Aachen: Warum Luther in Aachen keine Rolle spielte

Aachen : Warum Luther in Aachen keine Rolle spielte

Als Martin Luther im Jahr 1517 seine Thesen in Wittenberg veröffentlichte — ob sie nun wirklich an die Schlosskirche genagelt wurden, sei einmal dahingestellt — interessierte das in der katholischen Stadt Aachen vermutlich kaum jemanden.

„Vielleicht wird es in Aachen jemanden gegeben haben, der wusste, dass es in Wittenberg eine Universität gab“, sagt Thomas Richter. Er ist Historiker an der RWTH Aachen, der sich wissenschaftlich mit der sich Kirchengeschichte in der Region auseinandersetzt. Er findet, dass man in Aachen das Thema Reformation am besten verdeutlichen kann, wenn man mit dem Ende eines langen Prozesses beginnt: Mit dem ersten öffentlichen reformierten Gottesdienst. Und der fand 1803 in der Annakirche statt. Knapp dreihundert Jahre nach Luthers legendärem Thesenanschlag. Richter sagt dazu: „Aachen war einfach kein Ort der Reformation.“

Sehr wohl sei Aachen aber eine Stadt gewesen, in der man sich mit Themen der Religion auseinandergesetzt hat. „Es ist belegt, dass Johann Tetzel, der Ablassprediger, in Aachen gewesen ist“, sagt Armin Drack, Pfarrer der evangelischen Annakirchengemeinde. „Nach einer Predigt in Aachen hat er 300 Gulden eingesammelt. Das ist viel“, weiß Thomas Richter. In Maastricht, wo Tetzel anschließend gewesen sein soll, seien hingegen nur 100 Gulden zusammengekommen. Auch Luther selbst soll, zumindest geht das aus einer historischen Quelle hervor, in Aachen gewesen sein. „Das war 1512“, sagt Thomas Richter, weist aber darauf hin, dass diese Angabe mit Vorsicht zu genießen ist.

Ob Luther nun in Aachen war oder nicht: 1512 gab es in der Stadt von Reformation noch keine Spur. Auch habe es in Aachen zu Beginn des 16. Jahrhunderts nicht den einen großen Prediger gegeben, der die Stimme Luthers gewesen sei. „Dennoch können wir davon ausgehen, dass in dieser Zeit viele Informationen über das Geschehen im Osten Deutschlands über Handelsbeziehungen auch nach Aachen gelangten — bis dann 1530 die sogenannten Aachener Religionsunruhen begannen.“

Der Adel beklagt sich

Angehörige der Tuchmacherzunft und andere Handwerker schlossen sich der Reformationsbewegung an, die teils auch durch Kaufleute aus den Niederlanden in die Stadt getragen worden war. Adelige und Stadträte beklagten den Verfall des katholischen Glaubens. Während dieser Zeit gingen viele Anhänger der lutherischen und reformierten Glaubensbewegung dazu über, die Ausübung ihrer Religion zur Privatsache zu machen. „Solange die Gottesdienste nicht öffentlich abgehalten wurden, ging das für viele Aachener in Ordnung“, sagt Thomas Richter.

Dort, wo heute die Mayersche Buchhandlung steht, stand einst ein Gebäude mit dem Namen Großer Klüppel. „Und jeder wusste, dass dort Protestanten ihre Gottesdienste feierten.“ Ende des 16. Jahrhunderts war es dann so, dass der Stadtrat der bislang durch und durch katholischen Stadt Aachen mehrheitlich protestantisch war. „Das war dann aber zu viel in den Augen des Kaisers, der prompt einen katholischen Rat einsetzte“, erzählt Richter.

Die Querelen zogen sich ins 17. Jahrhundert hinein, spitzten sich zu. Es gab zwei Hinrichtungen protestantischer Rädelsführer auf dem Aachener Markt. Dem angesehenen Goldschmied und Wortführer der Reformation, Matthias Kalckbrenner, stellte man eine Schandsäule gleich neben den Eäzekomp. Erst 1793 ließen die Franzosen die Säule abreißen.

In den knapp 200 Jahren zwischen der Errichtung und dem Abriss der Säule auf dem Markt hatte man sich in Aachen mehr oder weniger miteinander arrangiert — was in etwa bedeutete, dass das protestantische Leben in der Öffentlichkeit kaum stattfand. Viele einflussreiche reformatorische Familien hatten die Stadt bereits verlassen. „Allerdings ist es nur die halbe Wahrheit, wenn man sagt, dass die Pryms und Schleichers die Stadt nur verlassen haben, weil sie hier nicht beten konnten“, sagt Thomas Richter. Orte wie das benachbarte Stolberg oder Monschau hätten für die Industrie eben auch Standortvorteile geboten.

Zum Gottesdienst nach Vaals

Da die Protestanten in Aachen aber offiziell keine eigenen Gemeinden bilden durften, schlossen sich viele sowohl lutherische als auch reformierte Bewohner der Stadt den Gemeinden in Vaals an. 1649 wurde in Vaals die Hervormde Kerk mit deutscher Liturgiesprache errichtet, 1667 die Waalse Kerk für die französisch sprechenden Gläubigen aus der Wallonie. Und 1737 wurde die evangelisch-lutherische Kirche De Kopermolen erbaut, ebenfalls für die deutschen Gläubigen.

Um 1700 sollen in Aachen rund 25.000 bis 30.000 Menschen gelebt haben. Historiker Richter geht davon aus, dass jeden Sonntag rund 400 bis 500 Menschen in dieser Zeit einen protestantischen Gottesdienst in Vaals besucht haben. Der Kirchgang war seinerzeit, anders als heute, übrigens kein gemütlicher Sonntagsspaziergang. „Man muss davon ausgehen, dass Räuberbanden den Gläubigen auflauerten“, sagt Richter.

Das hatte spätestens dann sein Ende, als die von den Franzosen säkularisierte Annakirche der protestantischen Bevölkerung Aachens für ihre Gottesdienste angeboten wurde. Die Gläubigen organisierten eine neue Orgel und neues Kirchenmobiliar, und am 17. Juli 1803 wurde der erste Gottesdienst gefeiert. „Damals nutzten die Reformierten und die Lutheraner die Kirche noch im Wechsel“, erklärt Pfarrer Armin Drack.

Seitdem hat sich in Aachen und in der Weltkirche in Sachen Ökumene viel getan. Bei allen theologischen Unterschieden zwischen den verschiedenen Konfessionen des Christentums beschäftigt man sich immer häufiger auch mit den verbindenden Elementen. Alleine im Reformationsjahr gab es auch in Aachen zahlreiche Diskussionsrunden, Vorträge, Führungen. „Auch wenn man also in Aachen auf keinen Fall von einem Lutherjahr sprechen sollte — weil er eben als Figur bei uns kaum eine Rolle spielte — so hat doch das Reformationsjahr doch etwas gutes“, sagt Armin Drack.

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