Aachen: Wendelin Haverkamp: Kabarett mit spitzer Zunge

Aachen: Wendelin Haverkamp: Kabarett mit spitzer Zunge

Vergnüglich ist . . . in Aachen zu Wendelin Haverkamp zu gehen. „MetaPhysik kann man alles erklären”, behauptet er und verspricht im neuen Kabarett-Format „Privatissimo” deshalb „unterhaltsame Übungen zur Kritik der komischen Wissenschaften”. Die Künste, die Wissenschaften und der gesunde Menschenverstand treffen aufeinander.

Wendelin Haverkamp hält auch in der dritten „Privatissimo”-Vorlesung in der Couven-Halle in der Kármánstraße sein Versprechen. „Wie Wissenschaftler und Künstler ticken” klärt sich im Reigen von satirischem Kabarett, mit Gästen aus der RWTH und hinreißender Musik. „Privatissimo” abgekupfert vom „Privatissime” der Professoren akademischer Frühzeit, als in Deutschland „Urkunden noch per Hand ausgestellt wurden, Züge noch pünktlich fuhren und man Doktorarbeiten noch selber schrieb”, frotzelt der Gastgeber.

Haverkamp nimmt die „städtebaulich der Avantgarde huldigende” RWTH aufs Korn, wobei er vom Exzellenz-Platz der Elite-Universität und dem tiefsten Loch unter dem Super-C schnell anlangt bei der Rathaustreppe und dem Bahnhofsvorplatz.

Oder bei den 33 am Templergraben zu fällenden Platanen, was geschehe unter Mit-Regentschaft der Grünen, die zum Erstaunen des Wutbürgers herbeieilten mit der Motorsäge und dem Satz: „Oooch, das tut mir jetzt auch weh.” Die Grünen, „das sind ja die Guten”, ätzt Haverkamp und spottet bissig hinterher: „Das Leben ist schon kompliziert.”

Seinen ersten Gast, Professor Sebastian Lemmen vom Universitätsklinikum, Leiter des Zentralbereichs Krankenhaus-Hygiene, moderiert der Geschichtenerzähler an mit der Schnurre: „Was ist ein Pingel?” Pingel, pingelich, empfindlich, kleinlich - weiß der maas-rheiniche Öcher. Haarsträubende Hygiene-Schocks beim Bäcker, Fleischer und an der Käsetheke leiten über zur pingelichen Warnung: „Unbedingt die Hände waschen, wenn Sie einen Arzt berührt haben!” Der Hygiene-Prof erklärt seinen Job, zu vermeiden, dass Bakterien bei schweren Eingriffen in den Körper kommen, fordert Checklisten im OP und rühmt die bei der Infektions-Prävention überlegenen niederländischen Nachbarn.

Haverkamp spießt das Schulsystem auf, wundert sich über Turbo-Abitur, eingeführt obwohl der Mensch hat doch Zeit, weil wir immer älter werden. Er geißelt Vorbilder wie Mannesmann-Esser und eine „totale Ausnutzung des Systems, die Bereicherung als Kunstform” - und ist plötzlich auf die leise Tour bei scharfer systemkritischen Analyse und dem Jammer: „Wer Blödheit sät, wird Idioten ernten.”

RWTH-Rektor Ernst Schmachtenberg fängt den Bildungs-Ball auf. Klagt, die Politik gebe weniger Geld für die Bildung aus, daher kürzere Schulzeiten. 260 Millionen Euro Studiengebühren fallen weg, mit dem Geld hätte „ein exzellentes Studienprogramm für Arbeiterkinder” aufgebaut werden können. Verteidigt den Ausbau des RWTH-Campus mit 10.000 Arbeitsplätzen und die Auswirkungen auf die Stadt. Unterscheidet zwischen notwendig qualitativem und quantitativem Wachstum. Sieht keinen Widerspruch zwischen freier und auftrags- oder anwendungsorientierter Forschung.

Nach der Pause präsentiert Haverkamp das von ihm initiierte „Pech & Schwefel”, das Puppenkabarett des Öcher Schängche. Zwei Auftritte mit lokalem Kolorit und Hochdeutsch mit Streifen, aufgespießt die Städteregion, der Campus, die selbstverliebte stete Zurschaustellung des schönsten Aachener Printen-Königs an der Seite einer pompös-blonden Wasserstoffbombe, aufgespießt das vermaledeite Fach-Chinesisch der Presse: „Wat heißt dat denn?” fragt Maria ihren Josef, was auf Öcherisch noch immer sehr foin „Gosef” heißt, und der Gosef antwortet: „Dat heißt, dat die Leute von der Zeitung et auch nicht verstanden haben.”

Gut zu verstehen Haverkamps dritter Gast Oswald Dick, Chef der RWTH-Gästehaus-Verwaltung auf „Villa Königs-Hügel”. Dick erzählt Ameröllcher aus seinem 50-jährigen Arbeitsleben mit Gästen aus aller Welt. Ende August geht er in Pension, gibt die Schlüssel von Villa Königs-Hügel ab und endet seinen Talk kabarettreif: „Besser die Schlüssel abgeben als den Löffel.”

Heiter und vergnüglich ist das alles. Dem ist hinzuzufügen: brillant, virtuos, spielfreudig, originell, locker, leicht, farbenreich, vielgestaltig, grotesk. Mit diesen Attributen dürfen sich fünf weitere Gäste schmücken: Uwe Rössler und sein Tiffany-Ensemble aus Düsseldorf. Als „die großartigsten Geisterfahrer, seit es Salonmusik gibt” hat Wendelin Haverkamp sie angekündigt. Das kleine Streichorchester nimmt mit auf eine Reise durch die klassische Filmmusik, vom melancholischen Tango zum Schlager zum Musical, man sieht die Monroe tanzen und die Bergmann weinen bei „As time goes by” und schon wird es jazzig mit Gershwins „I got Rhythm”.

Damit die Zuschauer sie „nicht durch rhythmisches Klatschen erbetteln müssen”, feixt Uwe Rössler, legen die Beifallumrauschten zu „den angekündigten Zugaben” los, und Wendelin Haverkamp tritt hinzu und persifliert das „Kauf Dir einen bunten Luftballon” mit „Wähl Dir eine Bundeskanzlerin” und nimmt mit „über die Wolken, wo Frau Merkel wohnt”.

Beifall über Beifall. Vergnüglich ist . . . ein Abend mit Wendelin Haverkamp.

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