von 20 Programmpunkten aus Aachen – oder mit Hastenraths Will, „dem charismatischen Vordenker aus dem Heinsberger Hinterland“ auch aus der näheren Umgebung.

Julia Klöckner wird neue AKV-Ritterin

Den Öcher Auftakt macht das Ex-Prinzenkorps mit Michael Kratzenberg, Thomas Jäschke und Thomas Sieberichs als Front- und neun weiteren ehemaligen Karnevalsprinzen als Backgroundsängern mit ihrem Lied „Sei einfach jeck“. Nach der inhaltlich zwar guten, aber keineswegs lustigen Rede von Justizministerin Katarina Barley als (abgefackelte) amerikanische Freiheitsstatue wirft der Song die Stimmung im Saal an. Anschließend beweist die Tanzformation „Little Diamonds“ der KG Eulenspiegel unter der Leitung von Nicole Hess mit ihrem extrem fantasievollen und flotten Showtanz, warum sie den mit 3333 Euro dotierten Zentis-Kinderkarnevalspreis nach 2003 zum zweiten Mal erhält. Die kleinen Ameisen wirbeln einfach zuckersüß durch das von der WDR-Fernsehmannschaft absolut perfekt ausgeleuchtete Bühnenbild.

Zeitsprung: Anders als später die 4 Amigos dürfen die Öcher Originale nur ein Medley alter Öcher Karnevalshits spielen – und das wegen des empfindlichen Fernsehtons leider nur als Vollplayback. Schade eigentlich, denn Michael Cosler, Guido Kempen, Dieter Frese, Peter Jacobs, Jürgen Faltin und Udo Hermanns haben im Öcher Fastelovend ihre Qualitäten als Livemusiker schon hinlänglich unter Beweis gestellt. Als Playback-Version verkaufen AKV und WDR die Sechs unter Wert.

Volles Haus: Prinz Tom I. und Kinderprinz Paul IV. marschieren mit Hofstaat und Garde auf – ein traditionell karnevalistischer Höhepunkt der Sitzung. Foto: ZVA/Harald Krömer

Im Doppelpack treten dann die Öcher Tollitäten, Prinz Tom I. und Märchenprinz Paul IV., auf. Im Gepäck haben sie ein gemeinsames Lied sowie die Gardetänze von Hanna Knauf und Emma Vopel beim kleinen und von Inga Dahlen und Sandro Gallazini beim großen Prinzen. Ohnehin ist der Tanzsport ein Schwerpunkt des Aachener Karnevals, wie die souveränen Auftritte des AKV-Balletts unter der Leitung von Maria Saacke sowie der atemberaubend spektakuläre Tanz von Wiebke Beckers beweisen. Das Mariechen der KG Eulenspiegel wird als Siegerin des Balls der Mariechen mit dem Lambertz-Ehrenpreis ausgezeichnet. Das ist Champions League im Karneval.

Dirk von Pezold als Anarchist

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Nach den 4 Amigos und der Dance Company TN Boom unter der Leitung von Marga Render folgt noch der Lennet Kann – diesmal gesungen von Kurt Christ und Sarah Schiffer. Doch Ex-AKV-Präsident Dirk von Pezold, der den Lennet lange Jahre auf der AKV-Bühne verkörperte, stiehlt den beiden mit einer Parallel-Performance im Saal glatt die Show. Auch das ist Anarchie. Einfach jeck!

Zum Finale noch ein Löschversuch: Warum es im Narrenkäfig eigentlich keinen Wein gebe, fragt Ordensritterin Julia Klöckner in ihrer Rede. Als dann fünf Minuten später ein Glas Weißwein gebracht wird, fällt ihr Urteil geradezu vernichtend aus: „Ja, der musste heute Abend wohl weg“, sagt die deutsche Weinkönigin von 1995. Der Saal johlt vor Glück. Nicht ahnend, dass der Wein, der von Klöckner keck kritisiert wird, genau der ist, den das Publikum den ganzen Abend über zu trinken bekommt. Zum Piepen.

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