Welchen Namen Straßen in Aachen bekommen, entscheidet die Politik

Aachens Straßen (Teil 1) : Die Politik entscheidet, welche Straße wie heißt

Manchmal geht es ganz schnell, und manchmal dauert es etwas länger, doch immer zählt: Die Entscheidung darüber, wie Straßen in Aachen benannt werden, fällt die Politik. Dabei müssen allerdings einige Regeln beachtet werden.

Die Akte über den Auguste-von-Sartorius-Weg ist besonders dick. Sie enthält mehrere Ausschnitte von Stadtplänen; eine Kopie des Antrags, eine Straße nach der Gründerin des Kindermissionswerks zu benennen; den Beschluss der Bezirksvertretung Aachen-Mitte von 2004, ebendies im Neubaugebiet „Guter Freund“ umzusetzen; Dokumente über die Aachener Ordensfrau; Presseberichte, Schriftverkehr. Eben all das, was der Prozess einer Straßenbenennung so mit sich bringt.

„Die meisten Akten sind wesentlich dünner“, sagt Frank Kipka. Er weiß, wovon er spricht. Als Leiter des Fachbereichs Geoinformation und Bodenordnung sitzt er im 3. Stock des Verwaltungsgebäudes an der Lagerhausstraße quasi an der Quelle. Ein kurzer Gang ins Nebenzimmer, und schon hat er Zugriff zum gesamten Informationsbestand über Aachens Straßen. Rund 1600 Akten sind in den zwei mittlerweile schon leicht verblichenen Schränken verstaut. Jede einzelne erzählt ihre ganz eigene Geschichte.

In den meisten Fällen beginnt diese Geschichte mit einem Vorschlag. Auch wenn zahlreiche Straßen, vor allem in der historischen Innenstadt, gefühlt „schon immer“ ihren Namen tragen, ist der Prozess, wie Wege und Gassen zu ihrer Bezeichnung kommen, zutiefst demokratisch. „Jeder kann einen Vorschlag machen“, sagt Kipka. Etwa indem man einen Antrag im Bürgerforum stellt.

Die Anregungen werden auf einer Liste gesammelt und vom Fachbereich Geoinformation und Bodenordnung geprüft. Gibt es einen historischen Bezug? Passt der Name zu den umliegenden Straßen? Bei Neubauvorhaben, hinter denen ein Investor steht, habe dieser oft schon ein paar Ideen parat, berichtet Kipka. Bei städtischen Bauvorhaben kommen Vorschläge oft aus den Reihen der Politik.

Wenn auf dem Gelände der alten Tuchfabrik Becker in Brand 270 Wohneinheiten fertiggestellt sein werden, werden viele Anwohner wahrscheinlich Adressen haben, die in irgendeiner Form einen Bezug zum Tuchgewerbe haben. Foto: ZVA/Harald Krömer

Im Neubaugebiet in Kornelimünster-West trifft man zum Beispiel auf allerlei Maler. Und wenn auf dem Gelände der alten Tuchfabrik Becker in Brand 270 Wohneinheiten fertiggestellt sind, werden viele Anwohner wahrscheinlich Adressen haben, die in irgendeiner Form einen Bezug zum Tuchgewerbe haben werden. Die Entscheidung über konkrete Straßenbezeichnungen fällt in den Bezirksvertretungen. In seltenen Fällen, etwa wenn sich eine Straße über mehrere Bezirke erstreckt, ist ein Beschluss des Stadtrats erforderlich.

Manchmal geht es ganz schnell

Wie viel Zeit zwischen einem Namensvorschlag und dem Aufstellen des entsprechenden Schildes verstreicht, sei dabei ganz unterschiedlich, sagt Kipka. Im Falle der Ehrung der Ordensschwester Auguste von Sartorius seien seit dem Antrag schon einige Jahrzehnte ins Land gegangen. Ein Schild steht immer noch nicht. Beim Moscheeplatz, der Ende Juni vor der Yunus-Emre-Moschee feierlich eröffnet wurde, sei hingegen alles sehr schnell gegangen. Der Antrag der Ditib-Gemeinde stammt von Juni 2018, im Januar 2019 stimmte die Bezirksvertretung Aachen-Mitte dem Vorhaben zu.

Hätte die Ditib-Gemeinde den Vorplatz nach dem türkischen Dichter Emre selbst benennen wollen, wäre der Antrag allerdings nicht so erfolgreich gewesen. Im Februar 2017 hat die Bezirksvertretung Aachen-Mitte den Beschluss gefasst, Persönlichkeiten nicht mehr durch Benennungen oder Umbenennungen von Straßen zu ehren. Zu groß ist das Risiko, dass Jahre später doch die sprichwörtlichen Leichen im Keller gefunden werden und die Straße dann wieder aufwendig umbenannt werden muss.

Das sei nämlich gar nicht mal so einfach, erklärt Kipka. Schließlich geht eine Umbenennung nicht nur mit dem Austausch eines Straßenschildes einher. Eine neue Adresse hat Auswirkungen auf jeden einzelnen Anwohner. Sie müssen sich ummelden, womöglich Visitenkarten und Briefköpfe neu drucken lassen. Um etwa Namen, die mit der NS-Zeit zusammenhängen, zu ändern, ist die Empfehlung einer entsprechenden Experten-Kommission erforderlich. Bei der Graf-Schwerin-Straße, die heute wieder Kornelimünsterweg heißt, waren sich die Experten einig.

Es darf nur eine geben ...

Im großen Stil wurden zuletzt im Zuge der kommunalen Neugliederung zum 1. Januar 1972 Straßen umbenannt, sagt Dieter Rave, der seit rund 20 Jahren im Fachbereich für die Straßenwidmung zuständig ist. Die Rathausstraße habe es davor in fast jedem Bezirk gegeben. Damit die Anwohner nicht nur postalisch eindeutig zu erreichen sind, sondern auch der Rettungsdienst eine Adresse problemlos auffinden kann, darf es in der Stadt Aachen jede Straße nur einmal geben.

Angaben zu diesen konkreten Umbenennungen finden sich im Geodatenportal der Stadt Aachen zwar nicht. Dafür gibt es zahlreiche andere Informationen über Wege und ihre Bezeichnungen. Die analogen Akten, die zurzeit noch in den Schränken neben Frank Kipkas Büro gelagert sind, werden Schritt für Schritt digitalisiert und in Kurzform ins Geoportal eingepflegt. Insgesamt gibt es in Aachen 1571 benannte Straßen. Zu etwa zwei Dritteln gebe es bereits entsprechende Einträge im Verzeichnis der Stadt, das im Internet für jeden zugänglich ist, so Kipka. Ganz so ausführlich wie die Daten in den analogen Akten sind die Angaben allerdings nicht. Deshalb werden der Fachbereichsleiter und seine Mitarbeiter wohl auch in Zukunft immer mal wieder die Schränke im Nebenraum aufsuchen müssen, wenn sie etwas über die Hintergründe der Straßennamen erfahren wollen.

Mehr von Aachener Nachrichten