Aachen: Warnung vor Tihange: Ärzte verteilen Jod

Aachen : Warnung vor Tihange: Ärzte verteilen Jod

Hausbesuch im Rathaus: Oberbürgermeister Marcel Philipp und die Mitglieder des Stadtrats bekommen am Mittwoch Besuch von Aachener Ärztinnen und Ärzten.

Die Mediziner wollen die Einwohnerfragestunde zu Beginn der Ratssitzung nutzen, um Jodtabletten an den OB und die versammelten Parlamentarier zu verteilen; Jodtabletten, die im Fall eines Atomunfalls im belgischen Tihange zumindest vor Schilddrüsenkrebs schützen sollen.

Hinter der Visite steht die Aachener Gruppe der „Internationalen Ärzte für die Verhütung eines Atomkrieges — Ärzte in sozialer Verantwortung“ (International Physicians for the Prevention of Nuclear War, IPPNW), eine Organisation, die für ihre Aufklärungsarbeit immerhin 1985 den Friedensnobelpreis bekam. Die Aachener Ärzte schlagen Alarm. Sie sagen: Aachen muss sich dringend wappnen gegen die Auswirkungen eines atomaren Störfalls in Belgien.

Das belgische Atomkraftwerk Tihange ist wegen Rissen im Druckbehälter derzeit abgeschaltet. Von Aachen ist die Anlage gerade einmal 65 Kilometer Luftlinie entfernt. Im Falle eines Atomunfalls in Tihange würde es nach Berechnungen von Experten bei Westwind etwa drei Stunden dauern, bis eine radioaktive Wolke in Aachen ankäme.

Drei Stunden, das sei im Ernstfall viel zu wenig Zeit, um die Aachener dann erst mit Jodtabletten zu versorgen und so zumindest vor Schilddrüsenkrebs zu schützen, argumentieren die Sprecher von IPPNW Aachen, der Allgemeinmediziner Dr. Wilfried Duisberg, der Pathologe Prof. Alfred Böcking und der Psychiater und Psychotherapeut Dr. Benno Peters. Sie fordern: Alle Haushalte und auch alle Kindergärten, Schulen und Hochschulen in Aachen müssen unverzüglich mit Jodtabletten versorgt werden.

„Es geht hier um etwas Bitterernstes“, betont Böcking. „Die Jodtabletten müssen vor dem Eintreffen der radioaktiven Wolke eingenommen werden. Das ist mit den derzeitigen Regelungen nicht zu schaffen.“ Durch die Einnahme von Jod soll in der Schilddrüse eine sogenannte Jodblockade aufgebaut werden, die die Aufnahme des gefährlichen radioaktiven Jods verhindert.

Mit den Tablettenpackungen wollen die Ärzte den Ratsvertretern auch Infozettel in die Hand drücken mit Hinweisen, wie im Ernstfall mit den Tabletten umzugehen ist. „Das sind keine Smarties“, warnt Duisberg. „Die Bevölkerung muss genau informiert werden, wie sie mit den Tabletten umzugehen hat.“

Die Bundesregierung habe solche Tabletten zwar in Deutschland gelagert, sagen Peters und seine Kollegen. Der französische Staat dagegen habe längst sämtliche Bürger mit Jodtabletten versorgt. Mit ihrer Aktion im Rathaus wollen die IPPNW-Vertreter die gewählten Repräsentanten der Stadt in die Pflicht nehmen: „Der Oberbürgermeister und der Stadtrat sollen dafür sorgen, dass jeder Aachener Haushalt eine Packung Jodtabletten hat.“ Und auch die Ausrüstung von Kitas und Schulen sei notwendig, sagen die Ärzte. „Die Kinder sind ja womöglich nicht zu Hause, wenn ein Atomunfall passiert.“

Was radioaktive Strahlung in der menschlichen Schilddrüse anrichtet, habe die Reaktorkatastrophe im ukrainischen Tschernobyl gezeigt, argumentieren die Vertreter von IPPNW. In Weißrussland, das in Windrichtung der atomaren Wolke lag, stieg die Zahl der Fälle von Schilddrüsenkrebs bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen um das 58-Fache.

Einsatz für den Ausstieg

Und die gesundheitliche Gefährdung infolge einer Havarie im Reaktorblock gehe noch sehr viel weiter. „Die Versorgung mit Jod ist angesichts der großen Bedrohung lediglich ein Detailthema. Mit unserer Aktion wollen wir auch zeigen, dass wir uns vor dieser Technologie nicht schützen können“, sagt Duisberg. „Und wir befürchten einen nukleartechnischen Unfall.“ Auch der belgische Reaktorblock Doel 3 liegt nur 150 Kilometer von Aachen entfernt.

„Wir bitten den Rat, sich weiterhin energisch für ein Abschalten der katastrophengefährdeten Atomanlagen in Tihange und Doel sowie für einen generellen Ausstieg aus der Kernenergie einzusetzen“, sagen Peters und seine Mitstreiter.

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